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Friedliche Menschenfresser

Die freiwillige Delikatesse

  • vonUlrich Seidler
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Ruhm oder Schlachtung: Doron Rabinovicis schnörkellos spannender Roman „Die Außerirdischen“.

Was tun, wenn man glaubt, nicht ohne Fleisch leben zu können, es aber nicht mit seinen ethischen Grundsätzen vereinbaren kann, Tiere zu töten? Der einzige Ausweg: Man müsste sich das Einverständnis der Tiere holen. Das wiederum ist schwierig, weil Tiere zu solchen folgenreichen Entscheidungen kaum fähig sind.

Nicht, dass unsere moralische Praxis schon so weit gediehen wäre, aber wer weiß, auf welchem Stand die Aliens sind. In Doron Rabinovicis neuem Roman „Die Außerirdischen“ bekommt die Erde Besuch von den Titelgebern. Auch wenn sie sich nicht blicken lassen, was zur Pointe des Buches gehört, macht schnell die Runde, dass es sich um friedliche Wesen handelt. Ihre Ankunft verspricht Zugang zu unendlichen Märkten und Ressourcen, also Wohlstand und Frieden. Einzige Bedingung: Man möge doch ein paar Menschen finden, die sich freiwillig schlachten und verzehren lassen. Nicht viele. Und wie gesagt, sie müssen sich freiwillig melden, sonst schmecken sie nicht.

Der Protagonist in diesem Gedankenexperiment heißt Sol. Er ist Gründer seines Feinschmecker-Online-Magazins namens smack.com. Als mit der Ankunft der Außerirdischen ein erstes, vorübergehendes, allein menschengemachtes Chaos ausbricht – Massenhysterie, Plünderungen, Stromausfälle, Atomkraftwerkhavarien, Kriminalität –, nutzt smack.com den Push und berichtet live.

Auch als sich die Lage erst einmal wieder beruhigt und die Menschheit die für sie vorteilhaft scheinende Situation einigermaßen überblickt, findet smack.com das Thema, das alle bewegt: Die Wettspiele, bei denen Freiwillige gegeneinander antreten, viel Geld und Renommee gewinnen können und – wenn sie denn verlieren – menschengerecht geschlachtet werden, auf einer traumhaften Südseeinsel.

Es ist ein bisschen absehbar, aber in seiner Folgerichtigkeit nichtsdestoweniger spannend, wie das Spiel seinen faschistischen Lauf nimmt und in der Barbarei endet, die einem aus der deutschen Geschichte bekannt vorkommt – noch angereichert durch den Irrsinn einer entfesselten Unterhaltungsindustrie. Doron Rabinovici scheint die Folgerichtigkeit seiner Konstruktion geradezu zu genießen, sie erlaubt ihm ein hohes Erzähltempo – er hält sich nicht mit unnötigem Kolorit oder Nebenhandlungen auf, er weiß, wo er hin will, und der Leser soll mit.

Der Schriftsteller und Historiker Rabinovici wurde 1961 geboren, als Sohn von David Rabinovici, der im Jahr 1944 aus Rumänien nach Palästina fliehen konnte. Die Mutter Suzanne-Lucienne wuchs in Wilna auf, überlebte Ghetto und Vernichtungslager und kam in den fünfziger Jahren nach Israel. 1964 siedelte die Familie nach Wien über.

„Die Außerirdischen“ ist Rabinovicis erstes Buch, in dem es nicht dezidiert um das Schicksal der Juden geht, das aber dieses Schicksal aus dem Zusammenhang hebt und somit seine Wiederholbarkeit spürbar macht. Oder würde jemand auf diesem Planeten freiwillig seine Hand dafür ins Feuer legen, dass die Menschheit dazugelernt hat?

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