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Ricarda Lang, Berit Glanz und Ingrid Kurz-Scherf (v. l.)

Frankfurt

Frankfurter Buchmesse: Frauen kämpfen gegen den Hass im Netz

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Bei den FR-Veranstaltungen auf der Buchmesse am Donnerstag erzählten die Bundessprecherin der Grünen Jugend Ricarda Lang und Autorin Berit Glanz von fiesen Hatern, die sie mundtot machen wollten.

Als Ricarda Lang als Bundessprecherin der Grünen Jugend anfängt, ist ihr klar, dass sie viel Gegenwind bekommen wird. „Aber ich dachte, dass es inhaltlicher Natur sein werde“, erzählt sie am Donnerstag im Lesezelt auf der Frankfurter Buchmesse. Doch dann folgten schnell fiese persönliche Beschimpfungen im Netz. Plötzlich war sie die „Fette Fotze“.

„So, als ob ich als dicke Frau keine politische Meinung haben dürfte“, sagt sie. „Männer schrieben, dass sie mich wahlweise ermorden oder vergewaltigen wollten.“

Auf einen Blick

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Die 25-Jährige ist, wie die Berliner Buchautorin Berit Glanz und Ingrid Kurz-Scherf, Expertin für Politik und Geschlechterverhältnis, zu Gast bei der FR-Veranstaltung. „Alles Schlampen, oder was?! Zwischen Diffamierung und Selbstermächtigung – Frauen in der politischen Debatte“.

FR-Politikredakteurin Nadja Erb moderiert. Lang erzählt, dass sie sich anfangs nicht mit den „Trolls“, meistens Männer, die sich im Netz Sexroboter oder Senfdazugeber nennen, habe auseinandersetzen wollen. „Ich wollte mir selbst nicht eingestehen, dass ihre Kommentare mich verletzten“, sagt sie. Es habe ihr Selbstwertgefühl angegriffen.

„Da kommen 100 Kommentare in der Minute. Gerade als dicke Frau wird man gerne auf seinen Körper reduziert. Und es wird einem dann das Gefühl gegeben, nicht genug zu sein.“

AfD spielt beim Hass eine zentrale Rolle

Es seien bewusste Einschüchterungen aus der rechten Szene, die Frauen, die politisch aktiv seien, mundtot machen wollten. Deswegen könne man sie nicht einfach ignorieren. Ingrid Kurz-Scherf, Expertin für Politik und Geschlechterverhältnis, Jahrgang 1949, sagt: „Die Rechten sind nicht nur antilinks, antisemitisch, sondern eben auch antifeministisch. Und das, was jetzt in Halle passiert ist, dieser Idiot war nicht nur antisemitisch und rassistisch, sondern auch extrem frauenfeindlich.“ Dieser Aspekt sei aber in den Medien nur am Rand erwähnt worden. Dabei sei das ein Schlüsselaspekt.

Die 1982 geborene Berit Glanz ist eine bekannte Bloggerin, die Skandinavistik studierte. Aktuell wird sie für ihren Debütroman „Pixeltänzer“ gefeiert, Sie sagt: „Es sind organisierte Hassnetzwerke.“ Sie selbst werde zudem nicht nur von den „Du Fotze“-Trollen, sondern auch von gebildeten Männern als „dumme und schlechte Akademikerin“ beschimpft.

Bascha Mika (re.) diskutiert mit Verena Brunschweiger.

Lang betont, dass die Rechten vor allem Klimaschützerinnen hassten. Eine zentrale Rolle spiele da die AfD, die Lang auch mal als „Pfunds-Grüne“ bei der Debatte um den Klimapass für Flüchtlinge bezeichnet hätten.

Eine andere Form der Diskriminierung erlebt Verena Brunschweiger. Die 39-Jährige Lehrerin erklärt in ihrem viel diskutierten Buch „Kinderfrei statt kinderlos. Ein Manifest“, warum sie sich bewusst gegen das Kinderkriegen entscheidet, aber eben auch dafür diskrimiert werde. Darüber diskutiert sie auf der Leseinsel mit FR-Chefredakteurin Bascha Mika.

Bei Recherchen stieß Brunschweiger auf eine Studie. Laut dieser könne man 58,6 Tonnen CO2 einsparen, wenn man nur ein Kind weniger in die Welt setze. Mika betont, dass nur der Umwelt zuliebe auf Kinder zu verzichten kein Argument sein könne.

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Der „Mutterkult“ hat im Jahr 2019 wieder einen Höhepunkt

Brunschweiger sagt, dass der „Mutterkult“ wieder einen Höhepunkt im Jahr 2019 hätte. „Zudem werden Mütter und Väter oft bevorzugt. Ich darf als Lehrerin nicht Teilzeit arbeiten, meine Kollegen mit Kindern schon. Sie werden auch nach einem Jahr Wartezeit an ihre Wunschschule versetzt. Ich muss zehn Jahre warten.“

Verena Brunschweiger berichtet von Frauen, die lieber lögen, wenn es um die K-Frage ginge. „Sie sagen lieber, dass sie nicht schwanger werden, als zuzugeben, dass sie keine Kinder wollten.“

Denn das sei einfach, in der, wie sie findet „kinderzentrierten“ Gesellschaft nicht akzeptiert. Ihr selbst wurde schon vorgeworfen, dass sie unweiblich sei, und ihrer „biologischen Pflicht“ nicht nachkomme.

Auch kritisiert Brunschweiger, dass Frauen, die sich als Feministinnen bezeichneten, dann plötzlich sagten, dass sie als Mutter nun wichtigere Dinge zu tun hätten. Der Aussage, dass Mütter nicht auch gleichzeitig Feministinnen sein könnten, widerspricht Mika vehement. Das Problem sei doch viel mehr, dass immer noch Mütter den Löwenanteil der Arbeit beim Thema Kind erledigten. „Die Verantwortung liegt bei den Frauen, auch die Väter einzubeziehen“, sagt Mika.

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