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Kein Eldorado, nur Sümpfe und wilde Tiere in Florida. RHONA WISE/afp
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Kein Eldorado, nur Sümpfe und wilde Tiere in Florida.

Konquistadoren

Franzobel: „Die Eroberung Amerikas“ – In die Wildnis

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Mit derben Witzen und aufklärerischem Anspruch erzählt der österreichische Schriftsteller Franzobel von der „Eroberung Amerikas“.

Der Anfang ist ein einziger, großer Teaser. Erst verlangt jemand die Rückgabe der Vereinigten Staaten von Amerika an die sogenannten Indianer („Heilige Dreifaltigkeit!“), dann der Sprung aus der Gegenwart in das 16. Jahrhundert: Auftritt Ferdinand Desoto, Konquistador, „verantwortlich für die größten Erfolge, aber auch für eine der größten Pleiten in der Geschichte Spaniens“.

Damit ist der Rahmen gesetzt, los geht die wilde Fahrt. Mit „Die Eroberung Amerikas“ legt der österreichische Schriftsteller Franzobel (eigentlich Franz Stefan Griebl) einen Roman vor, der oft atemlos zurücklässt. Es ist das Jahr 1538, Ferdinand Desoto bricht mit einer Flotte in die Neue Welt auf. Es geht nach Florida, aber das eigentliche Ziel ist Eldorado, das Goldland. 800 Männer und eine Frau, 300 Pferde, Doggen, Schweine und Ziegen begleiten den spanischen Eroberer, der wie sein historisches Vorbild Hernando de Soto zu diesem Zeitpunkt schon in Peru, Nicaragua und Panama gewesen war.

Anders als die vorherigen wird diese Expedition aber nicht von Erfolg gekrönt sein. Auf der Suche nach Gold, Sklaven und Frauen treibt Desoto seine Gefolgschaft immer tiefer in die wahnsinnig machende Wildnis jenes riesigen Landes, das heute die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Bis an den Mississippi dringen sie vor. Auf ihrem Weg dorthin missionieren sie Ureinwohner und töten jene, die sich den Europäern widersetzen.

Schon im 2017 erschienenen Roman „Das Floß der Medusa“ arbeitete Franzobel mit einem historischen Stoff. Damals war es die Havarie der Fregatte Medusa 1816 vor der westafrikanischen Küste, nun geht es um die letzte Expedition des spanischen Eroberers Hernando de Soto, der etwa zwischen 1500 und 1542 lebte. Für das Buch reiste der Österreicher seiner Hauptfigur hinterher. Aus seinen Recherchen und den historischen Fakten ist ein bunter, vielstimmiger Roman voller skurriler Figuren entstanden, die sich um den spanischen Konquistador drehen.

Dabei lässt Franzobel seinen Erzähler mit Werkzeugen arbeiten, die auch Netflix-Serien nutzen: mehrere Erzählstränge und Zeitebenen, zwischen denen munter gewechselt wird, schnelle Schnitte, Cliffhanger, Running Gags und popkulturelle Vergleiche. Mal geht es rasant, dann wieder fast beiläufig plaudernd durch den Text („Holen wir kurz Luft und blicken in die Heimat ...“). Die Heimat, das ist zwar das Spanien des 16. Jahrhunderts, aber die Sprache ist modern: Ein französischer Korsarenkapitän wird als „Mischung aus Giscard d’Estaing, Gérard Depardieu und Chateaubriand“ charakterisiert. Bastardo und Cinquecento, zwei Kleinkriminelle, die Teil der Expedition sind, beschreibt der Erzähler so: „Wenn man sie schönredete, sahen sie aus wie Robert Redford und Paul Newman, die in einem Sozialdrama Ganoven spielen.“

Der Clash von Vergangenheit und Gegenwart in der Sprache und Gedankenwelt der Figuren war schon in „Das Floß der Medusa“ die Grundlage für Witze und komische Situationen. Auch im neuen Roman werden damalige (Vor-)Urteile mit dem Wissen des modernen Menschen konfrontiert, etwa wenn ein Koch die Kartoffel entdeckt und zunächst die Blätter der Pflanze zubereitet: „Knollen? Wer isst sowas? Wird sich nicht durchsetzen. Vielleicht in Streifen geschnitten, in Öl gebraten und mit roter Sauce? Lächerlich.“

Auch sonst wird viel geblödelt. Ein Spanier, der nach einer früheren, gescheiterten Expedition bei Indigenen lebte, betet ein „verstümmeltes Vaterunser“, als er von Desotos Truppe aufgestöbert wird: „Beate Uhse i Immel, eiligt Erde Einnahme ... .“ Auch dass die Missionierung der Ureinwohner nicht recht klappen will, bietet Stoff für derbe Witze: „Sie zeigten, was sie von ihrer Errettung hielten, reckten ihre nackten Ärsche in Richtung der Spanier, furzten und lachten. Sie benahmen sich wie bekiffte Hippies vor Börsenmaklern.“

Franzobel: Die Eroberung Amerikas. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2021. 544 S., 26 Euro.

Das ist unterhaltsam, und obwohl die Expedition erst nach einem Viertel des rund 550 Seiten dicken Buchs tatsächlich startet, kommt zu keiner Zeit Langeweile auf. Dabei ist der Humor aber nicht Selbstzweck, sondern erfüllt eine Aufgabe: Er macht die Grausamkeit erträglich. Denn Männer wie Desoto waren eben nicht nur Entdecker und Eroberer, sondern auch Gewalttäter und Massenmörder, die die indigene Bevölkerung Amerikas unterwerfen und abschlachten ließen. „Überall wurden Mädchen und Frauen vergewaltigt, Männer abgemurkst, Vorräte geplündert. Sie hatten keine fünf Sinne mehr, sondern nur noch einen, den Trieb. Niemand würde sie je dafür zur Verantwortung ziehen. Die Indianer konnten keine Petition an den Kaiser schreiben, sie hatten ja nicht einmal eine Schrift, nur Schnüre mit Knoten. Es gab keine Kriegsberichterstatter von CNN, keine unabhängigen Beobachter, Menschenrechtsorganisationen ... .“

Er habe seinen Erzähler im 21. Jahrhundert verortet, erklärte Franzobel in einem Werkstattbericht, und das mit gutem Grund: „Wenn die Sprache vertraut ist, wird es dem Leser leichter gemacht, sich in andere Zeiten zu versetzen.“ Denn dem Bachmannpreisträger von 1995 geht es nicht nur um Unterhaltung, er will auch aufklären: Gier, Gewalt, Egoismus. So war das damals – und ist es so vielleicht auch heute noch?

Das Ende des Romans jedenfalls ist versöhnlich, wenn auch nicht für den tragischen Helden Ferdinand Desoto. Von Eifersucht und Wahnsinn gezeichnet stirbt er am Mississippi, von dem er nicht weiß, dass er ihn entdeckt hat. Im Kreis seiner dezimierten, ausgehungerten Truppe, ohne Gold und heute fast vergessen.

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