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Der "Englische Hof" (links) in der Kaiserstraße, in dem Joseph Roth regelmäßig in Frankfurt wohnte, war eine erste Adresse.

Joseph Roth

In Frankfurts Unterwelten

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Ein Lesebuch versammelt Frankfurter Feuilletons des prägnanten Schriftstellers Joseph Roth und ermöglicht die eine oder andere überraschende Entdeckung.

Wenn er im Frankfurt der 1920er Jahre Geschichten im öffentlichen Raum auflas, dann deshalb, weil er ein Augenmensch war. Keine davon, die er als Augenzeuge links liegen ließ, nicht die unscheinbaren Vorfälle, nicht die unauffälligen Zwischenfälle. 

Wenn er die Hinterzimmer oder Unterwelten Frankfurts in Augenschein nahm, dann konnte er das, weil sie ihm geöffnet wurden. Ebenso wie Schubladen oder heimliche Briefe. Joseph Roth muss so etwas wie einen Schlüssel besessen haben, mit dem er sich offenbar Zugang verschaffte. Durch ihn wusste der Journalist von Geheimnissen zu berichten, von denen in der Tageszeitung nur der Reporter oder der Feuilletonist zu erzählen weiß. Roth war beides: Der Koch „geht nach Hause. Er hat ein angenehmes Haus, drei Kinder, eine junge, hübsche Frau, deren Porträt in der Schublade des Tisches im gläsernen Pavillon liegt, neben dem zugeklappten Diarium. Er zeigte sie mir einmal. Gewiss zieht er das Porträt sonst niemals aus der Lade, und nur wenn er sie auf- und zuschiebt, wirft er einen Blick hinein, eine flüchtige Liebkosung.“ 

Kaum ein Feuilleton, das der – nach eigener Aussage – „prägnante“ Joseph Roth geschrieben hätte, dass nicht eine intime Reportage gewesen wäre. Eine Begegnung immer wieder mit dem Flüchtigen, bei dem die Liebkosung der Umwelt durchaus vorkommen konnte, aber natürlich bestand alles andere als ein Zwang zu ihrer Umarmung, wie jetzt eine weitere, eine schöne Joseph-Roth-Anthologie zeigt – „Ein Frankfurt Lesebuch“. Ingeborg von Lips hat Texte aus den Jahren 1923 bis Ende 1932 versammelt und zeigt durch den Autor eine ziemlich ausgefallene Stadt ebenso wie eine ziemlich aufsehenerregende Zeit sehr komprimiert. Das Erstaunliche verdichtet sich leitmotivisch in dem Satz: „Frankfurt a. Main besteht aus einer Stadt und einem Traum.“ 

Roth und Frankfurt, die Beziehung hatte etwas von einer Affäre

Roth und Frankfurt, das war vor allem eine Beziehung zur eindrucksvollen „Frankfurter Zeitung“, und diese Beziehung hatte etwas von einer Affäre, denn sie war eng und aufreibend, das Gegenteil von harmonisch und der Inbegriff von intensiv. Sie wurde gepflegt, enttäuscht und aufgekündigt. Roth wurde glänzend bezahlt, er wurde von einem Benno Reifenberg protegiert und von neidlosen Kollegen geradezu hofiert. Er wurde von der Redaktionsleitung brüskiert, ihm wurde ideologisch schwer misstraut, er wurde als Paris-Korrespondent abgelöst, nachdem das Blatt mit dem Namen Roth enorm renommiert, von seinen Feuilletons gelebt hatte, seinen Glossen oder Reisereportagen. Obwohl man sich zwischenzeitlich untreu geworden war, wurde, wie schon „Hotel Savoy“ 1924, auch „Radetzkymarsch“ 1932 in Fortsetzungen in der FZ vorabgedruckt.

Roth in Frankfurt, das ist für die Roth-Forschung keine Neuigkeit, David Bronsen hat in seiner Biografie darüber geschrieben, Wilhelm von Sternburg hat in der seinen dieses Kapitel über den „Ausnahmeautor“ so akribisch wie anschaulich rekonstruiert. Natürlich, der Fokus auf Frankfurt bedeutet sicherlich eine Beschränkung, denn Roth unterhielt keine feste Frankfurtbeziehung. Er blieb ein Reisender, denn das Nomadische war seine erste Natur. Aus ständigem Unterwegsein heraus entstanden sein Frankreichbuch oder seine Russlandreportagen.

Frankfurt war für den aus dem ostgalizischen Brody stammenden Roth eine provisorische Bleibe unter vielen prekären Aufenthaltsorten in Europa. Hier bot ihm die im Societäts Verlag erscheinende „Frankfurt Zeitung“ so etwas wie ein geistiges Obdach, und wie um seine heikle Existenz als ein prekäres Dasein auch einigermaßen auszuhalten, bezog er Quartier in Frankfurts Englischem Hof, dem ersten Hotel am Platze, gegenüber vom Hauptbahnhof. Von hier aus streunte er durch die Straßen, um bei der Rückkehr nicht die eigenen vier Hotelwände aufzusuchen, sondern im Vestibül, an einem Tischchen, seine journalistischen Tagesrationen zu verrichten. Etwa über einen Portier oder Spielzeug oder den Zoo im Frühling. 

Über Roths Zeit in Frankfurt haben einige Zeitgenossen berichtet, viele im nachhinein. Der Kollege Hermann Linden, eine Wiederentdeckung dieses Buches, hat ihm noch in die Augen geblickt und über die Schultern geschaut. An Roths Augenfarbe konnte sich Linden zwar nicht mehr mit Sicherheit erinnern, aber Linden wurde doch zum Augenzeugen „witziger Heiterkeit“ und „abgründiger Melancholie“. Hinter der „Maske der Arroganz“ erkannte Linden die „Seelengeheimnisse dieses ostjüdischen Romantikers“, der die „Unruhe brauchte“. 

„Sätze von gefeilter Grazie“

Linden sah zu, auch dabei, wie Roth schrieb. „In zarter zierlicher Schrift, mit Buchstaben von fast grotesker Winzigkeit“, wie Linden im Dezember 1933 in der „Vossischen Zeitung“ schrieb, zu der Zeit war es eine mutige Erinnerung an „Sätze von gefeilter Grazie“, die dem Autor aus dem Handgelenk sprangen“, wie Linden 16 Jahre später ergänzte, in seinem Joseph Roth 1949 gewidmeten „Gedächtnisbuch“. Linden mochte den Zeitzeugen Roth nicht missen, nicht Ende 1933 in Hitlerdeutschland, da lebte der Ostjude bereits im Pariser Exil. Nicht vier Jahre nach dem Krieg, als einer der prominentesten Publizisten und gefragtesten Romanautoren und grazilsten Stilisten der Weimarer Republik zehn Jahre zuvor, 1939, im Pariser Exil zugrunde gegangen war.

Zu einer Begegnung zwischen Linden und Roth war es immer wieder in Frankfurt gekommen, vor allem im Frankfurter Hof, als das pompöse Haus noch ein Hotel war, bevor es Ende 1933 in ein Bürogebäude umgewandelt wurde (und in dieser Funktion heute noch existiert, prunkend, ein Gründerzeitbauwerk). Roth im Vestibül des „Englischen Hofs“ hat Linden oft zugesehen, einem Autor inmitten von Betriebsamkeit und Blasiertheit, Borniertheit und Beflissenheit. Mit Blick aus dem Fenster war Roth ein Augenzeuge des urbanen Frankfurt, aber dabei blieb es nicht. Beim bloßen Augenschein allerdings auch nicht: „Im Schreibzimmer, weit von der Musik, halten ernste Männer Konferenzen ab. Wenn man sie sieht, hat man den Eindruck, dass sie das Schicksal der Welt entscheiden, hier, nebenbei, zwischen zwei Luxuszügen. Die Preise bestimmen sie, die Löhne und den Grad unseres Hungers.“ 

Die Sätze Roths erhielten Welterkenntnis und Weltanschauung – warum Roth noch Ende der 20er Jahre der Name der „rote Joseph“ nachging. Doch das Linkssein war sicherlich nicht historisch-materialistisch geschult oder streng marxistisch grundiert, trotz aller Erkenntnis himmelschreiender Ungerechtigkeit in einer kapitalistischen Welt. Von seiner Harzreise brachte er eine Reportage über den ganze Landstriche verheerenden und vergiftenden Umweltzerstörer IG Farben mit – einen der Subventionäre der sanierungsbedürftigen Zeitung, die den schonungslosen Artikel unter dem Titel „Der Merseburger Zauberspruch“ druckte. 

Auch das ist ein Kapitel aus dem schmalen aber aufschlussreichen Frankfurtbuch, das Ingeborg von Lips herausgegeben und mit historischen Fotos, Faksimiles und mit Dokumenten gespickt sowie mit moderierenden Überleitungen versehen hat zu den Sachen selbst, den Texten Roths, darunter Innenansichten aus der Redaktion oder einer Hommage auf den Feuilletonchef Rudolf Geck. Die Artikel zeigen den Kinderbuchliebhaber oder den Malereiinteressierten. Den Goethe-Kenner und Deutschland-Bekenner. Den Melancholiker oder quirligen Messebesucher, den bissigen Palmengartenbesucher eines Schönheitswettbewerbs oder behutsamen Städelbesucher oder todtraurigen Zoobesucher. 

Aus Wiedergefundenem sind immer wieder neue Prosasammlungen entstanden, 1984 zu Roths 90. Geburtstag oder zehn Jahr später zu seinem 100. Verschollenes und aus Archiven Herausgefischtes findet sich auch in Lips’ Lesebuch – etwa diese doch sehr aktuelle Überlegung: „Und doch ist die Vorstellung absurd, dass ein deutscher Mensch, das heißt: ein Individuum, das innerhalb des deutschen Kultur-, Denk-, und Sprachgebietes die Quellen seines geistigen Lebens findet, deutscher sein könnte oder weniger deutsch als ein anderer.“ 

Rücksichtslosigkeit eines asozialen Kapitalismus

Roth sah zu, wie sich die Rücksichtslosigkeit eines asozialen Kapitalismus enorm entwickelte und die soziale Misere entsprechend ausbreitete. Als Feuilletonist kam er, auch das eine Tugend, nicht aus dem Staunen heraus, wenn er zusah, wie das Kino seltsame Fortschritte machte, hektische, und die Hellseherei echt obskure. Sicher, auch in diesem Roth-Buch existieren Passagen in einem unangestrengten Unterhaltungston, die so berühmten „entre filets“, ziselierte Plaudereien, getrimmt auf den Effekt. Keine Pointe, sondern eine tiefe menschliche, also blutige Wahrheit steckte in dem Satz: „Es ereignete sich, dass alle den Krieg menschlich finden, nicht ungeheuerlich.“

Roth bezog keinen festen Wohnsitz in der Stadt, aber aus einem Liebesverhältnis doch so etwas wie ein vorübergehendes Unterkommen. Man darf Roth dennoch kein zu intensives Frankfurtverhältnis nachsagen, weil das Buch noch einmal Frankfurter Adressen abklappert, legendäre Anschriften, die Wohnungen von Benno Reifenberg oder Siegfried Kracauer, auch die Große Eschenheimer Straße angesteuert wird, der Sitz der „FZ“ – längst verschwunden (wie auch das Rundschaugebäude, dort, eines Tages). Lips weist darauf hin, dass „vielleicht im (heute nicht zugänglichen) Archiv der Zeitung“ weitere Dokumente liegen“. Und wo nicht noch? Der Erfolgsautor schrieb in den 1920er Jahren für Münchner und Berliner Blätter, für den „Vorwärts“, die Wiener „Arbeiter-Zeitung“, „Das Tagebuch“ oder „Die Literarische Welt“. 

In einer Ära des aufgewühlten Nationalismus behielt er den kühlen Kopf eines Kosmopoliten. In den Jahren eines aufzischenden Patriotismus und feisten Chauvinismus bekannte sich der Unruhegeist zu einem Heimischgefühl unter einer Bedingung. Sich heimisch zu fühlen sei eine zivile Regung und nicht etwa eine Weltanschauung oder ein Programm. Aus einer anderen Welt stammend, blieb er ein Migrant mit einem Moralhintergrund. Aus seiner eigenen Welt ewiger Wanderschaft kommend, bot ihm auch Frankfurt Gelegenheit, so einiges zu unternehmen.

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