Frauen in der Demografiefalle

Der Sammelband von Berger/Kahlert verweigert sich dem Untergangsgetöse und entdeckt Szenarien eines neuen Verteilungskampfs

Von ULRIKE BAUREITHEL

Mit dem Thema Demografie ist es ein bisschen wie mit dem Gerede über die Schule: Es ist so allgemein, dass jeder glaubt, Erfahrungsgesättigtes beisteuern zu können. Dennoch fällt bei der Debatte auf, dass zwar von Frauen die Rede ist, es jedoch vorwiegend Männer sind, die das Wort führen.

Ein nahe liegender Grund dafür ist, dass das Zerrbild von der bevorstehenden "demografischen Katastrophe" einseitige Schuldzuweisungen hervorbringt und Frauen automatisch nötigt, sich für höchst private Entscheidungen öffentlich zu rechtfertigen. Darüber hinaus mag die umstandslose Verklammerung von Kinderkriegen und Bevölkerungspolitik, an der sich früher einmal die feministische Kritik entzündet hatte, Zurückhaltung auferlegen. Denn während in den Industrieländern in den 1970er Jahren noch das Recht auf Abtreibung erstritten werden musste, wurden in der "Dritten Welt" gleichzeitig Frauen angehalten, die Zahl ihrer Kinder nach den Vorgaben eines Plansolls zu reduzieren. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die reproduktiven Rechte der Frauen international verankert wurden.

Diesen aus der heutigen Demografiediskussion ausgeblendeten, aber überaus wichtigen historischen Zusammenhang zeichnet Diana Hummel in einem Sammelband nach. Dabei verweigert sich dieser ausdrücklich den publizistisch aufgeheizten Untergangsszenarien und fahndet vielmehr nach Chancen, die der demografische Wandel für Männer und Frauen bereithalten könnte. Offenbar gibt es, so die beiden Herausgeber Peter A. Berger und Heike Kahlert, eine zunehmende Neigung, soziale Probleme zu "demografisieren", das heißt sozial- oder arbeitsmarktpolitische Themen unter demografischem "Sachzwang" zu verhandeln. Ob Pflegereform, Elterngeld oder Lebensarbeitszeit - nichts geht mehr, ohne die "Vergreisung" der Gesellschaft aufzurufen und sozialpolitische Maßnahmen an einer "nachhaltigen" Bevölkerungspolitik zu messen.

Das ideologische Fundament rekonstruiert Christoph Butterwegge. Er vermutet hinter den Schreckensbildern einen verdeckten neuen Verteilungskampf, der mit dem Schlagwort "Generationengerechtigkeit" sein schärfstes Geschütz in Stellung gebracht hat. Dieser Kampfbegriff naturalisiere die soziale Spaltung der Gesellschaft und reduziere sie auf das Verhältnis zwischen unterschiedlichen Alterskohorten.

Bedrohlich richtet sich diese rhetorische Waffe auf jene Frauen, die (zu) wenig oder keine Kinder haben (wollen) - vornehmlich die Akademikerinnen. Regina-Maria Dackweilers Durchgang durch den "Backlash" der vergangenen Jahre ist insofern ernüchternd, als es auch Frauen sind - in der seriöseren Variante Susanne Gaschke, in der populistischen Version Eva Herman -, die das Lied singen von einer fehlgeleiteten Emanzipation, die Frauen in Alterseinsamkeit und emotionalen Notstand treibe. Alarmierend sind diese Schuldzuweisungen aber aufgrund eines versteckten Rassismus: Nicht jedes Kind ist in dieser Republik erwünscht, sondern nur ganz bestimmte Kinder.

Dabei - und diese Erfahrung hatten sogar die Nationalsozialisten machen müssen, als die deutsche Geburtenrate bei 2,1 stagnierte - lässt sich das "Fertilitätsverhalten" nicht steuern nach dem Prinzip: Gib der Frau ein Stück Zucker, um sie zum Gebären zu animieren. Auch die Senkung der so genannten "Opportunitätskosten", also die Minderung aller Nachteile, die qualifizierte Frauen haben, wenn sie Kinder bekommen, wird keinen Kindersegen zaubern. Denn zwischen Kinderwunsch und seiner Realisierung liegt ein langer Weg. Es fehlt nicht unbedingt am Willen, sondern am richtigen Timing, weil ein Kind, so Waltraud Cornelissen "in die Lebensentwürfe zweier Menschen in ein und derselben Zeitspanne passen" muss. Der Kindergartenplatz ist dafür vielleicht eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung. Einen originellen Gedanken verfolgt Günter Burkard, wenn er den Aufschub der Elternschaft auf die von den "Bildungsaufsteigern" ausgebildete "Kultur des Selbstthematisierung" und des "Zweifels" zurückführt. Dass die Entscheidung für Kinder in der Bundesrepublik häufig genug auf eine "ökonomische Achterbahn" führt, zeigt Hans Bertrams EU-Vergleich.

Der dritte Teil des Buchs befasst sich mit dem Verhältnis von Zeitregime und Lebenslauf, innovativen Arbeits- und Lebenszeitmodellen. So paradox es scheint, steigende Lebenserwartung geht nicht automatisch einher mit mehr Zeit für Partnerschaft und Kinder. Die Forderung, die Erwerbsarbeit möge sich nach den individuellen Bedürfnissen der Familien richten und nicht umgekehrt, ist nicht besonders neu; bedenkenswert aber Alexandra Scheeles Hinweis, dass derart flexibilisierte "feminisierte" Arbeitsverhältnisse schlecht bezahlt und unsicher sind und in der Regel Frauen vorbehalten bleiben. Auf diese Weise würde das Problem wieder verkürzt auf ein "Vereinbarkeitsproblem" der Frauen.

Damit Frauen - nach "Baby-" und "Emanzipationsfalle" - am Ende nicht auch noch in der "Demografiefalle" landen, ist die Forschung aufgefordert, sich dem Thema offensiver anzunähern. Und man würde sich wünschen, dass sie dabei nicht in die gleiche soziologische Jargonfalle tappt wie dieser thematisch unbestreitbar erhellende Band.

Peter A. Berger und Heike Kahlert (Hrsg.): Der demographische Wandel. Chancen für die Neuordnung der Geschlechterverhältnisse. Campus-Verlag, Frankfurt 2006. 309 Seiten, 29,90 Euro.

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