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Buchmesse – Digitale Revolution

Wie verändert die digitale Revolution die Bücherwelt?

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Die digitale Transformation verändert auch den Buchmarkt. Menschen haben weniger Zeit für Bücher, Verkäufe gehen zurück. Der in der Verlagsbranche tätige Unternehmensberater Johannes Bertelmann ist sich sicher: Die vollständige Kannibalisierung wird nicht stattfinden.

Herr Bertelmann, was steht der Verlagsbranche in den nächsten Jahren bevor?

Die Wechselwirkung zwischen Technologieentwicklung und Nutzerverhalten wird die Zukunft der Verlage maßgeblich bestimmen, denn das Nutzerverhalten ändert sich und keiner weiß vorher, wohin. Es lohnt sich, gerade das genau in den Blick zu nehmen.

Sterben Buchleser über kurz oder lang aus?

Der Rückgang der Buchleser ist besonders dramatisch in den Altersgruppen 20-29 Jahre (-24%), 30-39 Jahre (-26%) und in der Altersgruppe 40-49 Jahre gar mit -37%. Im Vergleich zu andere Medien bedeutet das Lesen eines Buches, sich diesem längere Zeit zu widmen, um es in sinnvollen Einheiten konsumieren zu können. Außerdem erfordert es eine hohe Konzentration, die es nicht zulässt, sich gleichzeitig mit anderen Dingen zu beschäftigen. In einem Forschungsprojekt mit Lesern, das die Gesellschaft für Konsumforschung gemeinsam mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels durchgeführt hat, wurden Zeitknappheit, Aufmerksamkeitsdefizit, die Vielzahl der sozialen Medien und das damit erzwungene Multitasking als wesentliche Ursachen für den Rückgang beim Bücherlesen ausgemacht. Die Leute schauen momentan am ehesten Serien, 42% aller Nutzer gar drei oder mehr Folgen hintereinander, haben ARD und ZDF ermittelt.

Also eine Verschiebung von der Text- auf die Bildebene?

Neben dem Sehen wird auch das Hören von Inhalten immer wichtiger. Streamingdienste mit attraktiven Flatratemodellen stellen Hörbücher zur Verfügung, die im Gegensatz zum Buch auch dann genutzt werden können, wenn man Auto fährt oder kocht. Diese Multitasking-Möglichkeit gefällt all jenen, die ihr Freizeitbudget als zu knapp empfinden.

Haben wir weniger Zeit, weil es viel mehr konsumierbare Inhalte gibt?

Das ist eine mögliche Sichtweise. Fest steht wohl aber, dass VUKA auch die Buchbranche erreicht hat. Die Abkürzung steht für ein seit dreißig Jahren existierendes Modell, dass die volatil, unsicher, komplexer und ambiger werdende Geschäftswelt beschreibt. Darauf müssen sich die Organisationsmodelle der Verlage ausrichten. Entwicklungen wie AI und VR und andere technische Neuerungen werden neue Freizeitangebote und neue Rezeptionsmöglichkeiten schaffen, die heute noch nicht absehbar sind. Die lineare Nutzung von Büchern steht immer stärker multimedialen, vernetzten und sozial integrierten Diensten und Plattformen gegenüber, die auch die Inhalte, die bisher unter der Hoheit von Verlagen entstanden sind, verfügbar machen. Verlage tun gut daran, sich frühzeitig und sehr genau die technischen Entwicklungen anzusehen und innovative Ideen zu entwickeln, die auf ihrer inhaltlichen Kompetenz aufsetzen.

Geben Sie uns ein Praxisbeispiel.

Verlage können gut erkennen, fördern und verbessern. Die Digitalisierung macht es heute leichter, auch ohne Verlag Bücher an den Leser zu bringen. Dank Print-on-Demand, das Druckkosten nur bei konkreter Nachfrage entstehen lässt, sowie durch die Nutzung von Social-Media-Kanälen als Marketing- und Verkaufsplattformen entsteht mehr Grundrauschen. Inzwischen reagieren manche Verlage auf diese Tendenz und schaffen mit Plattformen wir neobooks Schnittstellen, um Self-Publisher bei erkennbarer Eignung für ihr Portfolio zu Verlagsautoren zu machen.

Was können Sie darüber hinaus den Verlagen noch empfehlen?

Verlage werden letztendlich dafür bezahlt, dass sie gute Bücher finden und diese den Lesern überbringen. Daran ändert sich nichts. Die Branche muss, um mit der Gegenwart zu gehen, aber vermehrt lernen, zügig auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren und diese operativ bearbeiten zu können. Das ist vor allem eine Frage der Haltung, technische Kompetenz ist viel lernbarer, als es unser techno-pessimistisches Stigma erscheinen lässt. Anstatt mit Verboten zu hantieren, wie beim Leistungsschutzrecht, könnte mancherorts mit etwas mehr technischem Verständnis schon viel erreicht werden. Ein negativer Effekt der neuen Gesetzgebung für Verlage könnte nämlich zum Beispiel sein, dass Rezensionen, Buchcover, Klappentexte noch weniger Sichtbarkeit im Netz bekommen – und das unter anderem auf Initiative der Verlage!

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Wenn wir tolle Künstliche Intelligenz haben, brauchen wir dann noch Autoren?

Künstliche Intelligenz wird den Umgang mit Autoren und ihrer Arbeit verändern. Zum einen können Algorithmen dazu genutzt werden, Marktpotenziale vorherzusehen und Nachfragemuster zu erkennen. Das Hamburger Startup "QualiFiction" zum Beispiel betreibt empirische Textanalysen hinsichtlich des Erfolgspotentials. Wer liest gerne welche Art von Text? Am Horizont steht dann die korrespondierende Entwicklung von personalisierten Büchern, die sich nach Nutzerpräferenzen hinsichtlich Genre, Stil, Stimmung planen lassen. Irgendwann braucht man dann trotzdem eine künstlerisch begabte Autorin oder einen Autor, die daraus ein vollwertiges Kunstwerk machen. Dieser künstlerische Moment lässt sich beispielhaft simulieren, aber nicht wirklich ersetzen.

Sie glauben also trotz aller zivilisatorischen Enttäuschungen der Gegenwart weiterhin an die Mündigkeit des Individuums?

Ja, denn es wird immer Menschen geben, deren geistige Unabhängigkeit der sich entwickelnden Welt neue Perspektiven und Ideen abgewinnt und die Gefühlslage des Publikums zu benennen imstande ist. Ich kann mir – Stand heute – nicht vorstellen, dass Algorithmen diese Funktion der Weltneudeutung ausführen können. Ihre vermeintliche Kreativität besteht heute in der Mustererkennung und im Remix vorheriger Ansätze. Dieser kann neu wirken, aber nie fundamental neu sein. Solange wir nicht wissen, woher Newton, Kopernikus oder Marie Curie ihre Inspiration hatten, werden wir das nicht artifiziell nachbauen können, egal, wie verspielt unsere Büros gestaltet sind.

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