Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Frankfurter Franz Mon in seinem Atelier.
+
Der Frankfurter Franz Mon in seinem Atelier.

Frankfurt

Franz Mon zum 95. Geburtstag: Das Haus aus Sprache, an dem er lange baut

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Ein Besuch bei Franz Mon, dem Dichter der Konkreten Poesie, der am 6. Mai seinen 95. Geburtstag feiert.

Die kleine Villa hockt hinter Hecken, duckt sich unter knorrige Bäume. Es ist still hier. Nur die Glocken vom Turm der nahen Andreaskirche schlagen die Viertelstunde. Seit einem halben Jahrhundert lebt Franz Mon in dieser Abgeschiedenheit und doch mitten in der Großstadt Frankfurt. Der Poet öffnet dem Besucher die Tür in sandfarbenen Cordhosen und farblich abgestimmter Jacke. Es drängt ihn, seine jüngsten Arbeiten sogleich zu zeigen. Aus einer blauweiß gestreiften Tragetasche fördert er Blätter hervor, bedeckt mit Buchstaben, die sich zu Skulpturen formen. Wortbilder, am Computer entstanden, erklärt er. Das Haus aus Sprache, an dem er lange schon baut, ist noch nicht vollendet. Obwohl doch der Dichter der Konkreten Poesie am 6. Mai seinen 95. Geburtstag feiert.

Wir sitzen am Tisch auf der Terrasse, in gehöriger Entfernung voneinander. Der Frankfurter, der seiner Geburtsstadt treu geblieben ist, geht mit der Ausnahmesituation gelassen um. Ihm ist bewusst, dass er aus einer anderen, versunkenen Zeit in die Gegenwart hineinragt. Ein mildes Lächeln huscht gelegentlich über sein Gesicht. „Ich bin zufrieden mit allen 95 Jahren“, lautet sein Credo. Noch immer spielt er gerne mit der Sprache. „Kind, Wind, geschwind“, bricht es unvermittelt aus ihm heraus. Er lacht. „Ich liebe Wörter“, sagt er dann.

Konsequent kämpfte Mon sein Leben lang dafür, die Möglichkeiten der Sprache in andere Dimensionen zu erweitern. In zwei Dutzend Büchern erprobte er das immer wieder aufs Neue. Das Lesebuch „Zuflucht bei Fliegen“ (2013) und der Essay-Band mit dem treffenden Titel „Sprache, lebenslänglich“ (2016), beide bei S. Fischer erschienen, geben einen guten Einblick in das Werk. Seine Gedichte formen zugleich Skulpturen, die wiederum Bezug nehmen auf die Inhalte, die Assoziationen auslösen auch durch ihre Form. Er will mehr als nur be-schreiben. Vor Jahrzehnten schon hat er es so ausgedrückt: „Die naive Übereinstimmung von Wort und Sache, Ausdruck und Wirklichkeit, ist zerschlissen durch den tatsächlichen Gebrauch der Sprache wie durch die unerhörte Kluft zwischen dem Faktischen dieser Realität und den Worten, die damit fertig werden sollen.“

Über Sprache zu sprechen ist schwierig. Konsequent schreibt Mon mit der Hand, konsequent schreibt er die Wörter klein. „Man liest den Text anders, es gleitet mehr“, sagt er schlicht zur Erklärung. Nur ein Beispiel, ein Auszug aus dem Gedicht „Wörter voller Worte“, der ein Jahr älteren, großen Kollegin Friederike Mayröcker gewidmet. „pockennarbige wörter / kitzeln mir den gaumen / salzwasserwörter / ……………………..fahren mir an die gurgel / schalltote wörter / ……………………..sprießen mir aus den ohren / bauchbinderwörter / …………………..füllen meinen darm / schluckaufwörter / ……………………fallen mir um den hals / Schonkostwörter / ……………………lachen sich ins fäustchen“

Im Alter von 14 Jahren begann Mon, Sohn eines Verlagsbuchhändlers, „Jungsgeschichten“ zu schreiben. Durch seinen Vater war er „mit Literatur und Sprache sehr vertraut“. Und dann gab es da einen Autor, dessen Bücher er mit heißen Ohren und pochendem Herzen aufnahm. Karl May. „Ich habe alle dreißig Bände gelesen“. Er liebt die langen, sprechenden Namen der May-Figuren, hadschi halef omar ben hadschi abul abbas ibn hadschi dawuhd al gossarah. Der Dichter lacht.

Nach 1945 studierte er Germanistik, Geschichte und Philosophie in Frankfurt und Freiburg. Theodor W. Adorno war sein Professor: „Ich habe ihn geschätzt.“ Adorno stand für den jungen Mann für das Frankfurt der Nachkriegszeit, das er liebte: „Die Stadt war damals sehr offen und politisch beweglich.“ Seinerzeit hätten die Studenten noch ihrem Idol, das von der 68er-Bewegung später kritisch hinterfragt wurde, zugehört und applaudiert: „Teddy verbeugte sich immer, wenn geklatscht wurde.“ Die 68er, urteilt Mon, hätten bei allen Verdiensten auch „sehr viel zerstört“.

Wir steigen eine steile Stiege ins Obergeschoss hinauf. Ich nehme mir vor zu fragen, wie man im hohen Alter so beweglich bleibt. Mon öffnet die Tür zu seinem Atelier und gibt eine treffende Beschreibung des Raumes. „Es passt kaum noch ein Streichholz rein.“ Überall stapeln sich Bücher, Aktenordner, Papierbögen. An den Wänden die Wort-Grafiken und Collagen. Ein einziger freier Stuhl ist zu entdecken. Dort sitzt der Dichter normalerweise.

In den 60er Jahren hatte er eine neue Dimension für seine Kunst entdeckt: das Hörspiel. Bei seiner ersten Aufnahme, den Gedichten von „Herzzero“ für den Hessischen Rundfunk, ließ er 1962 die Texte von drei Sprechern getrennt aufnehmen und dann gemeinsam abspielen. „Eine Durchdringung der Sprache, sehr reizvoll.“ Noch heute sagt er stolz: „Das war eine neue Methode, mit Sprache umzugehen.“ „Herzzero“ spielt mit Worten und Bedeutungen: „fang einfach an / was / fang mich / du bist mir einer. fang du lieber an / ehe es überhaupt anfing / was ,es‘? ,es‘ kann alles möglich / sein“

Bis 2011 hat er immer neue Hörspiele geschaffen, etliche Preise dafür erhalten. Die internationale Anerkennung kam. 2014 der Petrarca-Preis. Vor zwei Jahren forderte das Kunstmuseum Centre Pompidou in Paris ihn auf, einen großen Teppich für die dortige Sammlung zu entwerfen. Er ließ die Arbeit mit Wortgrafiken von der berühmten Weberei Bonotto in Norditalien fertigen. Gerhard Wolf hatte schon in den 90er Jahren in seiner Janus Press eine elfbändige Gesamtausgabe der Werke Mons herausgegeben, die Aufsehen erregte. „Wolf war oft hier und hat immer zur Zeit der Frankfurter Buchmesse bei mir gewohnt.“ Junge deutsche Autoren wie etwa Michael Lentz besuchten ihn und bezogen sich in ihren Büchern auf ihn, es entstanden Freundschaften. Lentz beschrieb die Arbeit des Freundes so: „Sprache wird bei Mon Stimme, Stimme wird Schrift, Schrift wird Bild, Bild wird Text.“

Mon lehrte an den Universitäten von Kassel und Karlsruhe, an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Heute sieht er die Sprache durch das Internet bedroht. „Durch die sozialen Medien wird die Sprache verschlissen, es wird viel zu viel gebabbelt“, sagt Mon, als wir auf die Terrasse zurückkehren. Er beklagt, „dass kaum noch ein Mensch einen Brief schreibt“. Seine Eltern stammten aus dem Eichsfeld, einem Landstrich im äußersten Nordosten von Thüringen. Als sein späterer Vater zum Studium von dort nach Frankfurt ging, verabredete er mit seiner späteren Mutter, dass sie sich jede Woche einen Brief schrieben. „Das haben sie fünf Jahre lang durchgehalten.“ Der Sohn besitzt alle diese Briefe noch und hat sie abgeschrieben, um sie zu verinnerlichen.

Für die Forderung nach einer gendergerechten Sprache findet er erst nur ein Wort, das er mit geradezu verächtlichem Unterton ausspricht: „Lächerlich!“ Mon hält inne, denkt nach: „Zu verlangen, dass die gesamte Gesellschaft gendermäßig schreibt, das halte ich für lächerlich.“

Wir sprechen über das Alter, es bleibt nicht aus. Hinter der Terrasse sinkt die Sonne. Das Geheimnis seines Alters, sagt Mon, sei „viel Bewegung, jeden Tag Spaziergänge.“ In den Zeiten der Corona-Pandemie hat er mit seiner Lebensgefährtin den Frankfurter Hauptfriedhof entdeckt, „den schönsten Park Frankfurts“ mit 200 Jahre alten Bäumen. „Ich liebe Bäume.“ Sein mentales Training ist das Lesen. „Ich lese keine Romane mehr, das ist eine Leidenschaft früherer Jahre.“ Er vertieft sich in Sachbücher, gerade hat es ihm „Zeit der Zauberer“ angetan von Wolfram Eilenberger. Und dann „Nach Amerika“, in dem Bernd Brunner die deutsche Auswanderung in das verheißene Land schildert.

Und der Poet sitzt an einem umfangreichen Werkverzeichnis, das aus Anlass des 95. Geburtstages erscheint. Die Galerie Kai Middendorff im Frankfurter Bahnhofsviertel wird vom 30. Mai an neue Arbeiten von ihm zeigen, darauf freut er sich. Er arbeitet weiter. Das Haus aus Sprache ist noch nicht vollendet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare