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Salman Rushdie kurz vor der Eröffnung der Buchmesse.
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Salman Rushdie kurz vor der Eröffnung der Buchmesse.

Rushdie auf der Buchmesse

Für die Freiheit des Wortes

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Mit dem Auftritt des Schriftstellers Salman Rushdie setzt die Frankfurter Buchmesse ein starkes Zeichen.

So viel Kontrolle, so viele Polizeibeamte gab es nie in 35 Jahren bei der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse. Aber auch der Andrang von Journalisten, Kameraleuten, Fotografen ist immens. Anfangs ist der kleine Mann im grauen Anzug, der durch eine verborgene Tür rasch den Saal betritt, gar nicht zu sehen hinter der Wand der Medienleute. Salman Rushdie wirkt müde: Der indisch-britische Schriftsteller wird für wenige Stunden eingeflogen, um unter hohen Sicherheitsvorkehrungen über die Freiheit des Wortes zu sprechen.

Ein latenter Widerspruch. Seit 1989 lebt der heute 68-Jährige mit einer Fatwa, einem öffentlichen Todesurteil, ausgesprochen seinerzeit vom iranischen Staatspräsidenten Khomeini – wegen eines Buches, das ironisch das Leben des Propheten Mohammed spiegelt: „Die satanischen Verse“. Peter Weidhaas, von 1975 bis 2000 Direktor der Buchmesse, erinnert sich im Gespräch mit der FR daran, wie er versuchte, den Todesfluch aus der Welt zu schaffen: „Ich bin nach Teheran geflogen und habe fünf Stunden im Ministerium für religiöse Angelegenheiten verhandelt.“ Vergeblich.

Jetzt ist Weidhaas „sehr froh, dass die Buchmesse politisch Stellung bezieht“. Und genau das tut sie. In einer Zeit, da Hunderttausende vor Krieg und Terror nach Deutschland fliehen, hält der heutige Buchmessen-Direktor Juergen Boos die kämpferischste Rede seiner bisher zehnjährigen Amtszeit. „Es gibt den einen zentralen Aspekt der menschlichen Zivilisation, der für mich nicht verhandelbar ist – das ist die Freiheit des Wortes.“

Ungewohnt eindringlich bilanziert der 54-Jährige: „Die Freiheit des Wortes befindet sich zurzeit in einem sehr fragilen Zustand – sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unter Beschuss.“ Er appelliert an Autoren und Verleger: „Sie müssen stören. Sehen Sie Rushdie an. Er stört mit seiner Literatur. Die Verleger müssen auch stören – sie müssen gedankliche Stolpersteine herstellen.“ Und Salman Rushdie, in einem sanft perlenden, absolut druckreifen Englisch, schlägt in die gleiche Kerbe. Er spricht nicht explizit über sich selbst und seine Gefühle – sie lassen sich aus seinen Worten nur erahnen.

Der Mensch sei nun einmal ein „story telling animal“, das einzige auf der Erde. Deshalb gelte es, die Freiheit des Schreibens, die Freiheit des Redens zu verteidigen: „Sonst scheitern alle anderen Freiheiten!“ Die Freiheit der Sprache sei auch nicht kulturell spezifisch, beschwört er sein Auditorium, „das freie Wort ist ein universelles Prinzip“.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. In der Wirklichkeit weigerten sich Studierende der Duke University in Durham /USA, ein Buch zu lesen über lesbische Frauen – „weil es ihre religiösen Gefühle verletzt“.

Rushdie stellt dieser Atmosphäre das Gefühl der Freiheit entgegen, das er beim Besuch der Buchmesse empfinde: „Es ist ein Optimismus, der mich als Schreibenden sehr ermutigt.“

"Die Tyrannen verfolgen die Schreibenden"

Und der Schriftsteller präsentiert sich selbst als ein Kind der 60er Jahre. Einer Zeit, gewiss, die voll gewesen sei „von Torheiten“, von Drogen auch. Die aber doch dieser seiner Generation die Botschaft vermittelt habe: „Wir können die Welt ändern!“

Während der Autor redet, stehen rechts und links von ihm mit grimmiger Miene private Sicherheitsleute, die das Publikum nicht aus den Augen lassen. Schließlich hat der Iran wegen der Einladung Rushdies seinen Auftritt bei der Buchmesse abgesagt.

Der Autor zitiert aus der Geschichte Beispiele von Schriftstellern, die unter Diktatoren litten: der russische Dichter Ossip Mandelstam etwa, den Stalin in den Gulag schickte, wo er 1938 im Lager starb. Oder den römischen Dichter Ovid, der schon im Altertum wegen seiner kritischen und freizügigen Verse ans Schwarze Meer verbannt wurde – und ein Leben lang vergeblich auf Rückkehr nach Rom hoffte. „Die Tyrannen verfolgen die Schreibenden oft wegen ihrer Visionen.“

Am Ende verschwindet Rushdie so schnell wie ein Schatten, wieder durch die Tapetentür, umringt von Sicherheitsleuten. Fragen sind nicht zugelassen, es gibt keine Diskussion. Die offizielle Begründung des Buchmessen-Direktors: der enge Zeitplan. Aber der Auftritt des verfolgten Autors hinterlässt ein trauriges Gefühl der Hilflosigkeit.

Juergen Boos bedauert noch einmal, dass der Iran die Buchmesse boykottiert. „Ich möchte Ihnen sagen, dass ich nicht froh bin über den Boykott – denn damit geht einher, dass wir eine weitere Gelegenheit verpassen, uns mit den iranischen Kollegen auszutauschen.“

Boos aber bleibt überzeugt: „Unsere Ideen sind nicht totzukriegen.“

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