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Frank Heibert: einer der bekanntesten Übersetzer Deutschlands

Schwerpunkt Literaturübersetzung

Übersetzer Frank Heibert: „Ich lasse im Ausland schreiben"

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Er ist er die Stimme von Don DeLillo, Raymond Queneau, George Saunders und Marie Darrieussecq. Frank Heibert ist einer der bekanntesten Übersetzer Deutschlands und arbeitet für Suhrkamp, Hanser oder Secession. Auf der Frankfurter Buchmesse berichtet Heibert von den Eigenheiten seines Berufs. 

Frank Heibert, was unterscheidet denn Übersetzer*innen von normalen Menschen? 

Wir sind Leser wie alle anderen und darüber hinaus schreiben wir auch noch! Übersetzen heißt neben Lesen und Schreiben noch mehr: Zum einen ist es eine ständige Übung in Empathie, zum anderen in Interpretation. Man muss sich einlassen auf die Erzählerstimme, muss spüren, warum diese wie redet, und wie sie auf ihre Welt blickt. Ich kann diese Stimme aber nicht in kalter Stilanalyse auf Deutsch nachbasteln, sondern fühle mich bei jedem Werk in dessen eigene Stimme ein. Nur dann kann ich dessen Geschichte und Sprachgestalt auf Deutsch neu schreiben.

Was konnten Sie denn zuerst, interpretieren oder einfühlen? 

Einfühlen ist unmittelbarer, früher. Ich glaube, alle Menschen, die mit Sprache arbeiten, merken irgendwann: Das könnte ich ja auch anders sagen. So funktioniert übersetzendes Schreiben. Ich habe einen Satz im Original und muss mich zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden, je nachdem, welche Variante besser, passender, überzeugender ist. Das basiert auf meiner Interpretation des Originals und seiner Wirkung. Fürs Interpretieren bringt jede Übersetzerin und jeder Übersetzer einen anderen, eigenen Lebens- und Schreiberfahrungsweg mit. Deswegen sind wir auch alle ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und können nicht alle dasselbe, ein bisschen wie Schauspieler.

Sind Übersetzer*innen bei soviel Empathie und Blickwechsel denn eher eine Psychopathen- oder eine Therapeutentruppe? 

(lacht) So würde ich das ungerne verallgemeinern! Man ist sehr sensibel, mit allen Kehrseiten, man ist ein guter Zuhörer, und man muss auch darüber nachdenken, wie weit man sich wieder abgrenzt, damit man genug innere Ganzheitlichkeit gewinnt, aus der heraus man neu schreiben kann. Das geht nicht, wenn man noch völlig durchlässig ist für, oder imprägniert ist vom Original, denn dann klebt man zu nah an den Strukturen der Originalsprache. Davon muss man sich frei machen, sonst kann man keine Übersetzung schreiben, die in der Zielsprache wirkungsäquivalent wird. Psychopathen sind wir gar nicht. 

Übersetzen heißt Bestseller neu schreiben

Muss ein guter Übersetzer selbst schreiben können?

Ich sage immer, von dem Buch, was Sie da gerade lesen, hat die Originalautorin bis auf die Eigennamen kein einziges Wort geschrieben. Das heißt: Ja, natürlich muss ein guter Übersetzer schreiben können, doch zur Autorenschaft gehört natürlich das Erfinden von Figuren, von Geschichten, von all dem, das müssen wir nicht.

Wurden Sie schon gefragt, ob es Sie nicht reize, auch selbst zu schreiben?

Ja, dann sage ich gerne: Ich lasse im Ausland schreiben! (lacht) Wir Übersetzerinnen und Übersetzer beziehen die Vorlage und die Inspiration für das, was wir beim Übersetzen schreiben, aus dem Original, genauer gesagt aus unserer Interpretation des Originals. Das ist eine reichhaltige Quelle, und im Unterschied zu den Autorinnen sind wir ihr anders verpflichtet. Wir haben ein Ethos: Wir versuchen, dem Original so gut wie möglich gerecht zu werden.

Müssen Sie die Autor*in dafür mögen? 

Um Sympathie geht es nicht, sondern darum, ob man mit der Stimme des konkreten Textes etwas anfangen kann. Ich muss mich so einfühlen können, dass mir nachvollziehbar ist, warum die Person so spricht und handelt, wie sie es tut. Wenn ich das nicht kann, wenn mir das fremd bleibt, sollte ich die Finger von dem Buch lassen, dann kann ich daraus keinen literarischen Text machen. Oft entstehen beim Übersetzen Arbeitsfreundschaften zu den Autorinnen. Autoren träumen davon, verstanden zu werden. Unsere Hauptaufgabe ist es, sie zu verstehen und das sprachlich umzusetzen. Bingo! Wenn wir unseren Autoren begegnen und unsere Fragen stellen, dann merken die, wie tief man eingestiegen ist, und sind oft glücklich.

Casting wie bei Schauspielern

Gibt es einen klassischen Übersetzertypus? ... Sprachliche Pedanterie?

(lacht) Wir sind schon eine ziemlich schräge Raupensammlung. Es gibt einmal im Jahr die Übersetzertagung in Wolfenbüttel, da sind ungefähr 200 von uns. Wenn man da guckt, wie vielen Persönlichkeiten man begegnet, offenbart sich kein Typus. Grob gesagt gibt es viele, die konzentriert alleine, zuhause am Computer mit ihrem Buch sehr glücklich sind und eher nicht an die Öffentlichkeit wollen, und es gibt die, die vermitteln, öffentlich lesen, Veranstaltungen machen und Seminare.

Wie organisieren sich Übersetzer:innen? 

Es gibt unseren Verband, der zugleich zur IG Medien gehört wie andere Gewerkschaften, aber auch als VdÜ, Verband deutschsprachiger Übersetzerinnen und Übersetzer, ein eingetragener Verein ist. Da wird viel Fortbildung betrieben, viel Austausch und Professionalisierung. Es gibt ein Übersetzerverzeichnis, in dem man einsehen kann, wer was aus welchen Sprachen übersetzt. Die Verlagslektorate tauschen sich teiweise über Empfehlungen aus, und jede Lektorin hat ihr Adressbuch und fragt sich bei einer neu eingekauften Autorin, wie beim Casting: Wer übersetzt mir jetzt diese Stimme?

Wieder die Parallele zum Schauspiel! Aber wie kommt man als Nachwuchs-Übersetzer:in überhaupt ins Spiel? 

Klinken putzen! Projekte aussuchen, für die man brennt. Probeübersetzungen machen und hoffen, dass die jemand liest. Selbst wenn es dann nicht das Buch des Projekts wird, merkt vielleicht jemand im Verlag: Okay, der oder die kann was. Oder man beginnt über eine Co-Produktion mit eingeführteren Übersetzern, die einen Auftrag zu zweit machen wollen. Bei manchen literarischen Stimmen ist das nicht empfehlenswert, die müssen aus einem Guss kommen, aber zuweilen ist es vertretbar.

Amerikanische Kultur zu übersetzen ist weniger kompliziert

Wie übersetzt man lokale Sprachkultur?

Wir sind auch Kulturvermittler. Man muss über kulturelles Wissen zu dem Land verfügen, aus dem eine Autorin kommt, im Idealfall schon mal dort gewesen sein. Ich kann keine Literatur aus einem Land übersetzen, wo ich nicht weiß, wie dort die Hausflure riechen. Man muss sinnliche Erfahrungen haben mit der Welt, in der wir uns bewegen. Es gibt ja mitunter auch Dinge in der jeweiligen Kultur, die dort alltäglich und bei uns unverständlich sind.

Was machen Sie damit?

Dann muss ich abwägen, wie zwingend das erstmal Unverständliche für das Original ist. Dann überlege ich, wie ich das ins Deutsche rüberbringe. Gibt es Vergleichbares, gibt es tertia comparationis? Dinge, bei denen ich sagen kann, das ist universal, da verstehen wir uns, so wie Liebe, Eifersucht, Gier, Angst. Oder muss ich behutsam Erläuterungen unterbringen, also möglichst elegant ein Adjektiv, eine Apposition einfügen, um anzudeuten, um welchen kulturellen Stellenwert es gerade geht. Da ist es natürlich relativ gesehen einfacher, aus Amerika oder aus Frankreich zu übersetzen, als aus China, Japan oder den arabischen Ländern.

Wie halten Sie sich kulturell auf dem aktuellen Stand? 

Ich lese viel dazu, ich reise oft hin, ich kenne Muttersprachler in Berlin, mit denen ich viel diskutiere. Übersetzer müssen viele Fragen stellen, da darf man sich nicht zu fein sein. Wichtig ist eher der Instinkt dafür, wann nachzuhaken ist. Es hilft sehr, muttersprachliche Bekannte zu fragen: Redet man so nur im hintersten Kentucky, ist das ein für die 50er typischer Sound und ähnliches. Wir versuchen alle, irgendwie Perfektionisten zu sein, und wissen doch, die perfekte Übersetzung gibt es nicht.

Als erster Teil dieser Reihe erschien bisher ein Gespräch mit dem niederländischen Übersetzer Gerrit Bussink, der dieses Jahr zum 45. Mal auf der Frankfurter Buchmesse ist. 

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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