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Die Freiganghöfe im ehemaligen Stasi-Knast Bautzen II, der heute eine Gedenkstätte ist.

Schädlich Justizopfer

Freiheit im Kopf und in der Kehle

Susanne Schädlichs Buch „Herr Hübner und die sibirische Nachtigall“ über zwei Justizopfer, die in Bautzen inhaftiert waren oder nach Sibirien deportiert wurden.

Von Cornelia Geissler

Dietrich Hübner war 21 Jahre alt, als er im Juli 1948 in Dresden verhaftet wurde. Er ist einer der beiden Helden des Romans „Herr Hübner und die sibirische Nachtigall“ von Susanne Schädlich. Er ist aber auch eine reale Person, FDP-Mitglied, langjähriger höherer Beamter im Innenministerium in Bonn. Verhaftet wurde er als Jugendfunktionär der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands. Man hatte ihn dabei beobachtet, wie er einem Parteifreund half, Akten in die westliche Besatzungszone zu bringen. Offenbar ist ihm eine Falle gestellt worden. Ein sowjetisches Militärgericht verurteilte Hübner zu 25 Jahren Haft. Entlassen wurde er im August 1964 nach Westberlin.

Kann man über so jemanden einen Roman schreiben? Dietrich Hübner hat selbst zu Susanne Schädlich Kontakt aufgenommen. Jahrzehntelang hatte er geschwiegen, erst, weil man ihn darum bat: Der begonnene Prozess des Freikaufs von DDR-Häftlingen durch die BRD sollte nicht gefährdet werden. Später hatte er den Eindruck, sein Schicksal interessiere nicht weiter. Der FDP-Politiker Erich Mende, damals Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, fragte Dietrich Hübner laut Schädlich nach der Haft, „warum er nicht zu seinem persönlichen Vorteil Kompromisse eingegangen sei und sich zu Spitzeldiensten verpflichtet hätte. Dann wäre er schneller rausgekommen.“

Susanne Schädlich ist vor allem mit ihrem bewegenden Buch „Immer wieder Dezember – der Westen, die Stasi, der Onkel und ich“ aufgefallen, das nachzeichnet, wie die eigene Familie durch politische Ränke beschädigt wurde. Sie schreibt nun von den prägenden Jahren dieses Dietrich Hübner, die er in den Gefängnissen Bautzen und Brandenburg-Görden verbrachte. Sie erzählt an den Fakten entlang.

Er lebte auf einem anderen Stern

Deshalb wirkt das Buch eher wie eine Dokumentation als ein Roman. Im Detail hält Schädlich aber mit ihrer Sprache dagegen: „Er dachte, Ich lebe auf einem anderen Stern. Er dachte, Ich darf nicht verrückt werden. Er suchte nach Versen in seinem Kopf.“ Sie versetzt sich in die Gedankenwelt des Häftlings, in die einzige Freiheit, die ihm verblieben war, gibt ihm ruppige, lakonische Sätze. „Er machte sich die Zeit zu eigen, ihnen zum Trotz, die glaubten, er sei am Ende.“ Als renitenter Häftling, der etwa die Arbeit verweigert, als es gilt, Uniformen für die kasernierte Volkspolizei zu nähen, wird er immer wieder mit Einzelhaft und Nahrungsentzug bestraft. Susanne Schädlich schreibt, wie er sich seine Verlobte vorstellt, die Wohnung der Eltern, Dresden, Ausflüge nach Berlin, und wie er immer wieder an Essen denkt.

Genauso verfährt Schädlich mit der zweiten Figur aus dem Titel, der „sibirischen Nachtigall“. So wurde Mara Jakisch von den anderen Frauen im Arbeitslager genannt, zu dem sie die sowjetischen Besatzer verurteilt hatten. Sie war Operettensängerin, trat in Revuefilmen der dreißiger Jahre auf und suchte nach dem Krieg im Osten wie im Westen an ihre alten Erfolge anzuknüpfen. Doch das Wechseln über die Sektorengrenzen wurde ihr als Spionage ausgelegt. Nur einmal begegnen sich die beiden Helden des Buchs, als sie sich im Dresdner Gefängnis durch Klopfzeichen die Namen mitteilen. Gesehen haben sie sich nie,

Jakisch wird nach Sibirien verbracht. Hunger, Kälte und Schmutz sind kaum zu ertragen. Im Arbeitslager singt sie, schöpft Kraft aus der Musik. Jakisch kommt erst nach sieben Jahren frei. Schädlich erzählt beide Schicksale parallel. Das einzige Verbindungsstück zwischen ihnen bleibt das Unrecht, das an ihnen begangen wurde. Am Ende bleibt das ungute Gefühl, dass es keine Einzelbeispiele sind.

Susanne Schädlich: Herr Hübner und die sibirische Nachtigall. Droemer 2014. 240 Seiten, 19,99 Euro.

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