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Weg der Freiheit

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Von: Arno Widmann

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Aayan Hirsi Ali ist Autorin der Erzählung "Adan und Eva".
Aayan Hirsi Ali ist Autorin der Erzählung "Adan und Eva". © AFP

In Ayaan Hirsi Alis "Adan und Eva" lernen ein muslimischer Junge und ein jüdisches Mädchen sich kennen. Das Schöne: Sie interessieren sich nicht für die Welt der anderen, sondern für einander.

Eine Kindergeschichte. Eine Geschichte über Kinder und eine Geschichte, die man Kindern zu lesen geben kann. Wie die meisten der guten Kindergeschichten handelt sie von den wirklich ernsten Dingen. Von der Angst und dem Glück nämlich, man selbst zu sein.

Ein Märchen also. Hänsel und Gretel heißen hier Adan und Eva. Sie sind auch keine Geschwister. Adan lebt mit seiner Familie in Slotermeer, einem vorwiegend von Muslimen bewohnten Außenbezirk Amsterdams. Adan stammt aus Marokko, ist zwölf Jahre alt und wurde von der Stadtverwaltung auserwählt - innerhalb eines Integrationsprojekts -, in einer der besseren Schulen der Innenstadt unterrichtet zu werden.

Dort trifft Adan auf Eva Liebermann. Sie ist Jüdin. Ihr Vater ist reich, ihre Mutter tot, und die Stiefmutter möchte Eva loswerden. Adan und Eva finden Gefallen an einander. Sie lernen einander und ihre Familien kennen. Adan schmuggelt Eva mit in die wenig geliebte Koranschule. Evas Kopftuch lockert sich, der Imam schlägt mit dem Stock nach ihr. Eva wehrt sich.

Adan besucht Eva zuhause. Sie hat einen eigenen Computer. Eva lädt Adan ein, zum Abendessen zu bleiben. Es sind Gäste da. Adan ist den Wein nicht gewohnt. Er benimmt sich daneben. Adan, so heißt es bei den Liebermanns, ist kein Umgang für Eva, und Eva, so heißt es bei den Zakhrours, ist keiner für Adan.

Die beiden Zwölfjährigen fliehen. Eva will das Grab ihrer Mutter besuchen. Der Wald der Grimmschen Märchen, in dem überall Gefahren lauern, wird hier abgelöst von den Verkehrswegen der Großstadt. Die zu überlistenden Ungeheuer sind keine Hexen und Drachen mehr, sondern Fahrscheinkontrolleure. Längst ist die Polizei hinter ihnen her. Beide Familien haben Angst um ihre Kinder. Weniger Angst um ihr Leben, ihr Wohlergehen, als vielmehr Angst, das eigene Kind an die Welt der anderen zu verlieren.

Adan und Eva interessieren sich nicht für die Welt der anderen. Sie interessieren sich für einander. Das ist etwas ganz anderes. Das eine ist ein Thema für Tagungen, für Kommissionen, für Politik. Das andere betrifft den Einzelnen, seine diffusen Neugierden und Sehnsüchte. "Ich wusste nicht, dass sie eine Jüdin ist", sagt Adan. Die Wahrheit ist: Es hat ihn nicht interessiert. Alle in seiner Welt aber sagen, dass es ihn hätte interessieren müssen. Für ein jüdisches Mädchen darf er sich nicht interessieren. Eva geht es mit ihren liberalen Eltern nicht sehr anders. Auch sie finden, dass sie keinen Umgang haben sollte mit Besuchern einer Koranschule, dass sie besser bei ihren Leuten bleiben sollte.

Das Schöne an Ayaan Hirsi Alis Geschichte ist, dass es in ihr nicht darum geht, dass wir uns für die anderen interessieren sollen. Die Erzählung ruft nicht auf zum interkulturellen Dialog, sie ist kein Multikultimärchen. "Adan und Eva" sind zwei Jugendliche, die sich kennenlernen. Ihre Umgebungen versuchen das zu verhindern. Die Umgebungen siegen. Am Ende - das Ende steht hier gleich am Anfang - wird Adan zurück nach Marokko und Eva in ein Schweizer Internat geschickt.

Der Leser aber hat die Hoffnung, dass das zwar das Ende dieser Erzählung, aber keinesfalls das Ende von Adan und Eva ist. Sie werden ihre Wege gehen. Sie haben gelernt, mit ihren eigenen Augen zu schauen, und es wird islamistischen und westlichen Fundis schwerfallen, es ihnen wieder abzugewöhnen. Sie werden sich erinnern an ihre Zugfahrt, an die böswillige Härte, mit der ihre Eltern intervenierten. Sie sind auf dem Weg ins Freie gestoppt, zurückgeworfen worden. Sie werden ihn wieder suchen.

Sie waren nur ein paar Augenblicke lang, nur ein paar Millimeter außerhalb des ihnen zugestandenen Terrains, und schon werden sie bestraft. Sie haben die ersten Versuche unternommen, sie selbst zu sein, und schon zeigt man ihnen, dass man sie so nicht will. Das ist eine harte Lektion. Aber sie wird wirken - hofft der Leser für sich und für die Welt, in der er lebt.

Ayaan Hirsi Ali, 1969 in Somalia geboren, hat in Holland gelebt und dort den Zorn gewalttätiger Islamisten auf sich gezogen. Seit 2006 lebt sie, von Morddrohungen verfolgt, in New York. Der Erzählung von Adan und Eva wurden aus früheren Veröffentlichungen der Autorin ein bewegendes Porträt ihrer komplett verschleierten islamischen Religionslehrerin Aziza und der Essay "Die Notwendigkeit der Selbstreflexion im Islam" beigefügt. Das ist schade. Die Erzählung kann sehr gut auf eigenen Beinen stehen.

Ayaan Hirsi Ali: Adan und Eva. Aus dem Englischen von Anne Emmert, Piper Verlag, 160 Seiten, 14,95 Euro.

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