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Hardcover contra Taschenbuch

Pro und Contra Buch

Judging a book by its cover

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  • Trisha Balster
    Trisha Balster
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Das Hardcover ist der alte weiße Mann unter den Büchern: privilegiert, langweilig und meistens in einen schmierigen Umschlag (Anzug) verpackt. Das Taschenbuch ist ein rückgratloses Weichei, mit geknicktem Ego und geknickten Seiten. Ein Für und Wider.

Pro Taschenbuch

Nehmen Sie mal ein Taschenbuch in die Hand und schlagen Sie es auf. Machen Sie nur. Wie fühlt sich das an? Gut, oder? Das liegt daran, dass ein Taschenbuch gelesen werden will. Das Buch biegt sich beim Öffnen, die Wörter recken sich einem von der Seite entgegen. Da kommt Bewegung ins Spiel. Jetzt nehmen Sie mal ein Hardcover in die Hand. Geht nicht. Das Buch rutscht aus dem unhandlichen Umschlag und fällt auf den Boden. IMMER. Der Umschlag wiederum ist ein Widerspruch in sich. Nach der ersten Berührung mit den ja doch irgendwie immer fettigen Fingern – man liest vielleicht beim Essen –, sieht er sofort betatscht aus. Der Umschlag ist damit der Teil des Buchs, der nicht berührt werden sollte, aber zwingendermaßen immer berührt werden muss.

Manche sehen den Umschlag natürlich als Schutzumschlag. Also als Schutz für das eigentliche Buch, das sich darunter versteckt und das man dadurch nicht sieht und in der Regel auch nie sieht. Das ist in etwa so sinnvoll, wie sich Spielfiguren zu kaufen und dann statt mit ihnen zu spielen, die originalverpackten Figuren im Regal aufzubewahren. Aber genau da ist der springende Punkt. Wofür wird das Hardcover denn publiziert? Für Orte wie die Frankfurter Buchmesse, wo sich überall die behäbigen Prestigeobjekte türmen, als Aushängeschilder für die Verlage. Denn die meisten Bücher werden auf der Buchmesse in die Hand genommen, selten aber aufgeschlagen, noch seltener gelesen. Aber auf dem Promotisch nimmt ein Hardcover eben mehr Platz ein, in der Hand ist es schwerer und fühlt sich damit hochwertig an.

Was man dabei vergisst, ist, dass Lesen ein transitives Verb ist. Da muss etwas gelesen werden, nämlich der Text. Und das Taschenbuch ist dazu da, gelesen zu werden. Das Taschenbuch passt in jede Tasche und ist leicht und damit viel besser transportierbar. In Notsituationen ist es sich auch als Fliegenklatsche nicht zu schade. Man kann ein Taschenbuch in einer einzigen Hand halten, und gerade weil es nicht so edel tut wie das Hardcover, hat man auch keine Scheu, wunderschöne Spuren des Lesens zu hinterlassen. Eselsohren, Notizen, der gebrochene Buchrücken machen das Buch persönlich, und mit ihm auch den Text zu etwas eigenem.

Das Taschenbuch ist also leistbar, lesbar und demokratisch. Das Hardcover dagegen ist der alte weiße Mann unter den Büchern: elitär (hat es doch seinen Ursprung in den handgemachten Kopien von Mönchen, die sich nur die Aristokratie leisten konnte) und unpraktisch – und voller unverdienter Eitelkeit. Wer sich da noch unsicher ist, möge sich einfach die schlimmste Ausgeburt aus der Hardcoverecke ins Gedächtnis rufen: Das Kunstbuch. Unhandlich, groß und teuer, meistens auf Kaffeetischen, ist es wirklich das Allerletze, was auch wirklich nur irgendjemand je aufschlägt.

Serafin Dinges

Pro Hardcover

Braucht die Welt noch mehr Knicke? Genau. Weder in der Politik, noch auf dem Papier. Von lädierten Seiten, die beim ersten Umblättern zerbröseln, Instabilität, geknickten Egos und Eselsohren haben wir doch genug. Verlässlichkeit in Buchform aber zeigt sich nur im Hardcover, nicht im Taschenbuch. Stabiler Einband, stabiler Buchrücken, keine Risse und Ramponierungen, federleichte Umschläge, sich um das Buch schmiegend, und auch als Lesezeichen exzellent geeignet, wenn es nicht sogar ein Lesebändchen gibt. Das Hardcover ist multifunktional, es ist verlässlich – und auch einfach ansehnlich. In einer Welt voller Zweidimensionalität sind Bücher schließlich längst zu Sammelobjekten geworden. Zu Skulpturen im Regal. Möchte man sich einen zerfledderten kleinen Kafka übers Sofa stellen? Je gepflegter die Demonstration der eigenen Intellektualität ist, desto imposanter. Das Hardcover impliziert: Hier bin ich, der Text, und ich bin es wert, gedruckt worden zu sein. Wenn man sich schon entscheidet, Papier nur für die eigene Freude zu beanspruchen, dann doch bitte richtig. Da mag das Hardcover in der U-Bahn dann vielleicht schwerer in der Tasche liegen als ein Taschenbuch, aber: Das Gewicht ist in jeder Sekunde, in der der Jutebeutel in die Schulter schneidet, eine gewollte, haptische Erinnerung an den eigenen Wissensdurst. An die Befriedigung, die ein Buch eben bringt. Und man ist sich eben nicht zu schade, fürs Lesen zwei Gramm mehr zu hieven. Taschenbücher mögen handlich sein, bringen aber weder tatsächliches noch emotionales Gewicht mit.

Trisha Balster

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin vonder Frankfurter Buchmesse.

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