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Claude Cahun: Selbstportrait, 1929.

Fotografie

Männlich? Weiblich? Das hängt von der Situation ab

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Lothar Schirmer zeigt uns in einer lohnenden Neuausgabe Frauen, die Frauen fotografieren.

Es sind 159 Aufnahmen, die meisten schwarz-weiß, entstanden zwischen 1860 und 1999. Alle zeigen Frauen, die von Frauen fotografiert wurden. Dazu ein Vorwort von Elisabeth Bronfen, der in Zürich und New York lehrenden Expertin für u.a. die Darstellung der sterbenden Frau in der hohen und der populären Kultur in Europa und den USA.

Ein schönes, ein kluges Buch, erstmals 2001 erschienen. Aber ich weiß natürlich, dass angesichts der Millionen und Abermillionen von Fotos, die in den 130 Jahren Frauen von Frauen machten, sich jede Verallgemeinerung verbietet. Man müsste völlig neue Techniken des „distant reading“ von Fotografien entwickeln, um die alten Fragen nach einem spezifisch weiblichen Blick auch nur halbwegs intelligent aufwerfen zu können. Mir aber bleibt nichts anderes übrig, als mich einigen Fotos zuzuwenden, an denen mir etwas auffällt.

Also zum Beispiel die drei Porträts von Lucia Moholy (1894-1989). Sie war von 1921 bis 1934 mit dem Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy verheiratet. Vor der Bauhaus-Zeit war sie Lektorin im Rowohlt-Verlag und veröffentlichte unter dem Pseudonym Ulrich Steffen expressionistische Lyrik. Das alles hat mit den drei Fotos, die in diesem Band kurz aufeinander folgen, nichts zu tun. Es sind drei Profilansichten aus den Jahren 1927 und 1929. Die elegante Florence Henri (1893-1982), die damals bei László Moholy-Nagy Fotografie studierte, und die markante Annie Albers (1899-1994), die 1925 den Bauhaus-Lehrer Josef Albers (1888-1976) heiratete und eine bekannte Textilkünstlerin wurde. Dazwischen eine Aufnahme ebenfalls im Profil der kommunistischen Reichstagsabgeordneten Clara Zetkin (1857-1933). Wahrscheinlich machte Lucia Moholy alle diese Aufnahmen als Übungen am Bauhaus. Eine Porträtserie, bei der die Unterschiede evident werden dadurch, dass der Aufnahmewinkel immer ähnlich ist.

Ein Blick ins Internet belehrt mich darüber, dass Lucia Moholy damals auch eine Reihe von Frontalporträts machte. Es gibt darunter eine Aufnahme von Florence Henri, die genauso geschminkt und gekleidet ist wie auf der Profilaufnahme – nur mit anderen Ohrringen. Die beiden Aufnahmen wurden wahrscheinlich am selben Tag gemacht.

Es ist ganz und gar ausgeschlossen aus diesen wenigen Aufnahmen Schlüsse auf die Zeit, ja auch nur auf die dargestellten psychischen Konstellationen zu ziehen. Zum Beispiel das Foto, das Annie Leibovitz 1974 von ihrer Mutter machte. Eine strenge, sich abwendende Frau. Oder war die 25-jährige Leibovitz in Wahrheit nur so fasziniert von dem gewellten Haar ihrer Mutter, dass sie sie bat, sich abzuwenden, sodass das im Zentrum des Bildes stand. Dann sehen wir weniger eine sich von ihrer Tochter abwendende Mutter, als vielmehr eine Tochter, die sich die Mutter vom Leib hält. Vielleicht sagt ein Foto wirklich mehr als hundert Worte, aber möglicherweise ist es gerade darum noch interpretationsbedürftiger als ein Text.

Manchmal freilich drängt sich die Interpretation auf. Das Selbstporträt von Claude Cahun (1894-1954), wohl entstanden um 1932, zeigt die Schriftstellerin und Fotografin in einer sehr außergewöhnlichen Pose: Sie liegt in einem Schrankfach unter den Handtüchern und über den Schubladen. Die Putzfrau, die darauf wartet, zum Einsatz gerufen zu werden. Ein feministisches Manifest? Geboren wurde sie in Nantes als Lucy Renée Schwob mitten hinein in eine jüdische Intellektuellenfamilie. Sie bewegte sich im Kreis der Surrealisten, war 1932 bei den Kommunisten, nach der Besetzung Frankreichs in der Résistance. In ihren Memoiren schrieb sie: „Männlich? Weiblich? Das hängt von der Situation ab. ,Weder noch‘ ist das einzige Geschlecht, das mir immer passt.“ In ihrem Roman „Blau steht Dir nicht“ erinnert Judith Schalansky an Claude Cahun. Aber zurück zum Foto! Es ist witzig, spöttisch, souverän. Es macht neugierig auf mehr von Claude Cahun.

Wie belanglos nimmt sich daneben das berühmte Foto aus, das Annie Leibovitz 1998 von Hillary Rodham Clinton auf der Terrasse des Weißen Hauses machte. Dass sie nicht als Hillary Clinton geführt wird, soll klarmachen, dass sie nicht einfach nur die Ehefrau des Präsidenten ist, sondern auch eine eigene Person. Allerdings hat sie sich nicht einen eigenen Namen gegeben wie Claude Cahun, sondern sie hat nur dem ihres Vaters den ihres Gatten hinzugefügt. Das Foto, das Annie Leibovitz von ihr machte, zeigt sie vor antikisierenden Säulen und blauem Himmel. Man kann dieses Bild ironisch lesen, aber ich glaube nicht, dass es von der Fotografin so gemeint war. „Die Schönen und die Mächtigen“ – Annie Leibovitz neigt dazu, das wörtlich und Ernst zu nehmen. Herauskommen Verherrlichungen der Macht. Neobarocke Zerrspiegel einer in sich selbst verliebten herrschenden Klasse.

Der 1947 geborenen französischen Fotografin Dominique Issermann widmete Leonard Cohen 1988 sein Album „I’m your man“. Eine der auffälligsten Aufnahmen des Buches ist die, die Dominique Issermann von dem Model Anne Rohart machte. Sie ist ganz nahe heran gegangen. Man sieht eine Gesichtshälfte von der Augenbraue bis knapp unter die Unterlippe. Wo habe ich das Bild schon gesehen? Eine Detailvergrößerung aus einem Bild von Hans Memling? Bei Malraux? Der rühmte die Fotografie, weil sie uns in Vergrößerungen Einzelheiten zeigen kann, die wir am Werk selbst niemals entdeckt hätten. Jetzt aber, nachdem wir die Schule der Fotografie absolviert haben, blicken wir auf die Wirklichkeit mit ganz anderen Augen. Das ist das Faszinierende an dieser Aufnahme von Dominique Issermann, dass sie uns das Gesicht einer jungen Frau betrachten lässt, als wäre es die Vergrößerung des Ausschnitts eines Gemäldes. Ich sehe mir das Bild an und schliddere in die Umständlichkeiten meiner Mediengeschichte.

So geht es weiter von Blatt zu Blatt. 159-mal. Es ist immer anregend und man stößt auf Lebensgeschichten. Ich wusste nicht, dass Dominique Issermann, Jean-Luc Godard und Daniel Cohn-Bendit Anfang der 70er Jahre in Rom probiert hatten, einen Film zu drehen. Das steht nicht im Buch. Aber wer liest heute schon nur ein Buch? Man schielt ständig hinüber ins Internet, wird auf Abwege geführt und prompt hat man ein Buch aus dem Jahre 1930 von Claude Cahun auf seinem E-Reader.

„Frauen sehen Frauen“ ist ein Verführer, eine Verführerin, keines von beidem und alles zusammen.

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