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Wie wir das Auto hinter uns lassen: Autor Klaus Gietinger (rechts.) im Gespräch mit FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert. 

Verkehrswende

Frankfurter Buchmesse: Plädoyer für eine Vollbremsung

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Der Autor Klaus Gietinger fordert am FR-Stand eine radikale Verkehrswende und stellt konkrete Ideen vor.

Vielleicht war es der Moment, als ein Motorradfahrer unter seinen Händen starb, in dem Klaus Gietinger radikal wurde. Zumindest in Sachen Verkehrspolitik. Der Biker hatte einen schweren Unfall, er schlug vielleicht 20 Meter vor Gietinger auf dem Boden auf. Gietinger versuchte, den Mann wiederzubeleben, „aber da gab es nichts mehr wiederzubeleben“, erzählt der renommierte Autor am Mittwoch am FR-Stand. Jedenfalls war ihm fortan klar, dass er nicht mehr mit motorisierten Fahrzeugen am Straßenverkehr teilnehmen wollte.

Vermutlich würde sich Klaus Gietinger selbst gar nicht mal als radikal bezeichnen. Der 64 Jahre alte Kulturschaffende ist in seiner Branche hoch angesehen. Er hat zahlreiche wichtige Filmdokumentationen gedreht, zum Beispiel über Benno Ohnesorg und Rosa Luxemburg, er hat bei mehreren Folgen „Tatort“ Regie geführt. Und nun hat er ein neues Buch vorgelegt. „Vollbremsung“ heißt es, und natürlich ist es in gewisser Weise doch radikal, denn Gietinger geht mit der Autoindustrie scharf ins Gericht. Auf dem Buchrücken heißt es etwa: „Das Auto tötet jährlich Millionen Menschen, zerstört die Umwelt und die Atmosphäre. Schuld daran ist eine allmächtige Autoindustrie, die die Welt jedes Jahr mit mehr Kfz zumüllt.“ Starke Worte.

Allerdings hingen an dieser „allmächtigen Industrie“ in Deutschland sehr viele Jobs, sagt FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert, der Gietinger am FR-Stand interviewt. Das stimme schon, erwidert Gietinger. Er wünscht sich eine „Konversion der Arbeitsplätze“. Sprich: Die Menschen sollen im öffentlichen Nahverkehr arbeiten oder in der Solartechnik oder bei der Herstellung von Fahrrädern.

Auch ansonsten spart Gietinger nicht mit konkreten Vorschlägen. Er wünscht sich ein Verkehrskonzept unter dem Titel „Straße für alle 2.0“, das einem Grundgedanken folgt: Insbesondere die Fahrradfahrer brauchen mehr Platz, der aber immer den Autofahrern und nie den Fußgängern weggenommen werden dürfte. Und die Parkgebühren sollten steigen, steigen, steigen, aufs Drei- oder Vierfache des heutigen Betrags.

Gietinger hat durchaus gute Argumente. Vor allem zur Unfallgefahr hat er intensiv recherchiert. Weltweit gebe es im Straßenverkehr 1,35 Millionen Tote – Tendenz steigend. Vom Beginn der Motorisierung bis 2030 werden 200 Millionen Menschen durch Autos gestorben sein.

Aber es bewege sich doch etwas, wendet Göpfert ein, gerade junge Leute verzichteten zusehends auf Autos. Ja schon, sagt Gietinger, aber die Betonung liege auf „junge Leute“, und außerdem gelte Göpferts Beobachtung auch nur für das Leben in der Stadt. „Auf dem Land und unter den Proleten“ sei das Auto immer noch ein Statussymbol.

Klaus Gietinger, „Vollbremsung – Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen“, Westend-Verlag, 16 Euro.

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