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Debütautor und Verleger Tom Müller

Interview Tom Müller 

"Für Faszination braucht es kein vollkommenes Verständnis"

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Zu Beginn dieses Jahres übernahm Tom Müller die Leitung des Tropen Verlags. Als hätte er damit nicht schon genug zu tun, legt er in diesem Herbst mit „Die jüngsten Tage“ sein Romandebüt vor. Im Mittelpunkt seiner Geschichte steht der Anfang 40-jährige Jonathan, dessen bester Freund aus Ostberliner Kindheitszeiten gestorben ist.

Tom Müller, Sie sind, wie Ihr Protagonist Jonathan, in Ost-Berlin geboren, die ersten Jahre bis zur Öffnung der Mauer in der DDR aufgewachsen, im Westen dann zur Schule gegangen und haben – eine weitere Gemeinsamkeit mit Ihrem Protagonisten – ein großes Faible für Italien. Wie gehören diese Himmelsrichtungen für Sie zusammen?

Wenn man aus einem Niemandsland kommt, über Nacht praktisch keine Herkunft mehr hat, weil das ganze Land innerhalb kürzester Zeit wurde und mit ihm alle Erinnerungen der Eltern, die eigenen und die Kultur, dann braucht man eine Lehnidentität. Als ich dann in West-Berlin zur Schule ging, war Italienisch meine zweite Fremdsprache. Bei einem Schüleraustausch in Italien habe ich gemerkt, wie viel Halt und Freude man daraus entwickeln kann, aus einem Land zu kommen, das Schönes zu bieten hat.

Dieses Italien, von dem Sie sprechen, war auch das Land Berlusconis, ein politisch korruptes und kaputtes Land.

Ich beziehe mich nicht auf den politischen Staat, sondern auf das kulturelle und landschaftliche Italien. Das, was die Italiener anzubieten hatten, diese Freude am Sprechen, am Essen, am Zusammensein, dockte an manches an, was ich aus der ostdeutschen und der Nachwendezeit kannte. Was meine westdeutschen Klassenkameraden als Lebensmodell anzubieten hatten, hat mich dagegen weniger überzeugt. Eine These des Romans ist, dass eine Möglichkeit, die Dichotomie von Ost und West zu überwinden, darin bestehen könnte, sich gen Süden zu wenden.

Es kommt auch eine intellektuelle, wie Sie es formulieren, Lehnidentität im Buch vor: Schon früh beschäftigen sich Jonathan und Strippe mit dem italienischen Autor Gabriele D'Annunzio, einem Wegbereiter des Faschismus.

Vermittelt durch Strippe ist D’Annunzio eine Art Sprachgeber, durch den die beiden Jungen erkennen: Wenn man die richtige Art zu sprechen findet, dann kann aus diesem Nichts, in dem sie leben, ein Alles werden. Weil ich nicht glaube, dass Literatur Tagespolitik nachbuchstabieren sollte, fand ich es interessant, mich mit dem ersten modernen Populisten zu beschäftigen und zu zeigen, wie Populismus funktioniert. Dass es immer zwei Wege gibt: Verführung zur Bosheit und Verführung zur Schönheit. D’Annunzio hat vor 100 Jahren die Grundlagen für beides gelegt. Auf eine gewisse Weise ist diese Art der Manipulation, die Jonathan und Strippe durch die Sprache von D’Annunzio erleben, ein Pendant zu dem, was die AfD heute mit den Ostdeutschen macht.

Was ist für Sie bei dieser Partei die Schönheit und was die Verführung?

Ostdeutsche sind in einer Position der Schwäche. Demokratiedefizit, Wirtschaftsschwäche, Arbeitslosigkeit, Jugendexodus usw. Die AfD bietet eine Sprache an, die es den Ostdeutschen ermöglicht, ihre Schwächen in Stärken umzudeuten. Die Verführung besteht darin, sich dem Hass hinzugeben, den diese Sprache erfordert. Und diese Sprache ist nicht im klassischen Sinn schön, aber sie zielt ebenso wie Schönheit nicht auf den Verstand, sondern auf das Gefühl.

Zurück zum Roman: Jonathan stellt diese intellektuelle Dolce-Vita-Verklärung Italiens, die weder mit der realpolitischen Gegenwart noch mit der faschistischen Geschichte zu tun hat, nicht in Frage.

Man muss zwischen der Historie und Bilanz des Staates Italien und den gesellschaftlichen Realität unterscheiden. Es gibt Dinge, die wir trotz unserer Arroganz in der Beurteilung gegenüber dem Staat Italien von den Italienern lernen können. Zum Beispiel, dass das Befolgen von Regeln für die Gemeinschaft zwar Vorteile hat, im Einzelfall das Beugen der Regel aber menschlicher sein kann, als immer stur roboterhaft alles so zu machen, wie es geschrieben steht.

In einem „taz“-Artikel haben Sie geschrieben, dass gute Literatur per se politisch ist, dieses Politische aber vom Leser oder der Leserin abhängt. Braucht es nicht bestimmte Informationen, damit man einen Text, zumindest die Fakten, einordnen kann?

In dem Artikel geht es um Mündigkeit. Der Leser muss einen eigenen Weg finden, wie er damit umgeht. Und das muss jeder Bürger können, wenn er seine Rolle in der Demokratie ernst nimmt. Klar, ist die Grenze zwischen Kunst und Unterhaltung fließend. Und die Frage nach der Verantwortung, nach den Grenzen künstlerischer Verführung ist berechtigt. Ein Buch sehe ich eher als intellektuelles Produkt. Wie viele Menschen greifen zu einem deutschsprachigen Debütroman? Da kann man vielleicht etwas mehr voraussetzen. Eine Blockbusterproduktion, wie der neue Joker-Film, ist da schon etwas anderes. In dem Film wird der Protagonist zum Terroristen, nachdem er von der Gesellschaft fallen gelassen wurde. Da frage ich mich auch: Darf man das? Es ist möglich, dass Zuschauer die Geschichte eins zu eins nehmen und daraus ableiten, dass man seine Mitmenschen terrorisieren darf, wenn was nicht so läuft im Leben, wie es laufen soll.

Sie sind Initiator der Demonstration „Read Parade“, die es sich zur Aufgabe macht, Gegenwartsliteratur auf die Straßen zu bringen, um Menschen zu erreichen, die normalerweise nicht in Buchläden gehen und lesen. Wie passt dieser aktivistische Einsatz mit ihrem Verständnis von Literatur als elitäres, intellektuelles Produkt zusammen?

Dass ein Blockbuster Massen anspricht und ein deutschsprachiger Gegenwartsroman ein Nischenprodukt ist, ist eine Diagnose, nichts, was ich gut finde. Mein aktivistischer Ansatz bei der “Read Parade” ist, das Komplexe als Komplexes auch Leuten näher zu bringen, die von sich aus nicht zu einem Hardcover deutscher Literatur greifen würden. Für Faszination braucht es kein vollkommenes Verständnis. Auf der “Read Parade” lesen bekannte deutsche Autoren ihre Lieblingsstellen der Literatur. Da kann der Funke sehr unmittelbar überspringen.

Der aktuelle politische und damit auch gesellschaftliche Zeitgeist sieht die AfD weit vorne, in anderen Teilen Europas und der USA sind Populist*innen an der Macht – wie angepasst darf Literatur an diesen Zeitgeist sein?

Das reine Nachbuchstabieren der Verhältnisse ist dann nur eine Wiederholung der Realität. Insofern sollte der Zeitgeist nicht einfach nur abgebildet werden. Gute Literatur dringt unter die Oberfläche. Durch das Zusammenfügen von vermeintlich entlegenen Dingen kann im besten Fall ein tieferes Verständnis der gegenwärtigen Oberfläche ermöglicht werden. Das aufzudecken, kann Literatur.

In Ihrem Buch betrauert Ihr Protagonist den Tod seines besten Freundes. Im Laufe der Jahre hat sich die Beziehung der beiden auch verändert – weniger Nähe, mehr Unverständnis. Was ist das für eine Freundschaft zwischen den beiden?

Die Freundschaft ist etwas einseitig. Jonathan hängt sehr an Strippe und ihrer intensiven gemeinsamen Zeit. Er hat sich stark an ihm orientiert und von ihm beeinflussen lassen – D'Annunzio, seine Italienliebe, das kommt von Strippe, von dem der Leser wiederum nicht so viel mitbekommt, da alles durch Jonathans Brille erzählt wird. Also, eine radikale Subjektivität, die noch verstärkt wird durch diesen Ausnahmezustand, in dem Jonathan sich nach dem Tod seines Freundes befindet, ein quasi freier Fall, der ihn wahnhaft werden lässt. Aber ich kann Jonathans Verbundenheit zu Strippe gut nachvollziehen.

Was bedeutet Ihnen Freundschaft?

„Seelenverwandtschaften“ ist vielleicht noch das bessere Wort – auch wenn es ein bisschen altmodisch klingt. Jemanden zu haben, mit dem man fast alles teilen und dem man alles erzählen kann, ist für mich das Allerhöchste und Grundsätzlichste. Ohne so eine Person kann ich mir ein Leben kaum vorstellen.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

Tom Müller: "Die jüngsten Tage". Roman, Rowohlt 2019

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