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Deniz Yücel hat sich wieder an die Freiheit gewöhnt und pflegt zurzeit eine Fernbeziehung mit der Türkei. 

Deniz Yücel

Yücel ist mit der Türkei noch nicht fertig: „Ich spreche sie nicht frei“

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Deniz Yücel spricht über sein Buch „Agentterrorist“, über Freiheit und darüber, was für ihn im Gefängnis in der Türkei das Wichtigste war.

Der Kampf um die Plätze ist hart, denn auf dem „Blauen Sofa“ des ZDF nimmt am Donnerstag ein ganz besonders freier Mann Platz: Deniz Yücel. Den Journalisten der Zeitung „Welt“ kennt der Rest der Welt, seit ihn türkische Behörden ohne Grund einsperrten. Seit er „im Kerker des Kalifen“ saß - ein Zitat, das Moderator Jo Schück Satirikern zuschreibt, bis Yücel aufklärt: Es sei ihm selbst eingefallen. Er habe es Jan Böhmermann geschenkt.

Es ist ein entspanntes, ja, vergnügtes Gespräch, das die beiden vor Hunderten Zuschauern führen, und naturgemäß ein bewegendes. Man gewöhne sich wie ans Eingesperrtsein auch wieder daran, frei über einen Markt zu laufen, sagt der 46-jährige Yücel, zum Frisör gehen zu können, wann man wolle, oder ans Meer. Doch geht er nicht mehr unerkannt. Wie es sich lebe als „Posterboy der Pressefreiheit“, will Schück wissen. „Ich versuche, das zu ignorieren“, sagt Yücel. „Ich habe im Knast versucht, der zu bleiben, der ich bin – das ist vielleicht nicht immer gut“, er lacht, die Leute lachen mit, die Selbstironie steht ihm ausgezeichnet. 

Deniz Yücel war vom Echo auf seine Gefängniszeit in der Türkei überrascht

Das Schlimmste im Gefängnis sei die Angst, vergessen zu werden. Und das Beste: „Man kann dich nicht mehr einsperren. Das hast du hinter dir.“ Das habe ihm auch Kampfesmut verschafft. Als Diplomatie dem bekanntesten Gefangenen des türkischen Staates nicht weiterhalf, sagte er sich: „O.k., dann gehe ich an die Öffentlichkeit.“ Er stehe schließlich als Journalist auch im Auftrag der Öffentlichkeit – in unser aller Auftrag. „Wenn von dieser Öffentlichkeit dann nichts zurückgekommen wäre, das hätte mich schon enttäuscht“, sagt er.

Dass das Echo freilich so überwältigend sein würde, hätte Yücel nicht erwartet. 2000 Briefe seien ins Gefängnis geschmuggelt und gelesen worden, „die Hassbriefe schon aussortiert“.

Sein Buch, in dem er alles beschreibt, erzähle den Fall wie ein Schachspiel, den Zug des Gegners antizipierend, sagt Schück. „Ich war ja nicht zum Spaß da“, sagt Yücel. Wie lang er sitzen würde, sei ihm nicht das Wichtigste gewesen. „Wichtig war: Wir geht’s mir, wenn ich rauskomme?“ Sechs Monate Schweigen wären schlimmer gewesen als das Jahr, das es wurde, mit Widerstand und Solidarität, Hashtag #freedeniz.

Sechs Monate, so lang kannte Yücel seine heutige Frau Dilek Mayatürk, ehe er ins Gefängnis musste. Sie habe sich von ihm trennen wollen, erzählt er freimütig, aber just an diesem Tag sei er zur Fahndung ausgeschrieben worden. Daraufhin sei sie geblieben und habe für ihn gekämpft. Die Bilder, wie sie ihn mit einem Strauß Petersilie wieder draußen empfing, gingen um die Welt.

Deniz Yücel ist mit der Türkei noch nicht fertig

„Freiheit beginnt, wenn sie dir genommen wird“, sagt Deniz Yücel. „Es ist nicht: Freiheit, dann keine Freiheit, dann Petersilie und Freiheit. Freiheit ist immer. Man darf sich nur nicht ergeben.“

Im Februar könnte das Verfahren in der Türkei gegen ihn enden. „Ich bin mit der Türkei noch nicht fertig“, sagt er, „aber wir führen eine Fernbeziehung.“ Mögen sie ihn dort freisprechen – „ich spreche sie nicht frei. Ich warte auf den Tag, an dem sie Rechenschaft ablegen vor Gericht.“ Langer Applaus.

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