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Der Vagant-Chefredakteur Audun Lindholm

Buchmesse – Gastland Norwegen

Norwegische Feuilletonkultur aus Berlins Hinterhöfen

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Auf einem ehemaligen Fabrikgelände in Berlin-Wedding befindet sich das Büro von „Vagant“, seit über 30 Jahren eines der führenden Feuilletonmagazine Norwegens. Eine gute Adresse also, um sich vorab dem Gastland Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse anzunähern.

Auf dem Weg zum Berliner Verlagsbüro der norwegischen Literaturzeitschrift „Vagant“, denke ich über norwegische Autoren und Autorinnen nach, die ich kenne. Mir fallen Karl Ove Knausgård, Dag Solstad und Knut Hamsun ein. Drei Männer, die ersten beiden über 50, der dritte Nazi und schon lange tot. Ich habe absoluten Aufholbedarf in puncto norwegischer Literatur, so viel steht fest. Dabei ist die skandinavische Literaturszene Berlins groß: Viele Übersetzer*innen und Autor*innen leben hier, die in einem aktiven Austausch miteinander stehen, regelmäßig finden an verschiedenen Orten und Institutionen wie den Nordeuropäischen Botschaften skandinavische Literaturveranstaltungen statt. Und mit dem Nordeuropa-Institut an der Humboldt-Universität steht das größte Institut für Skandinavistik in Deutschland in Berlin.

Er würde unten vor dem Treppeneingang auf mich warten, hatte „Vagant“-Chefredakteur Audun Lindholm mir per SMS geschrieben. Ich passiere das Eingangstor des Wohn- und Gewerbehofs in der Gerichtstraße 23: Ein riesiges, verschlungenes Areal mit verschiedenen Höfen liegt vor mir, Graffitis säumen die Wände, abgefallener Putz und Scherben liegen auf dem Boden verstreut, Teile der Fabriketagen sind verhüllt – Bauarbeiter laufen herum, junge Menschen gehen zum Outlet-Verkauf einer deutschlandweit beliebten Modefirma. Vor einem der Treppenhäuser steht rauchend Audun Lindholm – schwarze wetterfeste Jacke, beigefarbene Hose, dunkle Turnschuhe.

Gegengewicht zum klassischen Zeitungsfeuilleton

In der dritten Etage liegt das „Vagant“-Büro – ein heller, mit vielen Fenstern versehener Raum, der knapp 45 Quadratmeter groß ist: an den Wänden ein paar Regale voller Bücher sowie Schreibtische, auf denen vor allem leere Bier- und Weinflaschen stehen. „Wir hatten vor ein paar Tagen eine kleine Party hier, seitdem war ich gar nicht mehr da“, erzählt Lindholm. „Es ist schön, wenn man Menschen ungezwungen zusammenbringt und über Literatur redet.“

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Vagant

Seit 1988 gibt es das „Vagant“-Magazin, gegründet in Oslo von einer Gruppe Literaturstudent*innen, unter ihnen auch der norwegische Verleger Gunnar Rebnord Totland. Besonders in den 1990er Jahren prägte „Vagant“ die norwegische wie skandinavische Literaturlandschaft, Autor*innen wie Linn Ullmann oder Karl Ove Knausgård veröffentlichten im Magazin – Knausgård selbst war Anfang der Nullerjahre Teil der Redaktion.

„Vagant versteht sich als Gegengewicht zum klassischen Feuilleton,“ erzählt Audun Lindholm, „Es ging und geht immer noch darum, neben Literatur auch kritisches Denken abzubilden, Auseinandersetzung mit Literatur und Kultur. Mit klassischen Rezensionen hat das bei uns weniger zu tun.“ Einige Ausgaben liegen vor mir: Bunte Cover, viele Seiten, auch Grafiken und Illustrationen finden sich im Magazin. Besonders groß ist der Dossier- und Debattenbereich. Zu fünft ist die Redaktion im Berliner Büro, zu der auch der deutsche Grafiker und Künstler Andreas Töpfer gehört, der durch seine Arbeit beim Berliner Lyrikverlag KOOKbooks bekannt wurde.

Oslo, Bergen, Berlin – verschiedene literarische wie gesellschaftliche Einflüsse

Schon als Teenager war Audun Lindholm Fan von „Vagant“, „Diese Perspektiven auf Literatur und Gesellschaft haben mich zum Nachdenken angeregt und waren der Grund für meine berufliche Laufbahn.“ Er selbst hat Kreatives Schreiben in Bø, Telemark, sowie Literaturwissenschaften an der Universität Bergen studiert und bereits mit Anfang 20 seinen ersten Essay bei „Vagant“ veröffentlicht, es folgten viele weitere Beiträge. Seit 2007 ist der 39-Jährige nun Chefredakteur und lebt seit 2013 in Berlin, so lange wie es auch das Büro hier gibt. „In Berlin passiert literarisch so viel und das von allen Seiten. Norwegen ist dann doch sehr überschaubar und in sich geschlossen.“ Einmal im Monat ist er mindestens an den beiden anderen Standorten Oslo und Bergen. „Es ist natürlich wichtig, auch Teil der Literaturszene vor Ort zu sein, um teilzunehmen an den Themen, Menschen und Diskussionen. Oslo ist eher das Zentrum der etablierten norwegischen Literaturszene, befinden sich alle großen Verlage dort. Bergen ist studentischer und besteht aus einer alternativeren, jüngeren Szene.“ Vier Mal im Jahr erscheint „Vagant“, das sich meist explizit einem Thema oder einer (literarischen) Persönlichkeit widmet. In ausgewählten Buchläden ist das Magazin auch in Deutschland erhältlich, auf Deutsch allerdings nicht, das kann sich der Verlag nicht leisten. „Dank der Messe sind einige wirklich spannende norwegische Gegenwartsautoren ins Deutsche übersetzt worden, wie Tor Ulven oder Svein Jarvoll“, so Lindholm. „Vagant“ ist auch in Frankfurt, und Lindholm als Chefredakteur nimmt teil an verschiedenen Veranstaltungen.

Michel Houellebecq auf dem aktuellen Cover

Auch an diesem Tag steht er noch ganz im Dienste der norwegischen Literatur: Am Nachmittag besuchen Lindholm norwegische Literaturstudierende und Autor*innen in spe, mit denen er über den Betrieb an sich spricht – auch das ist für ihn wichtig, Einblick zu geben, wie man auf dem Markt bestehen kann.

Bevor ich mich auf den Weg mache, gibt mir Lindholm das aktuelle „Vagant“-Magazin mit, das mit Michel Houellebecq zu tun hat – zumindest steht sein Name auf dem Cover. In Frankfurt gehe ich dann einfach mal beim Gastland Norwegen vorbei, vielleicht übersetzt mir spontan jemand den einen oder anderen Artikel, damit auch ich weiß, was dieser typische „Vagant“-Sound ist und der ganz bestimmte Blick mit dem das Magazin seit 31 Jahren den norwegischen wie skandinavischen Literaturdiskurs beeinflusst und erweitert.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

Auf der Buchmesse ist „Vagant“ Teil des „Eurozine“-Standes in Halle 5.0, B36

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