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Viele Regenschirme für mehr Meinungsfreiheit in Hongkong.

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Frankfurter Buchmesse: Regenschirme für Hongkong

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Messebesucher unterstützen die Protestbewegung gegen China und fordern Meinungsfreiheit. Ein Friedenspreisträger und Taiwans Botschafter stellen eine heikle Frage.

Mit einem stimmungsvollen Appell haben sich Mitwirkende und Besucher der Buchmesse für Meinungsfreiheit eingesetzt. Am Donnerstagnachmittag beherrschten Regenschirme das Bild auf der Agora, dem zentralen Messeplatz. Ein klares Statement: Wir sind mit unseren Gedanken bei den Menschen in Hongkong, die um ihre Zukunft in Freiheit kämpfen.

Kein Regen, aber viele Schirme – der Börsenverein des deutschen Buchhandels stellte schwarze Regenabweiser mit dem Hashtag #freethewords zur Verfügung, Amnesty International verteilte gelbe mit dem Logo der Gefangenenhilfsorganisation, einige Teilnehmer hatten ihre eigenen bunten Schirme dabei.

Börsenvereinsgeschäftsführer Alexander Skipis verdeutlichte den Sinn der Aktion: Seit vier Jahren sitze der Hongkonger Autor, Verleger und Buchhändler Gui Minhai in chinesischer Haft, Anfang 2018 habe es das letzte Lebenszeichen von ihm gegeben. „Er ist eingesperrt, nur weil er Bücher veröffentlicht hat“, sagte Skipis. „Ich hoffe, dass ihn die Botschaft erreicht, dass die Menschen an ihn denken.“

Wie Gui Minhai gehe es zahlreichen Kämpfern für Meinungsfreiheit auf der Welt. Skipis erinnerte an türkische Autoren, einen saudischen Blogger, der seit sieben Jahren festgehalten werde: „Würden wir in einem solchen Land leben, würden wir jetzt vom Fleck weg verhaftet.“ Er forderte die Bundesregierung vehement auf, Wirtschaftsbeziehungen zu Unterdrückerstaaten wie China oder die Türkei auszusetzen, solange dort keine Freiheit des Wortes herrsche. „Der größte Feind der Meinungsfreiheit ist Untätigkeit“, sagte er. „Deutschland muss sich jetzt entscheiden und Haltung zeigen.“

Bilder von der Buchmesse Frankfurt

Regenwetter auf der Frankfurter Buchmesse? Mag sein. Dies aber ist ein Zeichen - "für Gui Minhai und die vielen anderen Autoren, die verfolgt werden", sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenverein desDeutschen Buchhandels, Alexander Skipis. Mit einer Mahnwache und symbolisch aufgespannten Schirmen erinnern Kulturschaffende, Buchhändler und Verleger in Frankfurt an die weltweite Unterdrückung der Meinungsfreiheit.
Regenwetter auf der Frankfurter Buchmesse? Mag sein. Dies aber ist ein Zeichen - "für Gui Minhai und die vielen anderen Autoren, die verfolgt werden", sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis. Mit einer Mahnwache und symbolisch aufgespannten Schirmen erinnern Kulturschaffende, Buchhändler und Verleger in Frankfurt an die weltweite Unterdrückung der Meinungsfreiheit. © afp
Mehr denn je will die Buchmesse Plattform sein für jene, die für Demokratie und Bürgerrechte kämpfen. Olga Tokarczuk, Literatur-Nobelpreisträgerin 2018, äußert sich bei der Eröffnungs-Pressekonferenz über die jüngsten Ergebnisse der Parlamentswahl in Polen: Sie sei „nicht besonders glücklich“ über den Sieg der Nationalkonservativen. Eine zweite Legislaturperiode mit absoluter Mehrheit für die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sehe sie als bedrohlich für Theater und Museen, die häufig in staatlicher Hand seien. Eine Zensur für Schriftsteller gebe es nicht in Polen, erklärte die 57-Jährige. Allerdings beobachte sie einen Hang zur Selbstzensur bei einigen Kollegen, die mit schwierigen Themen nicht anecken wollten.
Mehr denn je will die Buchmesse Plattform sein für jene, die für Demokratie und Bürgerrechte kämpfen. Olga Tokarczuk, Literatur-Nobelpreisträgerin 2018, äußert sich bei der Eröffnungs-Pressekonferenz über die jüngsten Ergebnisse der Parlamentswahl in Polen: Sie sei „nicht besonders glücklich“ über den Sieg der Nationalkonservativen. Eine zweite Legislaturperiode mit absoluter Mehrheit für die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sehe sie als bedrohlich für Theater und Museen, die häufig in staatlicher Hand seien. Eine Zensur für Schriftsteller gebe es nicht in Polen, erklärte die 57-Jährige. Allerdings beobachte sie einen Hang zur Selbstzensur bei einigen Kollegen, die mit schwierigen Themen nicht anecken wollten. © rtr
Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel stellt in Frankfurt sein Buch "Agentterrorist" vor. Während seiner einjährigen Haft in der Türkei habe er sich die persönliche Freiheit nicht völlig nehmen lassen. "Man darf sich nicht ergeben.", sagte Yücel am Donnerstag auf der Buchmesse. "Auch den schlimmsten Verhältnissen kann man ein Stück Freiheit, ein Stück Menschlichkeit abringen." Dies sei aber umso schwerer, "je brutaler die Umstände sind".
Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel stellt in Frankfurt sein Buch "Agentterrorist" vor. Während seiner einjährigen Haft in der Türkei habe er sich die persönliche Freiheit nicht völlig nehmen lassen. "Man darf sich nicht ergeben.", sagte Yücel am Donnerstag auf der Buchmesse. "Auch den schlimmsten Verhältnissen kann man ein Stück Freiheit, ein Stück Menschlichkeit abringen." Dies sei aber umso schwerer, "je brutaler die Umstände sind". © Rolf Oeser
Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad spricht in Frankfurt über Extremismus und Polarisierung. In ihrem Buch "Einer von uns" thematisiert sie das rechtsextreme Attentat von Utøya und Oslo.
Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad spricht in Frankfurt über Extremismus und Polarisierung. In ihrem Buch "Einer von uns" thematisiert sie das rechtsextreme Attentat von Utøya und Oslo. © Rolf Oeser
Frankfurter Buchmesse
Norwegen ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse - und so wird sie in Anwesenheit des norwegischen Kronprinzenpaares Mette-Marit und Haakon eröffnet. Links Buchmesse-Direktor Juergen Boos. © Frank Rumpenhorst/dpa
Das Kronprinzenpaar war mit dem "Literaturzug" in Frankfurt eingetroffen
Das Kronprinzenpaar war mit dem "Literaturzug" in Frankfurt eingetroffen - im Schlepptau zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus dem hohen Norden Europas. © epd
Skandinavisch minimalistisch wirkt der Pavillon des diesjährigen Ehrengastlandes. 
Skandinavisch minimalistisch wirkt ein Teil des  norwegischen Pavillons. © Boris Roessler/dpa
"Jeder in Deutschland erwartet norwegische Landschaft", gibt das Architekturbüro zu, das den Pavillon gestaltet hat. Manthey Kula und LCLA Office wollten "Literatur als Raum und Landschaft" gestalten, die Bögen über den Büchertischen sehen sie als "imaginäre Landschaft".
"Jeder in Deutschland erwartet norwegische Landschaft", gibt das Architekturbüro zu, das den Pavillon gestaltet hat. Manthey Kula und LCLA Office wollten "Literatur als Raum und Landschaft" gestalten, die Bögen über den Büchertischen sehen sie als "imaginäre Landschaft". © Andreas Arnold/dpa
Skandinavisch minimalistisch wirkt der Pavillon des diesjährigen Ehrengastlandes.
Holzverkleidete Wände mit Büchern, Tische und Stühle laden zum Verweilen ein.  Nach Genres geordnet findet sich das "Best of" der rund 250 in diesem Jahr neu aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzten Bücher. © afp
War dies das Boot des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der von 1913 bis 1950 seine Urlaube an einem norwegischen Fjord verbrachte? Man weiß es nicht - aber möglich wäre es, wurden die Überreste doch aus eben diesem Fjord geborgen. Die norwegische Künstlerin Marianne Heske rettete es vor dem Verbrennen beim Mittsommernachtfeuer und machte daraus das Werk "Wittgensteins Boot" - ein Symbol für die "Denkbewegungen" des Philosophen und für das Unterwegssein.
War dies das Boot des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der von 1913 bis 1950 seine Urlaube an einem norwegischen Fjord verbrachte? Man weiß es nicht - aber möglich wäre es, wurden die Überreste doch aus eben diesem Fjord geborgen. Die norwegische Künstlerin Marianne Heske rettete es vor dem Verbrennen beim Mittsommernachtfeuer und machte daraus das Werk "Wittgensteins Boot" - ein Symbol für die "Denkbewegungen" des Philosophen und für das Unterwegssein. © Boris Roessler/dpa
"Alles Schlampen, oder was?" Im Lesezelt spricht FR-Politikredakteurin Nadja Erb (l.) unter anderem mit der Autorin Berit Glanz und Ricarda Lang von der Grünen Jugend über Frauen in der politischen Debatte "zwischen Diffamierung und Selbstermächtigung".
"Alles Schlampen, oder was?" Im Lesezelt spricht FR-Politikredakteurin Nadja Erb (l.) unter anderem mit der Autorin Berit Glanz und Ricarda Lang von der Grünen Jugend über Frauen in der politischen Debatte "zwischen Diffamierung und Selbstermächtigung". © Rolf Oeser
Die Offenbacher Autorin Safiye Can liest aus ihren gesammelten Gedichten "Kinder der verlorenen Gesellschaft" über die Suche nach Heimat und Zugehörigkeit.
Die Offenbacher Autorin Safiye Can liest aus ihren gesammelten Gedichten "Kinder der verlorenen Gesellschaft" über die Suche nach Heimat und Zugehörigkeit. © Rolf Oeser
FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert am Stand der Frankfurter Rundschau im Gespräch mit dem Autor Klaus Gietinger (r.), der eine radikale Verkehrswende fordert und konkrete Ideen vorstellt.
FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert am Stand der Frankfurter Rundschau im Gespräch mit dem Autor Klaus Gietinger (r.), der eine radikale Verkehrswende fordert und konkrete Ideen vorstellt. © Renate Hoyer
FR-Sportredakteur Timur Tinc unterhält sich am FR-Stand mit Thomas Pletzinger über dessen Buch "The Great Nowitzki".
FR-Sportredakteur Timur Tinc unterhält sich am FR-Stand mit Thomas Pletzinger über dessen Buch "The Great Nowitzki". © Renate Hoyer
Grünen-Chef Robert Habeck präsentiert sein Buch "Tierreich" und diskutiert mit dem Autoren Jean-Bapstiste Del Amo (r.) und Moderator Cord Riechelmann (l.)
Grünen-Chef Robert Habeck präsentiert sein Buch "Tierreich" und diskutiert mit dem Autoren Jean-Bapstiste Del Amo (r.) und Moderator Cord Riechelmann (l.) © Renate Hoyer
Noch bis Sonntag, 20. Oktober 2019, sind auf der Messe rund 7450 Aussteller aus mehr als100 Ländern vertreten. Insgesamt zählte die Buchmesse im vergangenen Jahr mehr als 285.000 Besucher.
Noch bis Sonntag, 20. Oktober 2019, sind auf der Messe rund 7450 Aussteller aus mehr als100 Ländern vertreten. Insgesamt zählte die Buchmesse im vergangenen Jahr mehr als 285.000 Besucher. © Boris Roessler/dpa

Der chinesische Exilschriftsteller und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2012, Liao Yiwu, sagte: Hätte Deutschland ein Auslieferungsgesetz wie jenes, das China in Hongkong habe durchsetzen wollen, dann müsste er selbst nun ausgeliefert werden. Er war 2010 aus China ausgereist.

Gemeinsam mit dem Botschafter Taiwans in Deutschland, Shieh Jhy-Wey, entwarf Liao eine schöne Anatomie: Hongkong stelle, bildhaft betrachtet, die Zähne dar, und die dahinter liegende Zunge sei Taiwan. Damit Taiwan weiter frei sprechen könne, müsse Hongkong davor stabil bleiben. Und damit die Zähne hielten, kamen die beiden Männer überein, brauchten sie unbedingt uns alle als Lippen davor.

Zu den Initiatoren des Schirmprotests zählten neben Börsenverein und Amnesty auch die European and International Booksellers Federation, der International Publishers Association und die Schriftstellervereinigung PEN. Deren Präsidentin Jennifer Clement sandte dem Hongkonger Protestanführer Jimmy Sham Genesungswünsche, der tags zuvor schwer am Kopf verletzt worden war. Der ebenfalls angereiste, im Exil lebende Hongkonger Buchhändler Lam Wing Kee freute sich über die Unterstützung der Buchmessebesucher und appellierte an China, viel mehr Presse- und Meinungsfreiheit zu ermöglichen.

Und das Duo Liao/Shieh fragte sich, was wohl mit den Millionen Hongkongchinesen passieren solle, die fliehen würden, wenn China Ernst machen sollte. Taiwan würde sein Bestes geben, sagte Shieh, aber auch Europa müsste bei der Aufnahme von Flüchtlingen Hand in Hand zusammenarbeiten. Da seufzten manche Zuhörerinnen unter ihren Schirmen. Europäische Kooperation. Auch so ein Problem.

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