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Ein früher Medienstar: Bundeskanzler Ludwig Erhard gibt nach der Bundestagswahl 1965 eine Erklärung ab. Alfred Mierzejewski hat eine neue Biografie über den Wirtschaftswunder-Mann vorgelegt.
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Ein früher Medienstar: Bundeskanzler Ludwig Erhard gibt nach der Bundestagswahl 1965 eine Erklärung ab. Alfred Mierzejewski hat eine neue Biografie über den Wirtschaftswunder-Mann vorgelegt.

Je freier, desto gerechter

Ludwig Erhard und sein Verständnis der sozialen Marktwirtschaft in einer Biografie von Alfred C. Mierzejewski

Von ALEXANDER KLUY

"Wir müssen unsere Ansprüche zurückstecken oder mehr arbeiten", betont der Bundeskanzler. "Großzügigkeit in der Subventionspolitik", fährt er fort, "Nachsicht gegenüber protektionistischen Forderungen bedeuten volkswirtschaftlichen Luxus, den wir uns nicht leisten können." Und begrüßt nachdrücklich das Engagement von US-Investoren in Deutschland.

Dies ist 40 Jahre her. Man schrieb das Jahr 1966. Der Bundeskanzler hieß Ludwig Erhard. Noch im selben Jahr trat er zurück, weil seine eigene Partei, die CDU, eine im Rückblick unbedeutende Mini-Krise nicht mit ihm durchstehen wollte und konnte.

Der dicke Mann mit der Zigarre war zum Monument geworden in einer fragmentierten Gesellschaft. Kaum jemand verkörperte das Wirtschaftswunder-Deutschland so wie Erhard (1897-1977). Der exponentiell ansteigende Wohlstand der 1950er und 1960er Jahre in der Bundesrepublik ist auf das Engste mit dem Namen des Kaufmannssohns aus Fürth verbunden. Wohlstand für alle, Titel seines erfolgreichsten Buches, wurde zum Signum einer Ära, zum Schlachtruf der Christdemokratischen Parteien, die in vielen Wahlkämpfen auf Erhards rhetorische Begabung, seine Reputation als Ökonom setzten und in den Fünfzigern mit dem bestechenden Satz "Erhard hält, was er verspricht" auf Wahlplakaten warben.

Eine solche Abbildung ist auch der Biografie über Ludwig Erhard vorangestellt, die der in Texas lehrende Geschichtswissenschaftler Alfred C. Mierzejewski verfasst hat. Erhard, zu Beginn der Bundesrepublik 14 Jahre lang Bundeswirtschaftsminister, von 1963 bis 1966 Bundeskanzler, erscheint bei ihm als Wissenschaftler, als zwar nicht origineller, aber immerhin originell synthetisierender Denker, den es in die politische Arena verschlug und der Machtspiele verabscheute. Erhard: "Demokratie ist kein Ausfeilschen von Interessen und bedeutet mehr als das Mit- und Gegeneinander organisierter Gruppen. Demokratie ist auch nicht das Ringen machtvoller Verbände um die Führung im Staate."

Entschieden setzt sich Mierzejewski von Volker Hentschels keynesianisch-karikierender Darstellung von 1996 ab und schildert Erhards Idee der "sozialen Marktwirtschaft". Sie sei sozial gewesen, weil sie den Verbrauchern und somit allen nützte. "Die Lösung liegt nicht in der Division, sondern in der Multiplikation des Sozialprodukts", so Erhard. Bedürftigkeit werde durch Wachstum beseitigt, Ungleichheit durch Wachstum irrelevant. Der Markt sei sozial, weil er die Bedürfnisse der Menschen befriedige und ihren Lebensstandard anhebe.

Wohlstand gerecht verteilen

Friedrich von Hayek, dem Theoretiker einer radikal freien Marktwirtschaft, soll ihn einmal nach seinem Konzept gefragt haben und berichtete, dass Erhard antwortete: "Ich hoffe, Sie missverstehen mich nicht, wenn ich von der sozialen Marktwirtschaft spreche. Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist, nicht dass er sozial gemacht werden muss." Erhard konkretisierte diesen Gedanken: "Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch." Nur der Markt könne den Wohlstand gerecht verteilen. Dies war der freiheitliche Grundgedanke, den er mit enormer Energie und unbändigem Optimismus zwischen 1946 und 1949 gegen Widerstände von allen Seiten durchfocht, selbst gegen die Alliierten, die sämtlich lieber eine gelenkte Volkswirtschaft gesehen hätten als eine Umsetzung von Erhards Vision, seinem Glauben an freies Unternehmertum und Deregulation und seine Ablehnung von Planung und wettbewerbsfeindlicher Kartelle.

Mierzejewski vertreibt Legenden, die die ideellen Fundamente der sozialen Marktwirtschaft mythisch umwehen, hält sich an Faktisches und meidet keineswegs Kritik. Beispielsweise an Erhards fataler Konfliktscheu, ob der er selbst seine Ideen im Lauf der Jahre desavouierte; Kritik aber auch am deutschen Sozialstaat und an dessen raschem Ausbau seit Mitte der 1950er Jahre. Diese transatlantische Fernsicht wirkt auf Europäer ungewohnt harsch und ist doch anregend und nachdenklich stimmend.

Mierzejewski hat gründlich recherchiert, macht aber davon wenig Gebrauch für eine wirklich lebendige Darstellung. So benötigt er etwa für die Schilderung von Erhards letzten zehn Lebensjahren, für die Zeit zwischen dem Ausscheiden aus dem Amt und seinem Tod am 3. Mai 1977 in Folge eines Autounfalls, genau eine Seite. Gespräche mit Zeitzeugen sucht man vergeblich. Ebenso vermisst man Kurzporträts von Kontrahenten und Mitstreitern.

Ökonomische Wahrheit

Lediglich Konrad Adenauer skizziert Mierzejewski ausführlicher, als in Nützlichkeitskategorien denkenden und intriganten Machtpolitiker, als Gegenfigur zu dem sich über Parteiengezänk und Postenschacher wähnenden Erhard, der sich im Besitz ökonomischer Wahrheit glaubte. Eine Einbettung in kulturelle, philosophische, zeitgeschichtliche Zusammenhänge, in einen größeren innen- wie außenpolitischen Kontext also, fehlt bei Mierzejewski. Wieso sich Erhard seit Ende der 1950er Jahre von der Konsumgesellschaft distanzierte, ja diese verurteilte, wird so kaum nachvollziehbar.

Mierzejewski schreibt eingängig und verständlich. Sein jeden Anschein stilistischer Virtuosität meidender glanzloser Stil ermüdet über 400 Seiten aber zusehends. So handelt es sich hier um eine lehrreiche, lieb gewordene Vorurteile entschieden korrigierende Einführung in die Frühgeschichte der sozialen Marktwirtschaft. Für eine Biografie bräuchte es jedoch einen Autor, der nicht nur auf Wirtschafts- und etwas Sozialgeschichte setzt, sondern Erhards Persönlichkeit, Leben und Denken inmitten der Brüche und Strömungen des 20. Jahrhunderts zu positionieren versteht.

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