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Frauke Buchholz „Blutrodeo“: Der Gestank nach Unglück

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Von: Sylvia Staude

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Könnte auch ein Bild aus der Hölle sein: Förderanlage nahe Fort McMurray.
Könnte auch ein Bild aus der Hölle sein: Förderanlage nahe Fort McMurray. © afp

„Blutrodeo“, ein auch von Umweltzerstörung erzählender Kriminalroman von Frauke Buchholz.

Die Gegend um Fort McMurray, Alberta, ist Kanadas Tor zur Umwelthölle. Schon seit den 1970er Jahren wird dort in großen Mengen Ölsand gefördert. Die thermische Extraktion des Öls produziert Smog und verseucht das Wasser, unter anderem mit Quecksilber und Arsen. Der Schlamm wird in offenen Teichen „gelagert“. Einige hundert Quadratkilometer Land sollen mittlerweile verheert sein, Land, das zum Teil den First Nations gehört.

Strip-Bars, giftige Halden

Frauke Buchholz, die in ihrem Debüt-Kriminalroman „Frostmond“ (2021) von Morden an indigenen Frauen erzählte, lässt ihr Ermittlerteam Samantha Stern und Ted Garner – ein höchst widerwilliges Team, aber dazu später mehr – diesmal auch im von ihr mit klaren Worten beschriebenen Fort McMurray recherchieren, da die Arbeit bei dortigen Ölförderfirmen der einzige Verbindungspunkt zwischen zwei alten und kranken, aber rätselhafterweise so spät in ihrem Leben noch ermordeten Männern zu sein scheint. „War doch ein schöner Ausflug“, sagt Garner danach ironisch. „Verpestete Luft, giftige Abraumhalden, billige Strip-Bars, eine Schlägerei, ein vollgekotzter Wagen, eine Ohrfeige vor dem Frühstück.“ Die letzten drei Sachen hat er der Kollegin zu verdanken, die nach ausführlichem Alkoholgenuss (er war freilich daran nicht unschuldig) einen kleinen Blackout hatte.

Sterns Chef halst ihr den bekannten Profiler auf, die viel lieber allein ermitteln würde. Sie hasst Psychologen, den arroganten Garner mit den „Sphinx-Augen“ sowieso. Der, tatsächlich ein Snob, der im Auto gleich mal Schopenhauer zitiert und Stern „Die Welt als Wille und Vorstellung“ barsch als „Meisterwerk“ empfiehlt, wäre auch lieber allein unterwegs. Die beiden werden auch in „Blutrodeo“ keine Freunde mehr werden – ups, hat sie, hat er da etwa „vergessen“, Infos weiterzugeben? -, immerhin den anderen wahrnehmen als seelisch versehrt und darum das Heil in der Arbeit suchend.

Das Buch:

Frauke Buchholz: Blutrodeo. Kriminalroman. Pendragon, Bielefeld 2022. 264 S., 18 Euro.

Im Krankenhaus von Calgary, wo er fast in seinen letzten Zügen liegt, wird einem alten Mann die Kehle aufgeschlitzt. Das renommierte Krankenhaus bittet die Polizei um zügige und diskrete Ermittlung. Das gestaltet sich naturgemäß schwierig, immerhin stoßen sie auf einen zweiten, ähnlichen Fall: dieser 79-Jährige mit Lungenkrebs wurde gar im Hospiz ermordet. Kannten sich die beiden? Was spielt das Datum für eine Rolle? Oder der Vietnamkrieg und die Traumata, die er erzeugt hat?

Soweit ist „Blutrodeo“ ein Whodunnit mit ziemlich erwartbarer Handlung. Dies auch deswegen, weil eine geheimnisvolle Frau namens Fiona ins Spiel kommt, die in einem Waisenhaus bei den „Sisters of Providence“ aufgewachsen ist. Wie Stern und Garner spricht sie selbst, erzählt von ihrem Tiere quälenden Kumpel Dwight, erzählt vom Schlafsaal, „der nach Pipi und Schweiß und Unglück stank“. Frauke Buchholz gibt auch ihr eine glaubwürdige, starke Stimme.

Die dichte Sprache, die komplexen Charaktere lassen die Handlung zweitrangig werden, wie es in einem guten Kriminalroman sein sollte, der nicht mit einer besonders vertrackten Auflösung prunken will.

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