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Preisverleihung der Hotlist 2019

Buchmesse Hotlist 2019

Der erste Abend der Buchmesse

Die Redaktion „Unter Dreißig“ beim kollektiven Ausflug ins Lesezelt. Am Mittwochabend wurden dort die Preise der Hotlist vergeben. Gewinnerin des Abends war die Edition Nautilus, die gleich zwei der Preise bekam.

Die aufgeblasene, rot leuchtende Yogi Tea-Flasche, die rechts vom Lesezelt neben einem Außenlautsprecher steht, aus dem jemand „Tot ohne Gott“ sagt, während zwei Männer davorstehen und mit Bier anstoßen.

Das Zelt, dessen Sponsor für spirituelle Halbweisheiten auf Teebeutelschnipseln bekannt ist.

Der Mann, der die Nase rümpft, nachdem er den Hibiscustee probiert hat und sich suchend nach einem Abstellplatz für das Getränk umschaut.

Die aufgestapelten Yogi-Tee-Packungen auf dem Bartresen, die sich zu dieser Uhrzeit eigentlich in Pyramiden aus Champagnergläsern verwandelt haben sollten.

Die Reihe weißer Stühle, die zur Hälfte leer bleiben.

Das Licht, das sich an den bespiegelten Säulen bricht und Regenbögen auf die weißen Lehnen der noch leeren Sitze wirft.

Das Lesezelt, das mit seinem Sternenhimmel und den Spiegelwänden wie eine Mischung aus Roncalli und Wild-West-Saloon aussieht.

... oder wie eine traditionelle deutsche Kleinstadtbar, in der warmes Bier in großen Gläsern ausgeschenkt wird.

Die Fußbodenbohlen, die ächzen, ganz gleich, ob eine Preisträgerin darüber hinwegschreitet oder ein neugieriger Messebesucher.

Wie überhaupt jede Person, die knarzend die Stille des Raumes stört, die Bewegungen für eine Sekunde einfriert, die Augenbrauen wölbt, sich umschaut und auf Zehenspitzen weitergeht.

Der Geruch von Chai-Tee unter dem Sternenhimmel, der in eine Zeit katapultiert, in der das Wort Laktoseintoleranz noch keine Rolle spielte.

Das Spiegelbild einer Frau, deren Augen sich von rechts nach links bewegen und von links nach rechts, während sie ihr Kinn auf ihrer rechten Hand abstützt.

Der Mann, der geht.

Die Autorin, die nicht da ist.

Der Zuhörer, der klatscht, weil auch er findet, zu zweit zu übersetzen mache Spaß.

Der Autor, der in den Zwanzigern in Paris verstarb und nie erleben durfte, dass sein Name auf einer Hotlist steht.

Das Publikum, das sich untereinander freundlich lobt und gegenseitig auf die Schultern klopft.

Die lauwarme Stimmung auf der Veranstaltung, die den Namen Hotlist trägt.

Die rothaarige Frau, die ihren Notizblock zwischen die Zähne klemmt und nach Gedanken kramt.

Der Moderator, der die Armut der unabhängigen Verlage betont.

Der Verlag, der nur Lieblingsbücher veröffentlicht und dessen neuestes ein ganz besonderes ist, auch weil dessen Eingangskapitel den gleichmachenden Regen beschreibt.

Die Hose, die, als sie sich auf die Bühne begibt, für einen kurzen Moment ablenkt, weil sie aussieht wie eine langgezogene Biene.

Der junge Autor, der als Boxer in seiner früheren Jugend von 14-jährigen Jungen verprügelt wurde und es deshalb vorgezogen hat, seine Karriere zu beenden und Schriftsteller zu werden.

Und derselbe Schriftsteller, der darum gebeten, seine Verlegerin zu charakterisieren, nur drei Buchstaben benötigt: top.

Und der dann, nach seinem Bühnenauftritt, eine Strähne seiner lockigen, blonden Haare unermüdlich um den linken Zeigefinger wickelt.

Die Verlegerin, die ehrlich von ihrem Buch begeistert ist und von der Bühne strahlt.

Der Fotograf, der seine langen, glatten Haare während des Fotografierens in den Nacken schüttelt und sich, statt für die Bühne, mehr für den dunkelgrünen und mit goldenen Sternen und Monden bestickten Stoff an der Raumdecke interessiert.

Ein glänzendes Tuch, das die Erwartung schürt, gleich kämen Jongleure und Akrobaten, die dort oben unterm Himmelszelt schwingen.

Der Himmel, der unter dem Himmel hängt.

Der Melusine-Huss-Preis, dessen Name sofort Loriots Lyriker-Persiflage „Kraweel, Kraweel!“ und seine „Melusine“ ins Gedächtnis ruft. Jetzt bloß nicht lachen.

Die Frau, die twittert, während sie eine andere Frau umarmt, die nur noch einen Wein haben will.

Die feuerrote Mappe, die trotz ihrer Farbe kein kommunistisches Manifest enthält, wie der Moderator es aus Kindertagen kennt, sondern bloß den Namen der Preisträgerin der Hotlist.

Die Verlegerin, die fragt: „Ist es nicht unfair, zwei Preise für uns?“ Und der Juror der sagt, das sei von den Statuten abgedeckt.

Die Erkenntnis, dass Afterpartys vermutlich den größten Einfluss auf den Besuch von Preisverleihungen haben.

Der Moderator, dessen letzte Worte: „Nö, Feiern is’ heute nich“, sind.

Die Schatten an der Wand der wenigen übrig gebliebenen Menschen nach der Preisverleihung, die sich nun durch das Lichtspiel der Scheinwerfer in eine wild gestikulierende Masse verwandeln.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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