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Am Ende kommt es noch zu einem großen Polizeieinsatz auf Münchens Straßen.

Literatur

Franz Doblers „Ein Schuss ins Blaue“: Sicher ist hier gar nichts

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Franz Dobler legt mit „Ein Schuss ins Blaue“ einen großartig irritierenden Kriminalroman vor.

Man sah zuerst immer das, was man zu sehen gewohnt war oder sehen wollte, und wenn man dann sofort wieder wegsah, glaubte man das, was man zuerst falsch gesehen hatte.“ So sinniert Fallner, Ex-Polizist, Roman-Hauptfigur im nun dritten Fallner-Krimi Franz Doblers, und es könnte durchaus auch ein Hinweis an die Leserin, den Leser sein. Denn man bekommt in diesen Büchern nicht das, was man zu lesen gewohnt ist. Schlecht also, wenn man zu flüchtig hinguckt, zu hastig liest. Denn es gibt nicht gerade viel Action, die man im Drüberlesen aufschnappen könnte. Vielmehr gibt es vor allem das Leben zwischen der Action, davon reichlich, detailliert, nuanciert, und dies in einem München, das kein bisschen leuchtet, sich aber Tag und Nacht, in Kneipen und U-Bahn-Stationen, ganz gut schlägt.

Nach „Ein Bulle im Zug“, der 2014 den Deutschen Krimipreis erhielt, und „Ein Schlag ins Gesicht“ (2017, dritter Platz des Deutschen Krimipreises), ist nun Franz Doblers „Ein Schuss ins Blaue“ erschienen. Polizist Fallner ist, wie gesagt, länger schon ein Ex-Polizist und in der sehr diskreten Sicherheitsfirma seines älteren Bruders tätig, den er fast immer Chef nennt – damit die Dinge klar sind.

Der Chef also zieht aktuell eine unscharfe Fotografie, nun ja, nur quasi aus dem Ärmel, hat sie irgendwo her, möchte nicht sagen, woher: Der Mann auf dem Foto soll einen islamistischen Anschlag planen, er soll sich außerdem in der Wohnung eines Verwandten in München aufhalten, es soll außerdem eine Art Kopfgeld geben, jedenfalls eine Menge Geld zu verdienen sein, wenn man ihn dingfest macht. Geld von den Amerikanern, stecken die dahinter? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Die Sache kommt nicht nur Fallner komisch vor. Bist du sicher, bist du absolut sicher, fragen sie sich gegenseitig. Doch der Chef bestimmt, die Security-Truppe observiert also, mietet sogar einen Hinterhof-Raum, damit sie einen Blick hat auf Aymens Laden, um dessen Cousin es geht – womöglich geht, denn alles wackelt, wankt, verschwimmt. Könnte auch eine Falle, verdammt gefährlich sein. Könnte sein, dass der Mann kein Terrorist ist. Könnte sein, dass man etwas glaubt, was man zuerst falsch gesehen hat und darum immer nur falsch sieht.

Das muss man als Leser aushalten, „Ein Schuss ins Blaue“ ist kein Krimi, der die Dinge am Ende zurechtrückt und sicher vertäut. Auch wenn es dann doch noch zu einem mächtigen Polizei-Einsatz kommt. Aber: sicher ist hier trotzdem gar nichts.

Dafür bekommt man von Dobler viel, was gar nichts zu tun hat mit der Kernhandlung, was aber Münchens Straßen und Häuser mit Menschen bevölkert, wie man sie vielleicht nicht selbst treffen würde (man geht halt nicht in solche Ecken), wie sie einem aber allemal lebenswarm und blutvoll vorkommen. Und sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Franz Dobler: Ein Schuss ins Blaue. Kriminalroman. Tropen, München 2019. 288 S., 20 Euro.

Dafür sorgt schon Nadine, das 14-jährige „Ossigirl“, das eine elende Kindheit hatte mit ihrer Mutter und deren ständig wechselnde Typen. Nadine ist abgehauen und untergekommen bei Fallner und Jaqueline, und weil die Kommissarin so cool ist, möchte auch das Mädchen zur Polizei, irgendwann. In der Zwischenzeit fragt sie: warum? Und 30 Sekunden später wieder: warum? Und fragt Fallner ein Loch in den Bauch.

Nadine möchte wissen, warum die Jazzer, die Fallner hört, „so komisch spielen“. Und ob man so einfach reingehen kann in eine Kirche. Und ob auch sie, Nadine, wirklich „aus Erde“ ist, wie in der Kirche gerade behauptet wurde. Und schließlich, Fallner sieht es nicht kommen, ob es wahr ist, dass ihre Mutter eine Hure ist? Der Ex-Polizist weicht aus und natürlich merkt Nadine, dass er ausweicht.

So wie das Mädchen gern die Hand Fallners nimmt – oh doch, es wundert ihn, so jung ist sie ja nicht mehr –, so nimmt Dobler die Leserin gleichsam an die Hand, führt zu Bertls Eck, Kneipe mit Musikbox, wo man Titel aus den Siebzigern drücken und den alten Punk Armin treffen kann. Führt ins Büro, wo es nicht nur den Chef gibt, sondern auch die unnachahmlich resolute Theresa Becker, Frau für alles; Landmann, den ältesten der Ex-Polizisten; Nico, den Computernerd im Rollstuhl. Führt auch zu Muhammad, Flüchtling, Boxer. Aber obwohl er boxt und Muhammad heißt, scherzt Muhammad, ist sein Nachname nicht Ali. Im Untergrund, wo es zu den Bahnen geht setzt sich Fallner zu einem Saxophonisten, es ist 4.13 Uhr in München.

Fallner sitzt auch im Auto, im Regen, und observiert. Eine gute Gelegenheit, über den Fährmann und, bis es so weit ist und er vor einem steht, über To-do-Listen nachzudenken, denn „das Leben (ist) nichts als eine gigantische To-do-Liste“. Daran lässt sich vermutlich nichts ändern, aber immerhin kann man hin und wieder ein paar Bücher draufsetzen. Dieses sollte jedenfalls dabei sein.

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