+
Das freut Veranstalter und Besucher der Buchmesse: Der Buchmarkt in Deutschland entwickelt sich positiv.

Buchmesse Frankfurt

Für die Freiheit des Wortes

  • schließen

Menschenrechte stehen im Fokus der Frankfurter Buchmesse - und es gibt viel Beifall für Olga Tokarczuk, die neue Nobelpreisträgerin für Literatur.

Der Überraschungsgast wird mit warmem Beifall begrüßt. Olga Tokarczuk, vor wenigen Tagen zur Nobelpreisträgerin für Literatur gekürt, trifft den Ton, der die Eröffnungspressekonferenz der 71. Frankfurter Buchmesse beherrscht. Ein entschiedenes Plädoyer für Meinungsfreiheit, für Menschenrechte geht vom Podium aus. Die 57-jährige polnische Schriftstellerin bekennt sich zu einer „Literatur, die Menschen verbindet und das Gemeinsame herausstellt“. Die Autorin, die in ihrer Heimat von rechts heftig angefeindet wird, spricht vor den Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt von „unsichtbaren Fäden“, die Literatur zwischen den Menschen webe.

Auf einem Parkplatz zwischen Bielefeld und Berlin, bei einer Lesereise, erfuhr die Polin „vollkommen unvorbereitet“ von der Auszeichnung. Sie berichtet, wie warmherzig sie in Bielefeld von einer vielköpfigen Menschenmenge empfangen worden sei. Und sie zieht eine bemerkenswerte Parallele: Sie erinnert an die polnischen Freiheitskämpfer des 19. Jahrhunderts, die nach der Niederschlagung des Aufstands für Unabhängigkeit im Jahr 1831 nach Norddeutschland geflohen seien. Auch diese Polen habe die deutsche Bevölkerung herzlich empfangen, mit Essen und Trinken versorgt.

Im Gespräch mit Buchmessendirektor Juergen Boos betont Tokarczuk, sie gehöre zu einer „tiefverwurzelten, multikulturellen Tradition Polens“. Sie hoffe, dass ihre Bücher dazu beitrügen, Polen als „offene, warmherzige Gesellschaft“ zu zeigen, „die auch andere aufnimmt“.

Olga Tokarczuk, Trägerin des Literaturnobelpreises.

Das sagt die Autorin nur wenige Stunden nach dem Wahlsieg der rechtsgerichteten PiS-Partei in ihrer Heimat, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und für die Abgrenzung nach außen ausspricht. Ihr sei es wichtig, „in welchem Verhältnis wir zu den Schwächsten, den Ausgeschlossenen stehen“, sagt Tokarczuk. Immer wieder erhält die Schriftstellerin Applaus.

Auch der scheidende Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, thematisiert die „zunehmende Bedrohung der Menschen- und Freiheitsrechte“. Immer mehr Regierungen seien autokratisch und antidemokratisch, in immer mehr Ländern gebe es Repressalien.

Der Börsenverein werde nicht müde, die Bundesregierung aufzufordern, sich energischer für die Menschenrechte einzusetzen. „Die Freiheit des Wortes ist nicht verhandelbar“, betont Riethmüller unter Beifall. Buchmessendirektor Boos wirft einen Blick auf die Branche im Jahr 2025. Sie werde von noch stärkerer Diversifizierung und Dezentralisierung gekennzeichnet sein. Die Medienbranche müsse selbst innovativ sein, statt sich „von großen Konzernen treiben zu lassen“. Und: „Der Druck von Google und Amazon fordert uns heraus, unser Selbstverständnis zu überdenken.“

Boos lobt den Einsatz vieler Menschen in der Welt für den Erhalt demokratischer Grundrechte, darunter „auffallend viele junge Menschen“. Ihr Engagement „rüttelt uns auf“, sagt Boos. Gebraucht würden Autorinnen und Autoren, „die Widerstand leisten“, aber auch Verlage, Übersetzer, Bibliothekare, die sich in diesem Sinne einsetzten.

Francis Gurry. der Generaldirektor der World Intellectual Property Organization (Wipo), also der Weltorganisation für geistiges Eigentum, sieht „die Idee der internationalen Zusammenarbeit Angriffen ausgesetzt“. Vielen sei die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts zu hoch. Der US-amerikanische Anwalt macht ein Paradox aus: Während die Fähigkeit wachse, sich technisch zu verbinden, trenne sich die Welt immer mehr voneinander.

Der Buchmarkt in Deutschland entwickelt sich positiv. Vorsteher Riethmüller spricht von einem Umsatzplus von 2,5 Prozent von Januar bis September im Vergleich zum Vorjahr. Auch für den Rest des Jahres bleibe die Branche optimistisch. „Der Buchhandel behauptet sich in wachsender Medienkonkurrenz.“ Besonderes Interesse fänden Sachbücher. Hier sei der Umsatz in diesem Jahr bisher um 9,6 Prozent gewachsen. Bei Büchern über Natur und Technik betrage der Zuwachs sogar 26 Prozent, bei politischen Inhalten 18 Prozent. Darin spiegele sich das wachsende Bewusstsein für den Klimawandel. „Wir müssen unser Denken und unsere Lebensweise ändern“, sagt Riethmüller. Immer mehr Bücher entstünden mit Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion