Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Berühmt gemacht hat Ernst Haas sein theatralischer Umgang mit der fotografischen Farbe; dass es ein wichtiges schwarzweißes Frühwerk von ihm gab, war weitgehend vergessen.
+
Berühmt gemacht hat Ernst Haas sein theatralischer Umgang mit der fotografischen Farbe; dass es ein wichtiges schwarzweißes Frühwerk von ihm gab, war weitgehend vergessen.

DAS FOTOBUCH

Frei von Barock

Ernst Haas' Wien in Trümmern

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

Der biografische Eintrag "1943 - 1945, Beauftragung mit Modeaufnahmen durch ein kommerzielles Fotoatelier", ist für sich schon unwahrscheinlich, weil er Wien betrifft. Dort, in den Trümmern, besagt die Legende, habe Ernst Haas auf seine Modelle warten müssen, während sich der Bahnhof - seine location - in ein dramatisches Szenario von Russlandheimkehrern verwandelte, die wartenden Frauen gespannt, gequält, ekstatisch - die Männer in ihrer Erleichterung naiv, strahlend wie Sieger.

Die Stärke von Haas' Bildern liegt in der Deutlichkeit ihrer Beschreibung, der Geistesgegenwart, mit der er Stadtbilder und menschliche Szenen zusammenbringt, als sei das Ganze choreographiert. Die, die warten müssen, können nicht Anteil haben an der Freude derer, die sich wiedererkennen. Der Schlag des Schicksals, seine Ungleichzeitigkeit: Geschichte als psychische Collage.

Haas, vierundzwanzig Jahre alt, begriff offensichtlich, was ihm das "Tausendjährige Reich" vor die Füße gelegt hatte: Wien als phantastische Ruine. Weniger sentimental als seine Kollegen in Köln, München und Dresden sparte er sich spätbarocke Metaphern. Wie ein von fern entsandter Reporter, der er nicht war, hakte er das Skript ab: die Trümmer, die Obdachlosen, die Hamsterer, die Verkrüppelten, Hungrigen, die Lethargischen und die Vergnügten. Er lauschte dem Getuschel und dem Raunen, beobachtete die grotesken Symbole der Kommunisten in den Ruinen des bürgerlichen Wiens, erschrak vor der geübten Sonntagsdemut der Gläubigen und konzentrierte sich, ohne Schmus, auf die kleinen Freuden der Kinder, geschickt alternierend vom Detail zur Totale.

Haas, der sich später Magnum anschloss, aber ein Angebot bei Life ausschlug, ist kein Bildjournalist geworden. Er war Standfotograf bei John Huston, arrangierte seine weltweiten Naturbeobachtungen zu einem Buch über Die Schöpfung und fotografierte von den Siebzigern bis in die achtziger Jahre PR für Marlboro. Berühmt gemacht hat ihn sein theatralischer Umgang mit der fotografischen Farbe; dass es ein wichtiges schwarzweißes Frühwerk von ihm gab, war weitgehend vergessen.

Die Ausstellung im Salzburger Rupertinum (bis 1. Mai) wird begleitet von einem sorgsam gedruckten Bildband, der dem Staubgrau dieser Bilder gerecht wird.

Ein gründlicher Text zum historischen Kontext erinnert daran, dass die Fotografien nicht "die tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus" zeigten, "deren Rückkehr damals weit weniger visuelle Aufmerksamkeit erregt hat". Überzeugend, dass Haas bei aller Anteilnahme visualisiert, wie die Überlebenden im Zusammenbruch des Reichs kollektiv gealtert sind.

Die Verdrängung von Schuld ist sehr wohl spürbar. Haas zeigt die Leidenden nicht entlastet durch ihr Leiden. Insofern ist es der Titel des Buchs, der an der Sache vorbeigeht, denn man sieht keineswegs eine Welt in Trümmern, sondern "nur" die Stadt Wien, auch wenn sie kaum noch zu erkennen ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare