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Übersetzerin und Lektorin Clara Sondermann

Schwerpunkt Literaturübersetzung

„Ich wollte auf keinen Fall als Weiße für jemanden sprechen“

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Clara Sondermann, 29 Jahre, ist seit drei Jahren freie Übersetzerin. Nun hat sie Athena Farrokhzads Debüt „Bleiweiß“ aus dem Schwedischen ins Deutsche übertragen. Auf der Frankfurter Buchmesse erzählt sie von den Eigenheiten der Übersetzung eines feinsinnigen Gedichtes.

Das Gedicht „Bleiweiß“ beschreibt die Erfahrungen einer aus dem Iran emigrierten Familie, die in Schweden auf eine weiße Mehrheitsgesellschaft trifft. Was ist dein persönlicher Zugang als deutsche Übersetzerin?

Ich habe es vor ein paar Jahren auf Schwedisch gelesen und dachte sofort: Das mag ich. Weil es diese vielen Stimmen gibt, die ich sofort höre. Ich habe das einfach so in einem Rutsch weggelesen, was ungewöhnlich ist, weil ich Lyrik eigentlich nur in ganz kleinen Mengen lesen kann. Aber dieses Gedicht ist so, als wäre man bei einem Gespräch dabei, was sich immer weiter hochschaukelt.

War es für dich eine Herausforderung, den Rhythmus des Gedichts aus dem Schwedischen ins Deutsche zu übertragen?

Ja, Lyrik ist ja auch ein Format, in dem man nichts erklären kann. Der Verlag, die Autorin und ich haben gemeinsam versucht, für das Deutsche einen eigenen Rhythmus zu finden, der ähnlich interessant ist wie das Original. Es sollte ein bisschen wütend sein. So wie: Ich habe so viel zu sagen. Es sollte auch etwas Schnelles haben und etwas Grobes.

Ihr habt euch also eher rhythmische Charaktereigenschaften aus dem schwedischen Text gesucht und versucht, sie zu übertragen?

Genau. Dafür haben wir auch viel mit der englischen Übersetzung gearbeitet.

Wie sehr ist der Text dabei zu deinem eigenen geworden?

Ich sehe es immer noch als Athenas Gedicht an. Bei anderen Übersetzungen würde ich eher sagen: Das ist meine. Aber bei dieser hatte ich so oft das Gefühl, dass ich mich lieber an das Original halten sollte. Ich habe sehr viel Respekt vor dem Thema und keine Erfahrung mit Rassismus und Migration, deswegen fiel es mir schwer, eigene Bilder zu finden. Ich habe also alle Kraft in die Übertragung von Athenas Bilder gesteckt. Ich hoffe auch, dass die Besonderheit des Langgedichts sich überträgt, denn dadurch, dass alles zusammenhängt, entsteht ein Dialog, der auf viele Familien zutreffen könnte.

Hast du ein Beispiel dafür?

Ja, zum Beispiel dieses: „Mein Bruder sagte: Wir sind nichts als die Summe der Verletzungen die Sprache uns zufügt/ Die Summe der Verletzungen die wir zufügen“. Das ist eine Stelle, von der ich denke, dass ich die Übersetzung gemacht habe. Dort bin ich vom Original abgewichen und habe es mit meinen Erfahrungen abgeglichen.

Mit welchen Erfahrungen?

Ich glaube, dass Sprache uns alle extrem verletzen kann, aber sie kann uns auch zu großen Sachen antreiben. Ich habe in meinem Leben öfter erlebt, dass Sprache eine große Macht hat, so dass ich glaube, wenn es in Gedichten um Sprache generell geht, kann ich mich aufgrund eigener Erfahrungen dazu verhalten. Insofern ist dieser Bruder im Gedicht mir immer auch ganz nah, weil er die Macht der Sprache anerkennt, würdigt und respektiert.

Du kannst dich also auch selbst in dem Gedicht wiederfinden?

Ja, ich glaube am ehesten in der Autorin selbst. Das interessante ist ja, dass die Autorin selber nicht spricht im Gedicht und dass alles so auf sie einprasselt. Diese ganzen Vorwürfe, Anschuldigungen und auch Ansprüche. Damit kann ich sehr viel anfangen. Das kenne ich als Tochter. Jeder trägt Erwartungen und Ansprüche an einen heran und man hat das Gefühl, man will eigentlich gar nichts mehr sagen, dass alles irgendwie falsch ist. Da habe ich mich erkannt.

Und das, obwohl ihr aus ganz unterschiedlichen Kontexten kommt.

Ich habe Athena, als ich sie das erste Mal getroffen habe, auch gefragt, ob es okay ist, dass ich als Weiße das Gedicht einer Frau mit Rassismuserfahrungen übersetze. Sie hat sich angeschaut, was ich übersetzt habe und meinte: „Ja, du hast den Ton gut getroffen, so als würdest du mich verstehen.“ Das war ganz wichtig für mich. Gerade in den letzten Jahren ist es noch wichtiger geworden, wer welche Texte übersetzt und wer für jemanden spricht. Ich wollte auf keinen Fall das Gefühl vermitteln, dass ich als Weiße für jemanden spreche. Die Angst hat sie mir genommen.

Ist eine so enge Zusammenarbeit zwischen Übersetzerin und Autorin üblich?

Es kommt darauf an. Ich glaube, dass ihr der Text extrem wichtig ist und auch, dass das Buch in jeder Sprache so erscheint, wie sie das beabsichtigt. Sie ist da sehr hinterher. Ich glaube, viele andere Autor*innen geben das eher ab. 

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Wie lange hast du an der Übersetzung gearbeitet? 

Die begleitet mich bestimmt schon über ein Jahr.

Und hast du auf Apps, wie „pons", „deepl" oder „google translator" zurückgegriffen?

Nein. Ich benutze noch nicht mal die guten digitalen Übersetzungsprogramme im Verlag, weil solche Apps den Kontext gar nicht kennen. Dann schaue ich eher noch einmal im Wörterbuch nach oder frage schwedische Freund*innen und Kolleg*innen.

Bist du jetzt, da das Buch erschienen ist, zufrieden mit deiner Übersetzung?

Ich glaube, ich werde mit keiner Übersetzung je ganz zufrieden sein, nachdem sie erschienen ist; mein Verhältnis zu einem Text ist nicht statisch und er entwickelt mit der Zeit fast eine unüberschaubare Tiefe und Komplexität. Irgendwann beendet man dann trotzdem die Arbeit. Und ich merke beim Durchblättern der deutschen Übersetzung, dass es schön ist, dass der Text jetzt in einer weiteren Sprache zugänglich ist. Weil ich ihn und die Autorin so respektiere und das Thema so wichtig ist.

Als erster Teil dieser Reihe erschien ein Gespräch mit dem niederländischen Übersetzer Gerrit Bussink, der dieses Jahr zum 45. Mal auf der Frankfurter Buchmesse ist. Als zweiter Teil ein Gespräch mit einem der bekanntesten Übersetzer Deutschlands, Frank Heibert, der unter anderem Don DeLillo, Raymond Queneau, George Saunders und Marie Darrieussecq seine Stimme gegeben hat. 

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

Athena Farrokhzad

„Bleiweiß"

kookbooks

2019

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