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Die Übersetzerin Betty Wahl pendelt zwischen Frankfurt und Reykjavik.
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Die Übersetzerin Betty Wahl pendelt zwischen Frankfurt und Reykjavik.

Isländer in Frankfurt

Frei im Kopf

Zur Buchmesse trifft man überall in Frankfurt Isländer - ganz anders als sonst.

Die Isländer kommen, über drei Dutzend Autoren haben sich angekündigt. Und wenn mal keine Buchmesse ist? Stößt man auf einen Isländer erst nach Verabredung, die Nordländer machen sich rar. Arthur Björgvin Bollason etwa lebt seit acht Jahren in Frankfurt. Er kam als Doktorand zur Koryphäe des Instituts für Skandinavistik, Klaus von See, und blieb als Pressesprecher der Icelandair. Bollason (60) ist ein hoch gewachsener Mann mit blondem Haar und wasserblauen Augen, der auf Zack ist.

Er sei „Schulpoet“ auf dem Gymnasium gewesen, berichtet er, habe 25 Jahre lang Besuchergruppen über seine wilde und beständig brodelnde Heimatinsel geführt, eine Zeit lang das Sagazentrum in Hvolsvöllur gehütet, Sten Nadolny und Erasmus von Rotterdam ins Isländische übersetzt, Sachbücher über die Sagas geschrieben und Gedichte veröffentlicht. Bringt denn jeder Isländer in seinem Leben wenigstens einen eigenen Gedichtband heraus, Herr Bollason? „Ja“, sagt er und lacht. Der Vertrieb sei aber auch einfach: Die jungen Leute gingen mit ihren selbst verlegten Büchern in die Kneipen, und deren Gäste griffen gut gelaunt zu.

Er zitiert den Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness: „Die Isländer machen seit Jahrhunderten aus ihrem Dasein Fabeln.“ Bollason ist froh, dass die Buchmesse Island groß herausbringt, nachdem es zuletzt mit dem Crash des nationalen Bankensystems und dem großen Vulkanausbruch in den Schlagzeilen war. „Jetzt blickt man auf unser Land wegen einer interessanteren Sache und einer, die wir auch können“, sagt er und lächelt. Immerzu lächelt Arthur Björgvin Bollason.

Es ist dieses Lächeln der Isländer, weswegen Betty Wahl seit 20 Jahren zwischen Frankfurt und Reykjavík pendelt. Die Sommer verbringt sie auf der Insel, wo die Menschen offener sind und einfach weniger motzig als hier, wie sie findet.

Es ist die viel zitierte, viele Jahrhunderte währende Schreiblust der Isländer, die Betty Wahl ernährt. Die 46-Jährige ist Übersetzerin und dank der Buchmesse gefragt wie nie. In ihrer Wohnung in Sachsenhausen stapeln sich ihre Bücher, allein sechs hat sie voriges Jahr übersetzt, darunter „Das Gleißen der Nacht“ von Sjón, „Am Sandfluss“ von Gyrðir Elíasson, „Taxi 79 ab Station“ von Indriði G. Þorsteinsson , „Schlafsonate“ von Þórdís Björnsdóttir. Sie war auch am Mammutprojekt der Neuübersetzung der Isländer-Sagas beteiligt.

Seit mehr als zwei Jahren steht ihr Berufsleben im Zeichen der Island-Buchmesse. Mal waren die Übersetzungen „ein wahres Fest“, mal war der Stress fast übermächtig, berichtet Betty Wahl: „Ich sag mir dann immer: Schlafen kann ich nach der Buchmesse.“

Seit eben diesen zweieinhalb Jahren fungiert Arthur Bollason als Frankfurter Brückenkopf des Ehrengastland-Auftritts. Als Mitglied des Organisationskomitees „Sagenhaftes Island“ warb er viel für die Dichtungen aus dem Norden, in denen die Natur eine so große Rolle spielt und die sich aus seiner Sicht deshalb so gut mit Tourismus verbinden lassen. Bollason ist zufrieden: Das Interesse an Island sei riesig, das habe die Reihe „Dichter, Trolle & Vereine“ mit Lesungen isländischer Autoren in den Stadtteilen gezeigt.

Arthur Bollason ist eines jener typischen Multitalente, die Betty Wahl in Island oft trifft: „Die Isländer müssen nicht erst etwas offiziell gelernt haben, bevor sie es machen. Was sie interessiert, machen sie.“

Von einer „größeren Freiheit des Individuums“ schreibt Professor Klaus von See in der Zeitschrift Island, diese Freiheit sei bereits in der Landnahme der Insel ums Jahr 870 herum begründet. Der Jurist, Historiker und Philologe von der Nordseeküste schätzt auch selbst die Freiheit: 1962 kam er an die Frankfurter Universität und baute hier das Institut für Skandinavistik auf, „weil ich nicht in die Fußstapfen eines anderen treten wollte“, wie er sagt.

Wer mit dem 84-Jährigen sein Büro am Uni-Campus Westend betritt, sieht sich einer Regalwand voll weiß gehaltener Bände gegenüber: Es sind die bislang erschienenen 484 Bände der „Edda-Arbeiten“, einer einzigartigen Sammlung aller weltweit veröffentlichten Artikel von Edda-Forschern. Daneben stehen die sechs Bände des „Edda-Kommentars“, die von See mit Beatrice La Farge, Katja Schulz und anderen Mitarbeitern seines Instituts im Zuge eines DFG-Forschungsprojekts herausgibt. Das weltweit einmalige Projekt läuft seit 1993: „Jeder Edda-Forscher muss für die nächsten 100 Jahre diesen Kommentar auf Deutsch lesen“, sagt Klaus von See.

Die Lieder der Edda, die Verse der Skalden, die Prosa der Sagas – alle drei Gattungen seien in der übrigen germanischen Kultur ohne Beispiel. „Dieses Wunder auf Island“, glaubt von See, der für seine Forschung die höchste Auszeichnung Islands, den Falkenorden, erhielt, rührt auch daher, dass die Insel schon so früh Republik war.

Diese Tradition verteidigten die Isländer bis heute. „Unsere Sprache und unsere Sagas kann uns keiner nehmen“, sagen sie.

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