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Schon vor Beginn der Sprechstunde mit den Lektor*innen reihen sich die Illustrator*innen ein.

Kinderbücher auf der Buchmesse

Die Hoffnung ist groß, die Konkurrenz auch

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Auf der Frankfurter Buchmesse treffen sich jedes Jahr junge, ambitionierte Illustrator*innen. Getrieben vom Wunsch Kinderbücher zu bebildern, pilgern sie von einem Verlag zum nächsten, um ihre Portfolios zu zeigen.

Auf dem Gelände der Frankfurter Buchmesse sieht man viele Schlangen. Die längsten Schlangen gibt es bei den Essensständen, dann stehen einige Menschen Schlange, um ihre Bücher signiert zu bekommen oder um in beliebte Veranstaltungen zu kommen. Eine Schlange sticht aber besonders heraus: Im Erdgeschoss von Halle 3 nehmen Kinderbuchverlage einen großen Teil des Raums ein. Über die drei Tage hinweg kann man nach und nach an jedem dieser Stände eine Schlange finden, die immer aus mehr oder weniger denselben Menschen besteht. Wenn nämlich die Lektor*innen der Verlage ihre Sprechstunden haben, kommt unweigerlich eine Schar junger, hoffnungsvoller Illustrator*innen, um ihre Mappen zu zeigen. Die meisten von ihnen sind Frauen zwischen Zwanzig und Dreißig, viele gerade frisch aus dem Studium oder der Ausbildung, es sind aber auch Quereinsteiger*innen dabei.

In der Schlange tauscht man sich aus über das Feedback, das man bekommen hat, zeigt sich gegenseitig Mappen. Darunter ist auch Tatjana Kraus. Am Donnerstag um 15.00 Uhr ist sie bei ihrer vierten Sprechstunde des Tages. Am ersten Messetag am Mittwoch war sie bei fünf, am Freitag will sie nochmal so viele besuchen. Die ambitionierten Künstler*innen warten teilweise zwei Stunden auf ein Gespräch von etwa fünf Minuten. Beim großen Verlag Coppenrath geht die Sprechstunde eigentlich von 14 bis 16 Uhr. Um 17 Uhr warten immer noch einige geduldig auf ihre Chance. “Ich versuche eigentlich schon immer zumindest etwas Nettes zu sagen”, erzählt Frauke Reitze, Lektorin bei Coppenrath. Beim Schlangestehen dreht sich alles um sie, genauer gesagt um ihre Visitenkarte. Wer Potential hat, bekommt eine, mit der Bitte noch ein paar Arbeiten einzusenden. Heute hat sie viele Visitenkarten hergegeben.

Eine der Illustrationen mit denen Tatjana Kraus vorstellig wurde.

Kinderbücher: Ein Mikrokosmos auf der Buchmesse

Sabine Frankholz ist Lektorin beim Thienemann-Esslinger Verlag und fährt seit knapp 20 Jahren auf die Buchmesse und hält Sprechstunden. Sie selbst ist keine Illustratorin und hat dazu auch eher wenig Talent. Oft ist sie überrascht von den Arbeiten, die sie hier zu sehen bekommt. Die klassische große Kunstmappe wurde mittlerweile vom iPad ersetzt, aber wer durch die eigene Präsentation besonders auffällt, hat immer einen Vorsprung. Bei vielen sieht Sabine Frankholz aber auch einen zu großen Einschlag in Richtung Comic oder Manga, womit die deutschen Kinderbuchverlage wenig anfangen können. Einige bringen auch komplette Bücher mit, inklusive Text, aber dass ein solches Buch genommen wird, ist die Ausnahme. Frankholz sucht grundsätzlich erst mal nach einem interessanten und durchgängigen Stil. Idealerweise passt dieser dann auch noch zu einem Text, für den sie Illustrationen sucht. Die Lektorin Frauke Reitze wechselt sich für die Sprechstunden mit einer Kollegin ab, um den Illustrationen auch die volle Aufmerksamkeit schenken zu können. Sie gibt, so gut sie kann, konstruktives Feedback und ist insgesamt überwältigt vom Talent der jungen Generation. Auch die Diversität von Geschichten und Stilen überrascht sie. Allerdings steckt der Kinderbuchmarkt in Sachen Diversität in einer Zwickmühle: Viele Akteur*innen des Literaturbetriebs würden gerne nicht ständig dieselben Rollenklischees von Piraten für die Jungs und Prinzessinnen für die Mädchen bedienen. Gerade große Verlage müssen sich dabei aber dem Markt beugen und der will oft eher mehr vom selben.

Wenn ein bestimmter Stil nicht in die Kinderbuchabteilung passt, reicht Frauke Reitze die Person auch mal zu den Sachbüchern weiter oder empfiehlt einen anderen Verlag. Dass sich die Jungtalente ernst genommen und gut behandelt fühlen, ist ihr sichtlich wichtig. Dennoch gibt es hier ein klares Machtgefälle: Die Verlage sitzen eindeutig am längeren Hebel. Das bestätigt auch Jörg Asselborn von “Illustratoren Organisation e.V.”, der die Interessen der Künstler*innen vertritt und hier auf der Frankfurter Buchmesse ebenfalls einen Stand hat. Viele wollen Kinderbuchillustrationen machen, nur die Wenigsten schaffen es. Der Verein versucht die Illustrator*innen darin zu bestärken, sich deshalb nicht unter ihrem Wert zu verkaufen – kein leichtes Unterfangen bei der so präsenten, großen Konkurrenz. Nach drei Tagen voller Mappensichtungen sind die meisten Freitagabend sichtlich erschöpft. Wo sich bisher in den Schlangen belebt ausgetauscht wurde, herrscht jetzt eine leicht bedrückte Stille, viele sitzen auch auf dem Boden, während das Tummeln der Messe rundherum unbeirrt weiterlärmt.

Ein Übergangsritus für alle jungen Illustrator*innen

Eine, die hier schon Erfolg hatte, ist Franziska Meiners. Sie war 2016 zum ersten Mal auf der Messe, um den anwesenden Verlagen ihre Bachelorarbeit zu zeigen – eine illustrierte Sammlung arabischer Märchen namens „Das Flüstern des Orients”. Hier Schlange zu stehen, gehört auch zum Übergangsritus in die Arbeitswelt. „Das ist degradierend. In keinem anderen Berufsfeld muss man so viel Klinken putzen gehen.” Bei ihr hat es direkt im ersten Jahr geklappt. Allerdings hatte sie ihrem Verlag  bereits vorab ein Exposé geschickt und einen Termin bekommen. „So nehmen sie sich dann auch wirklich Zeit für einen.” Mittlerweile fährt sie nur noch auf die Buchmesse, um sich inspirieren zu lassen.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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