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Vergangenes Jahr auf der Buchmesse.

Verlagsbranche

„Die Frankfurter Buchmesse wird völlig anders sein“

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Noch geht es darum, wenigstens einen analogen Teil des riesigen Branchentreffens zu retten.

So, als wäre es eine längst versunkene Ära, spricht Karin Schmidt-Friderichs in diesen Tagen von der „Zeit vor Corona“. Die 59-Jährige hatte sich ihre Arbeit als Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels völlig anders vorgestellt. Als sie Ende Oktober 2019 ihr Amt antrat, war die Pandemie nicht zu ahnen. Jetzt muss die Verlegerin die vielleicht schwerste Herausforderung der Buchbranche in der Nachkriegszeit meistern.

Derzeit hetzt die gelernte Fotografin und studierte Architektin von einer Telefonkonferenz zur nächsten, wird von Verlagen aus dem In- und Ausland mit Anfragen bestürmt. Im Brennpunkt: Was wird aus der Frankfurter Buchmesse, dem größten Medientreffen der Welt, in diesem Jahr geplant vom 14. bis 18. Oktober?

Die Buchmesse also, 300.000 Besucherinnen und Besucher aus mehr als 100 Ländern binnen fünf Tagen, drangvollste Enge in den Messehallen. Ihr übliches Gesicht, so macht Schmidt-Friderichs klar, wird sie in diesem Jahr nicht haben. „Wenn es sie gibt, dann wird die Buchmesse völlig anders sein.“

Angefangen beim Rechtehandel für Bücher, Filme, Medien, dem wirtschaftlichen Herz der Messe. Es schlägt üblicherweise in der Festhalle, in der sich 800 Agentinnen und Agenten an Tischen gegenübersitzen, um Verträge zu vereinbaren. In diesem Jahr werden diese Verhandlungen im Internet ausgetragen. Viele Bestandteile der Buchmesse, sagt Schmidt-Friderichs, werden ins Digitale abwandern.

Und doch ist die Vorsteherin, wie Buchmessen-Direktor Juergen Boos, nicht bereit, die Veranstaltung schon jetzt einfach abzusagen. Im Gegenteil: Beide kämpfen darum, jenseits der sozialen Medien noch etwas von dem Branchentreffen zu retten, was unmittelbar erlebbar bleibt. Schmidt-Friderichs formuliert Satzanfänge wie: „Wenn ein Teil der Messe analog stattfinden könnte ... .“ Wissend, dass die Entwicklung sie überrollen könnte. So, wie es zuletzt beim Münchner Oktoberfest geschehen ist.

Es ist ein Balanceakt auf des Messers Schneide. In der Branche trifft er nicht überall auf Verständnis. Der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling kritisiert „die Entscheidungsschwäche der Buchmesse“ und spricht aus, was viele denken: „Der Sinn der Messe fällt eigentlich weg.“ Nämlich die persönliche Begegnung, der Austausch. Schöffling fordert jetzt eine verbindliche Aussage darüber, ob es die Buchmesse geben werde. Ihm steht noch das Debakel der Leipziger Buchmesse im März vor Augen. Sie wurde in letzter Minute abgesagt. Die Verlage blieben auf vielen Kosten sitzen, etwa den Kosten für Hotelzimmer. Das dürfe sich nicht wiederholen.

Auch Markus J. Karsten, Geschäftsführer des Westend Verlages, sagt: „Je früher es Klarheit gibt, desto besser.“ So bliebe den mehr als 7000 betroffenen Verlagen, die üblicherweise nach Frankfurt kommen, Zeit, sich umzuorientieren. „Wir haben uns emotional schon einen Hauch darauf eingestellt, dass es keine Buchmesse geben wird.“ Karsten verweist auch auf die weltweiten Reisebeschränkungen, die bis Oktober nicht überwunden sein werden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Buchmesse noch Sinn machen würde.“

Wer könnte anreisen?

Wer käme überhaupt nach Frankfurt? Viele Länder sind von der Corona-Pandemie gezeichnet. Schöffling spricht über die US-Verlage, die bereits abgesagt hätten. Auch Vorsteherin Schmidt-Friderichs weiß: „Die USA haben im Augenblick andere Probleme.“ Ganz hart getroffen hat es Kanada, Ehrengast der diesjährigen Messe. Alle Literatur-Veranstaltungen in Deutschland, auf denen sich Kanada präsentieren wollte, wurden abgesagt: Leipziger Buchmesse, Lit Cologne, Berliner Literaturfest.

Viele Verlage nicht nur in Deutschland werfen derzeit ihre Pläne über den Haufen, verschieben Buch-Premieren, von diesem Frühjahr in den Herbst, vom Herbst ins Jahr 2021. Karsten befürchtet für sein Haus einen Umsatzrückgang von bis zu 60 Prozent. Karin Schmidt-Friderichs berichtet aber auch von internationalen Verlagen, die mehr Fläche auf der Buchmesse belegen wollten als im vergangenen Jahr. Verleger Karsten sagt: „Die Buchmesse ist das weltweite Schaufenster der Branche, vieles davon kann man nicht ins Internet verlegen.“

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