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Beate Zschäpe vor dem Gerichtssaal.
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Beate Zschäpe vor dem Gerichtssaal.

Beate Zschäpe

Frauen vor Gericht

Eine Studie von Charlie Kaufhold analysiert die festgefügten Medienbilder über die im NSU-Prozess angeklagte Beate Zschäpe. Ihre Dämonisierung half dabei zu glauben, dass die „Nazi-Braut“ mit der deutschen Gesellschaft nichts zu tun hat.

Von Andreas Förster

Wer ist Beate Zschäpe? Nicht nur das Münchner Oberlandesgericht versucht seit nunmehr zweieinhalb Jahren, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Auch Journalisten rätseln seit dem Auffliegen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ vor fast vier Jahren über die Persönlichkeit der heute 40-Jährigen, die mit ihren verstorbenen Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Kerntrio der rechten Terrortruppe gebildet haben soll.

Inzwischen, das ergibt die Stichwortsuche in einer großen digitalen Pressedatenbank, sind allein in deutschen Zeitungen und Zeitschriften mehr als 3400 Artikel über Beate Zschäpe erschienen. Damit sind die Veröffentlichungen kleinerer regionaler Zeitungen noch nicht einmal erfasst. Die Zahl der Beiträge und Dokumentationen in Rundfunk, Fernsehen und Internetblogs, die sich mit der Hauptangeklagten im NSU-Prozess befassen, kommt hinzu, sie dürfte ebenso bei mehreren Tausend liegen.

Und dennoch ist das mediale Bild von Beate Zschäpe nur ein Zerrbild, eine Melange aus Fakten, Spekulation und Küchenpsychologie. Was zuvorderst am Subjekt der Berichterstattung liegt – seit ihrer Festnahme und auch vor Gericht schweigt Zschäpe eisern, nie hat sie sich schriftlich geäußert, weder zu ihrem Leben im Untergrund noch zu den ihr vorgeworfenen Taten. Als im letzten Jahr ein paar Briefe bekannt wurden, die sie aus der Haft heraus an einen anderen Häftling schrieb, stürzten sich Journalisten und Psychologen darauf, sezierten ihre Sprache, ihre Schrift – aber auch hier war der Erkenntnisgewinn gering.

Und so greifen die Medien einerseits auf die Aussagen der wenigen Zeugen zurück, Nachbarn aus Zwickau und Urlaubsbekanntschaften zumeist, die Zschäpe nach ihrem Untertauchen 1998 kennenlernten. Andrerseits wird versucht, jede Geste und jedes Mienenspiel der Angeklagten im Gerichtssaal zu deuten, aus Frisur und Kleidung auf Psyche und Geist zu schließen.

„Vergeschlechtliche Bilder“

Für kommende Generationen von Journalistik-Studenten dürfte die Erforschung von Ursachen und Folgen der – zudem von einer einhelligen Vorverurteilung geprägten – NSU-Berichterstattung dereinst eine lehrreiche Aufgabe sein. Angefangen mit solchen Forschungen hat bereits die Berliner Soziologin Charlie Kaufhold, Autorin am Feministischen Institut in Hamburg. Ihr geht es dabei um die Frage, welche Bedeutung es für die Berichterstattung über Zschäpe hat, dass sie eine Frau ist – also welche „vergeschlechtlichen Bilder“ von der Hauptangeklagten in den Medien vermittelt werden und welche Effekte dies auf die deutsche Gesellschaft hat.

Dazu analysierte sie für ihre Abschlussarbeit im Studiengang Gender Studies an der Humboldt-Universität Berlin Medienberichte über Zschäpe. Kaufhold konzentrierte sich dabei auf die Berichterstattung in „Bild“, „taz“, „Süddeutscher Zeitung“ und auf Spiegel online, und zwar in den Monaten November 2011, als der NSU aufflog, und Mai 2013, als der Münchner Prozess begann. Für die Zwischenzeit beschränkte sie sich auf eine stichprobenartige Auswertung und zog dazu auch andere Zeitungen heran. Eine lesenswerte Essenz dieser wissenschaftlichen Arbeit ist jetzt als Buch erschienen.

Kaufholds Fazit: Es gibt zwei maßgebliche Darstellungsweisen von Zschäpe, bei denen das Geschlecht eine zentrale Rolle spielt – sie nennt sie dämonisierende und bagatellisierende Feminisierung. Die bagatellisierende Variante dominierte demnach besonders am Anfang der Berichterstattung 2011, als Zschäpe in den Medien noch eher als Mitläuferin, Bettgespielin und Hausmütterchen des Trios dargestellt wurde. Später – und bis heute – überwiegt hingegen die Dämonisierung. Nun wird Zschäpe laut Kaufhold als deviant, also von der Norm abweichend, und als personifiziertes Böses gezeichnet.

Wie etwa in der Bild-Zeitung am Tag nach dem Prozessauftakt: „Der Teufel hat sich schick gemacht“, steht da in fetten Lettern auf Seite 1, daneben prangt ein Foto der Hauptangeklagten in schwarzem Hosenanzug und weißer Bluse. Mit dieser Bild-Text-Kombination „wird auf Zschäpes Weiblichkeit Bezug genommen, sie wird aber nicht als ‚normale‘ Frau dargestellt, sondern als ‚Teufel‘“, schreibt Kaufhold.

Als weiteres Beispiel präsentiert sie ein Foto, das die Augenpartie der Angeklagten in den Fokus nimmt. Darunter die Zeile „Die Augen des Bösen: Nazi-Terroristin Beate Zschäpe“. In anderen Artikeln ist von der „unheimlichen Nazi-Mörder-Braut“ die Rede, die „mit dem Killer im Bett“ liege, und davon, dass das Böse ein „Allerweltsgesicht“ habe, das der Angeklagten eben.

Zschäpes Körperlichkeit

Doch nicht nur der Boulevard stellt Zschäpes Körperlichkeit in seinen Artikeln in den Fokus, arbeitet Kaufhold heraus. Auch „taz“ und „Süddeutsche“, FAZ sowie Spiegel online beschreiben die Hauptangeklagte über ihr Äußeres, während die übrigen vier Angeklagten im NSU-Prozess nur über ihre politischen Einstellungen charakterisiert werden. So konnte man nach dem Prozessauftakt 2013 dort lesen, wie Zschäpe lächelnd Kaugummi kaut, den Kopf in den Nacken wirft und die Haare schüttelt, „als sei sie auf einer Strandpromenade“, wie sie „fast posend, mit einem Anflug von Koketterie“ ein paar Schritte macht. Die Körperlichkeit der Angeklagten spielt bis heute eine wesentliche Rolle in den Prozessberichten, etwa wenn es um ihr Verhältnis zu den Verteidigern geht oder ihre Reaktion auf bestimmte Zeugen.

Durch die Schilderung scheinbar harmloser Details werde zudem die Dämonisierung noch verstärkt, erklärt Kaufhold. Etwa als die SZ von Zschäpes „rosa Hauspuschen“ schreibt, die sie daheim trug, und dass sie die Nachbarn „Diddl-Maus“ genannt hätten, weil sie doch so ein „putziges“ Mädchen gewesen sei, die ihren beiden Männern den Haushalt führte und die Katzen pflegte.

Zschäpe, so Kaufholds Fazit, werde durch die Verwendung feminisierter, sexualisierter, erotisierter Bilder eine „böse“ Weiblichkeit zugeschrieben. Immer wieder konstruierten die Medien dabei eine Gegenüberstellung von Norm und Devianz, bei der Zschäpe stets die Normabweichung verkörpere. Der Effekt: Weil die „Nazi-Braut“ nicht dazugehöre, könne die Dominanzgesellschaft, die Kaufhold als deutsch, weiß und nicht-jüdisch definiert, auf diese Weise Schuldgefühle aus ihrem Bewusstsein ausschließen. Damit werden der gesellschaftlichen Mehrheit Möglichkeiten geschaffen, „eigene Schuld und Mitverantwortung“ für „rassistische Strukturen in Deutschland abzuwehren“ und „eigenen Rassismus zu verneinen“, schreibt Kaufhold.

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