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Luiz Ruffato

Luiz Ruffato

Die harte brasilianische Wahrheit

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Luiz Ruffato, preisgekrönter brasilianischer Schriftsteller und Eröffnungsredner der Frankfurter Buchmesse 2013, ist auch in diesem Jahr in Frankfurt präsent. Seine Literatur reflektiert eine zunehmend prekäre und gespaltene soziale Realität in Brasilien

Literatur als Prognose sozialer Barbarei und als letzte Hoffnung auf Transformation. So offenbart sich das Werk des brasilianischen Schriftstellers Luiz Ruffato, der in Deutschland spätestens seit seiner Festrede zur Eröffnung der 65. Frankfurter Buchmesse 2013 bekannt ist. Darin ging es um die sozialen Ungerechtigkeiten in Brasilien, in jenem Jahr Gastland der Buchmesse. „Für mich ist Schreiben Verpflichtung. Unsere Einzigartigkeit zu erklären, ist eine Form des Widerstands gegen den autoritären Versuch, Unterschiede zu nivellieren", sagte er vor sechs Jahren. Die damalige Präsidentin, Dilma Rousseff, hatte gerade ihre zweite Amtszeit begonnen, und das Land zeigte erste Anzeichen einer fatalen Polarisierung. „Die brasilianische Geschichte stützt sich fast ausschließlich auf die ausdrückliche Negation des Anderen durch Gewalt und Gleichgültigkeit. (...) So wie wir nicht den Anderen sehen, so sieht er auch uns nicht. Und so häuft sich der Hass an – der Nächste wird uns zum Feind", warnte der Schriftsteller damals. Seitdem hat sich der Riss immer weiter vertieft. Das Land ging den Weg einer radikalen Irrationalisierung, die, wie Luiz Ruffato damals schon warnte, dazu führe, dass das Land in die Hände eines Rechtsextremen gerate, dessen einziger Diskurs die Hassrede sei.

Literatur als Seismograf von Themen 

Auch 2019 ist Ruffato gefragter Gast bei Lesungen, Diskussionsrunden und Podien auf der Frankfurter Buchmesse. In diesem Jahr brachte er zwei Bücher heraus. Das eine ist der Roman „O Verão Tardio", noch ohne deutschen Titel, der voraussichtlich 2021 auf Deutsch erscheinen wird. Er erzählt die Geschichte von Oséias, einem vom System gebrochenen Rentner, der nach Jahrzehnten in der Großstadt in die Provinz zurückkehrt, ernüchtert von seiner sozialen Immobilität. Die Wurzeln des Buches gehen auf das schicksalhafte Jahr 2013 zurück und prophezeien die Tragödie, die sich heute tagtäglich ereignet. „Das Interessanteste an der Literatur ist ihre Fähigkeit, eine Art Seismograf von Themen zu sein. Ich habe ‚O Verão Tardio’ zwischen 2016 und 2018 geschrieben. Es herrschte eine seltsame Stimmung, aber Bolsonaro war noch nicht gewählt worden", erzählt Luiz Ruffato bei einem Treffen in einem der wenigen ruhigen Cafés auf der Messe. Wie im wirklichen Leben ist es auch im Roman die Unfähigkeit, aufeinander zu hören, die die Charaktere zur Isolation und Wiederholung der gleichen alten Fehler führt. „Genau wie wir", erklärt Ruffato, „befindet sich der Protagonist in einer Sackgasse.“

Neues Buch von Luiz Ruffato auf Deutsch

Es gibt auch eine Neuerscheinung in deutscher Sprache, bei der Assoziation A, seinem deutschen Verlag. „Das Buch der Unmöglichkeiten“ ist der vierte Band der Pentalogie „Vorläufige Hölle", die sehr gut aufgenommen wird. In einem Stil, den der Autor selbst „kapitalistischen Realismus" nennt, erzählt „Vorläufige Hölle“ die Geschichte des Landes, von der Agrargesellschaft der 1950er Jahre, über die Landflucht in die Großstädte, bis hin zur gegenwärtigen postindustriellen Dekadenz. Kritiker bezeichneten es als das Epos des brasilianischen Proletariats.

Übersetzt von Michael Kegler, mit dem zusammen Ruffato 2016 den Internationalen Hermann-Hesse-Preis gewann, spielt „Das Buch der Unmöglichkeiten" in den späten 1980er Jahren und erzählt von der Entkoppelung und Degradierung der Migranten in der größten und reichsten Stadt Lateinamerikas. Das hier erzählte São Paulo ist das von Menschen, die das Nötigste, wie Unterbringung und Nahrung, haben. „Ich schreibe über die untere Mittelklasse, die nicht aus der Favela, sondern aus der Peripherie kommt. Das sind verschiedene urbane Räume. Diese Menschen dort haben andere Nöte und Zweifel. Sie bleiben unsichtbar, sowohl in der Literatur als auch in der Gesellschaft." Dieser vernachlässigten sozialen Schicht eine Stimme zu geben und ihr durch die Erzählungen Respekt und Würde zu verleihen, frei von der verzerrten Sichtweise, die die bürgerliche Elite von ihnen hat – manchmal idealisiert, manchmal stereotypisiert –, ist, wie der Autor erklärte, seine größte Verantwortung.

„Ich verstehe mich als engagierten Schriftsteller, nicht als militanten”

Aber nicht nur sein genaues Hinsehen macht Rufatto zu einem der wichtigsten zeitgenössischen brasilianischen Schriftsteller. Seit seinem preisgekrönten Debüt „Es waren viele Pferde" ist es sein mutiger und vielseitiger Stil, der die Leser verführt, in das reichhaltige Leben so hoffnungsloser Menschen einzudringen. „Mein Versuch, die Realität zu verstehen, beinhaltet immer auch Fragen an die Sprache. Die Spannung zwischen dem, was ich schreibe und wie ich schreibe, ist das, was mich als Autor interessiert." Angesichts der erniedrigenden Situation seiner Figuren sei auch die Wahl der Ästhetik eine politische Entscheidung, sagt er. „Ich verstehe mich als engagierten Schriftsteller, nicht als militanten. Engagiert in dem Sinne, dass ich deutlich mache, was meine Entscheidungen sind. Bei der Beschreibung der Zerlegung muss ich eine Sprache verwenden, die ihr treu ist."

Trotz des dystopischen Szenarios, das die brasilianische Realität heute bestimmt, hält Ruffato, wenn auch in geringerem Maße, an der Hoffnung fest, die er in seiner Rede vor genau sechs Jahren auf der Frankfurter Messe geäußert hat – zumindest was die Bedeutung von Literatur angeht. Er selbst, Sohn einer analphabetischen Waschfrau und eines des Lesens fast unkundigen Popcornverkäufers, hat sein prognostiziertes Schicksal durch den Kontakt mit Büchern verändert. „Wenn das Lesen eines Buches den Lauf des Lebens eines Menschen verändern kann – und wenn die Gesellschaft menschlich ist –, dann kann die Literatur die Gesellschaft verändern.“

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse

Luiz Ruffato

„Das Buch der Unmöglichkeiten“. Roman. 

Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler 

Verlag Assoziation A, Berlin 2019

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