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Autorin Hilary Mantel.
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Autorin Hilary Mantel.

Hilary Mantel

In die freie Wildbahn

Der Roman für diese Tage: Hilary Mantels schrille Burleske „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“. Anschließend ist auch eine Dosis heile Familie zu ertragen.

Von Sabine Vogel

Das ist der Roman für alle, denen in diesen Tagen überhaupt nicht nach Familienseligkeit zumute ist. Wer sich vor Familienfeiern graust, wem schon bei der Vorstellung des Pflichtbesuches bei den Eltern oder dem der eigenen Kinder schlecht wird, wem beim Fest der Liebe die schiere Verlogenheit aufstößt, der ist bei Hilary Mantel richtig. Wie hier eine stinknormale Durchschnittsfamilie genüsslich zerbröselt und in Grund und Boden zerstampft wird, das ist von höchster Fiesheit und unterhaltsamster Komik. Es wird übelst betrogen, dilettantisch, aber erfolgreich gemeuchelt und gemordet, und mit tiefer Genugtuung gönnt man allen alles Schlechte, das ihnen widerfährt.

Hilary Mantel spinnt hier die Geschichte des verschrobenen Geistermediums Evelyn und ihrer beschränkten Tochter Muriel aus ihrem Debütroman „Jeder Tag ist Muttertag“ (1985) fort. Inzwischen ist die geistig zurückgebliebene Muriel erwachsen und lebt in einer psychiatrischen Anstalt. Dass sie beim Tod ihrer tyrannischen Mutter seinerzeit mit einem resoluten Griff nachgeholfen hat, den Kopf „rums rums gegen die Wand geknallt“, ruft sie sich Erinnerung, ebenso die klamm-gruselige Szene, in der sie ihr gerade geborenes Blag auf Rat der Mutter im Kanal ersäuft hat. Das konnte auch die hübsche, aber dröge Sozialarbeiterin Isabel Field nicht verhindern, die beim Ableben der Mutter zufällig im Haus war.

Nun wird die Anstalt Fulmers Moor geschlossen, die Patienten in die freie Wildbahn entlassen. Effie trägt eine rosa Badehaube und hält sich für die Queen, Philipp hat motorischen Bewegungsdrang, „Puff puff puff“, er glaubt, er sei ein Traktor. Er kriegt als einer der ersten draußen eine Sozialwohnung, in der er sich dann erhängt. Sholto und Emmanuel Crisp, der predigt und Kirchen niederbrennt, sind Muriels beste Freunde. Crisp „hat Dinge offen gelassen, die geschlossen werden sollten, seinen Hosenladen, einen Gashahn“. In seiner vermüllten Bude über Mukerjee’s Emporium hat Muriel einen Schädel als Perückenständer und Bettrecht. „Das Zimmer war eng und stickig, draußen roch es nach Donner.“

Der mit Bildungsfragmenten vollgestopfte Sholto zieht in einen Laden für Haushaltsauflösungen auf der „Wiese der Zerstörung“ beim Autobahnzubringer. Muriel wohnt zur Untermiete bei Mr. K., der arbeitete als Schichtarbeiter in der Wurstfabrik, träumt von Stacheldraht, Wölfen und Leichen und verklebt die Küchenfenster gegen Giftgasangriffe.

Das Panoptikum dieser Irren ist jedoch nur der Rahmen für das viel absurdere Figurenarsenal der scheinbar Normalen. Im alten Haus von Muriel und ihrer Mutter ist inzwischen die ehemalige Nachbarsfamilie Sidney eingezogen. Der Vater, ein vom Leben verschlissener und moralisch ermatteter Lehrer, die diätverfressen aus der Form gegangene Mutter, ein halbwüchsiger Sohn im Pubertätssatanismus, eine dumpf faule Tochter, die schwanger ist, und der obligatorische Nachkömmling. Das ganz gewöhnliche Elend bürgerlicher Wohlstandsverwahrlosung, bevor man dieses Wort kannte.

Hilary Mantel, Jahrgang 1952, gehört zur Generation derer, die David Coopers „Tod der Familie“, das Kultbuch der Antipsychiatrie, kennen dürften. Sie hat diesen Roman 1986, also lange vor ihren gleich zweimal mit dem Booker-Preis ausgezeichneten historischen Romanen über die Tudorzeit, „Wölfe“ (2010) und „Falken“ (2012), geschrieben.

Grotesk verkleidet mit Leopardenjacke, Perücke und vulgärem lilafarbenen Lippenstift schleicht sich Muriel als Putzfrau namens Lizzie Blank in diese Familie ein. Getrieben von Mordgelüsten und einer vagen Sehnsucht nach „ihrem“ Zuhause, ist die fast analphabetische Muriel auch gar nicht schwachsinnig, sie ist, wie der Romantitel heißt: „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“ .

Die Familie setzt sich freilich aus solchen genüsslich überzeichneten Knallchargen zusammen, dass es gar nicht viel von Muriels Infamie braucht, damit sie sich selbst zerrüttet. Der rückgratlose Vater hatte mal ein Verhältnis mit jener Sozialarbeiterin Muriels, seine in der Gemeinde – oder bei dem hippiebärtigen Pfarrer? – engagierte Gattin ist längst dahintergekommen und hätte nichts gegen eine Auflösung der Ehe. Die Tochter wurde vom verklemmten Mann jener Sozialarbeiterin geschwängert, deren greiser Vater im Heim auch noch peinliche Sexambitionen hat, denen aber dank Hilfsschwester Wilmot alias Muriel mit einem Kissen auf den Kopf der Garaus gemacht wird.

Es muss Hilary Mantel ein diebisches Vergnügen bereitet haben, diese schrille Burleske aus lauter schrecklich unsympathischen Figuren mit einer herrlich bösen Rachegöttin bis in die Arschfalte hinein zu erfinden. Nach so viel Spaß an der Gemeinheit lässt sich auch wieder eine Dosis heile Familie ertragen.

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