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Frau ist eine Frau ist eine Frau

Ein Name, der alles sagt: "Eve Green" heißt das Romandebüt der britischen Autorin Susan Fletcher

Von ULRICH SONNENSCHEIN

Ein Name gibt diesem Buch den Titel. Ein Name, nicht mehr. Von Pamela und Clarissa über Tess bis zu Villette und Jane Eyre haben große Romane die Geschichten von Frauen erzählt und sich dafür nur auf den Namen verlassen. Denn so wird deutlich, dass es um die ganze Welt im Kleinen geht, um das unmittelbar subjektive Empfinden und schließlich die Konzentration auf eine einfache Liebe, die ihren Ort in der Gesellschaft nicht findet. Und in der tragischen Struktur, wem gefällt schon der Schluss von Jane Eyre, wird dieser Name zum Inbegriff einer Sehnsucht, der all die anderen literarischen Frauenfiguren schon nachgehangen haben. Susan Fletcher weiß, was sie tut.

Eve Green ist der erste Roman einer jungen Autorin, und wie jedes Debüt auch ein Akt der Befreiung. Sie war 25, als das Buch in England erschien und bekam zu Recht den begehrten Whitbread First Novel Award. Doch anders als Zadie Smith, die mit ihrem Erstling orkanartig durch den Literaturbetrieb fegte, um dann mit dem zweiten Buch abzustürzen, hat Susan Fletcher ein bedächtiges Buch geschrieben. Es ist ein Roman, der sich nach innen wendet, wenn es Fragen zu stellen gibt, der den Schauplatz begrenzt und sich aus den Ansprüchen der sogenannten Moderne heraus hält. Er weiß um die Kraft seiner Geschichte und gibt ihr Zeit. Somit gehört Susan Fletcher zu den jungen englischen Autoren, die das Erzählen wieder entdecken, ohne in einen simplen Abbild-Realismus zu verfallen.

Eve Green ist acht, als ihre Mutter im Bad einen Herzschlag erleidet. Den Vater hat sie nie gekannt. Also kommt sie zu den Großeltern, auf eine kleine Farm in Wales. Aus dem urbanen Birmingham ins ländliche Wales zu übersiedeln, das ist für ein achtjähriges Kind ein viel kleinerer Schritt als der, sich endgültig von der Mutter trennen zu müssen. Und so wird die innere Leere in eine spezifischen Umwelt gebettet, die ihre Geheimnisse und Attraktionen nur sehr langsam und vermittelt preisgibt. Da ist ein großes K, in den Fensterrahmen geritzt, zu dem die Großmutter beharrlich schweigt, da gibt es einen wunderlichen Mann namens Billy, mit dem niemand spricht und der sich nur ungern sehen lässt, und Daniel, den Knecht, der viel mehr für sie werden wird, in einer nicht so fernen Zukunft.

Mein Leben, banal und offensichtlich

Eve Green erzählt ihre Geschichte selbst. Inzwischen ist sie über dreißig, schwanger und lebt immer noch auf der Farm in Wales. Das eigene Leben, das ihr so banal und offensichtlich vorkommt, ist auf der Stufe angelangt, die ihre Mutter mit Rätseln und Geheimnissen umgab. Für uns löst sie all diese Rätsel ihrer Mutter, und übrig bleibt ein klassischer Bildungsroman, der sich freimütig bei der Romantik bedient und doch mit seiner anschaulichen Sinnlichkeit ein hohes Maß von Authentizität erreicht. Wie die Risse aussehen, die sich dem heranwachsenden Mädchen in der fremdbestimmten Idylle offenbaren, der Einbruch des banalen Bösen und die merkwürdigen Untiefen der Familiengeschichte, alles fügt sich zu dem Bild eines monströsen Sommers in einer merkwürdigen Zeitlosigkeit, die des waliser Hinterlandes bedarf.

Ein Mädchen verschwindet, eine Schulkameradin von Eve, nur ein Rollschuh bleibt zurück. Eine Scheune brennt, und Billy ward danach nie mehr gesehen. Zusammenhänge muss der Leser selbst herstellen, denn Susan Fletcher hat keinen Kriminalroman geschrieben, der eine Lösung präsentieren würde. Vielmehr bewegt sie sich in den verschiedenen Lebensaltern ihrer Heldin so, als wäre es ein Labyrinth in einem Märchenwald. Ein Roman wie ein Puzzle. Für die einen liegt der ganze Reiz darin, die Steine zusammenzufügen und zu sehen, wie das Bild langsam wächst. Sie setzten alles in den Prozess, das Bild selbst aber ist statisch und somit uninteressant. Für die anderen liegt die Faszination vor allem in dem fertigen Bild, das sich aus den Einzelteilen als neue Einheit herausbildet. Es ist der Beleg dafür, dass jedes Detail für sich genommen wichtig ist, sich jedoch dem Ganzen bedingungslos unterordnet. Wie immer man zu dem Puzzle steht, Eve Green wird beide nicht enttäuschen.

Susan Fletcher: "Eve Green." Roman.Aus dem Englischen von Stefanie Schaffer-de Vries, Berlin Verlag, Berlin 2005, 349 Seiten, 19,90 Euro.

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