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Frankfurter Buchmesse: Regenschirme für Hongkong

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Von: Thomas Stillbauer

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Viele Regenschirme für mehr Meinungsfreiheit in Hongkong.
Viele Regenschirme für mehr Meinungsfreiheit in Hongkong. © Rolf Oeser

Messebesucher unterstützen die Protestbewegung gegen China und fordern Meinungsfreiheit. Ein Friedenspreisträger und Taiwans Botschafter stellen eine heikle Frage.

Mit einem stimmungsvollen Appell haben sich Mitwirkende und Besucher der Buchmesse für Meinungsfreiheit eingesetzt. Am Donnerstagnachmittag beherrschten Regenschirme das Bild auf der Agora, dem zentralen Messeplatz. Ein klares Statement: Wir sind mit unseren Gedanken bei den Menschen in Hongkong, die um ihre Zukunft in Freiheit kämpfen.

Kein Regen, aber viele Schirme – der Börsenverein des deutschen Buchhandels stellte schwarze Regenabweiser mit dem Hashtag #freethewords zur Verfügung, Amnesty International verteilte gelbe mit dem Logo der Gefangenenhilfsorganisation, einige Teilnehmer hatten ihre eigenen bunten Schirme dabei.

Börsenvereinsgeschäftsführer Alexander Skipis verdeutlichte den Sinn der Aktion: Seit vier Jahren sitze der Hongkonger Autor, Verleger und Buchhändler Gui Minhai in chinesischer Haft, Anfang 2018 habe es das letzte Lebenszeichen von ihm gegeben. „Er ist eingesperrt, nur weil er Bücher veröffentlicht hat“, sagte Skipis. „Ich hoffe, dass ihn die Botschaft erreicht, dass die Menschen an ihn denken.“

Wie Gui Minhai gehe es zahlreichen Kämpfern für Meinungsfreiheit auf der Welt. Skipis erinnerte an türkische Autoren, einen saudischen Blogger, der seit sieben Jahren festgehalten werde: „Würden wir in einem solchen Land leben, würden wir jetzt vom Fleck weg verhaftet.“ Er forderte die Bundesregierung vehement auf, Wirtschaftsbeziehungen zu Unterdrückerstaaten wie China oder die Türkei auszusetzen, solange dort keine Freiheit des Wortes herrsche. „Der größte Feind der Meinungsfreiheit ist Untätigkeit“, sagte er. „Deutschland muss sich jetzt entscheiden und Haltung zeigen.“

Der chinesische Exilschriftsteller und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2012, Liao Yiwu, sagte: Hätte Deutschland ein Auslieferungsgesetz wie jenes, das China in Hongkong habe durchsetzen wollen, dann müsste er selbst nun ausgeliefert werden. Er war 2010 aus China ausgereist.

Gemeinsam mit dem Botschafter Taiwans in Deutschland, Shieh Jhy-Wey, entwarf Liao eine schöne Anatomie: Hongkong stelle, bildhaft betrachtet, die Zähne dar, und die dahinter liegende Zunge sei Taiwan. Damit Taiwan weiter frei sprechen könne, müsse Hongkong davor stabil bleiben. Und damit die Zähne hielten, kamen die beiden Männer überein, brauchten sie unbedingt uns alle als Lippen davor.

Zu den Initiatoren des Schirmprotests zählten neben Börsenverein und Amnesty auch die European and International Booksellers Federation, der International Publishers Association und die Schriftstellervereinigung PEN. Deren Präsidentin Jennifer Clement sandte dem Hongkonger Protestanführer Jimmy Sham Genesungswünsche, der tags zuvor schwer am Kopf verletzt worden war. Der ebenfalls angereiste, im Exil lebende Hongkonger Buchhändler Lam Wing Kee freute sich über die Unterstützung der Buchmessebesucher und appellierte an China, viel mehr Presse- und Meinungsfreiheit zu ermöglichen.

Und das Duo Liao/Shieh fragte sich, was wohl mit den Millionen Hongkongchinesen passieren solle, die fliehen würden, wenn China Ernst machen sollte. Taiwan würde sein Bestes geben, sagte Shieh, aber auch Europa müsste bei der Aufnahme von Flüchtlingen Hand in Hand zusammenarbeiten. Da seufzten manche Zuhörerinnen unter ihren Schirmen. Europäische Kooperation. Auch so ein Problem.

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