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„Create Your Revolution": Team und Gäste

Eventkritik

#CreateYourRevolution?

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Am Mittwochabend ruft die Frankfurter Buchmesse die Revolution aus. Doch wie sehr kann eine derart privilegierte und abgehobene Veranstaltung von Aufstand und Wandel sprechen? Unsere Autorin war bei den „Create Your Revolution"-Talks und hat sich gewundert.

Der Raum, in dem sich die Revolte formieren soll, ist mit gelben Absperrbändern vom Rest der Messehalle 4 abgetrennt. Eine Revolution mit Gästeliste: Das hat man so auch noch nicht gesehen. Es ist ein Abend, an dem ausreichend Getränke und Snacks bereitstehen. Wie von Zauberhand füllen sich die Weingläser und Bagelplatten im Minutentakt – könnte man jedenfalls vermuten, wenn man nicht selbst schon mal als Studentin im Messeservice gearbeitet hat. Die jungen Menschen in ihren weißen Service-Uniformen schwirren höflich und zurückhaltend zwischen den ausgewählten Gästen umher. Ein Raum voller Klassenunterschiede also? Ein abgehobener Kunstort, der die Verbindung zum alltäglichen Weltgeschehen sucht?

Man muss den Veranstalter*innen dieses groß angekündigten Revolutionsabends im “The ARTS+” Areal lassen, dass sie wirklich einige bemerkenswerte Menschen auf die Bühne geholt haben. Die Gesprächsrunden und Vorträge werden von internationalen Kunst- und Kulturaktivist*innen bestritten, die viel zu sagen und zu zeigen haben und mit ihren Worten inspirieren. Dazu gehört die Künstlerin Lena Chen, die sich nach einem schweren Trauma ihre Identität zurückerobert hat, indem sie sie zum Thema ihrer Kunst macht. Dazu gehören auch Rinchen Khando und Tenzin Choegyal Rinpoche, die von der gewaltfreien Revolution in Tibet berichten. Sowie die malawische Aktivistin und Feministin Memory Banda. Aber wie viel kraftvoller wären ihre Reden doch auf einem Lautsprecherwagen vor einer großen Menge von Unterstützer*innen gewesen?

Ein Werbeslogan, um sich besser zu fühlen, ein nicer Post im neuesten sozialen Netzwerk?

Doch heute sprechen sie alle vor einem gut situierten, stillen Konsumpublikum, das in dem einen Moment auf dem Smartphone die neuesten Instastories checkt und im nächsten, natürlich genau an der richtigen Stelle, begeistert klatscht, um sich dann wieder dem schon wieder halb leeren Weißweinglas zuzuwenden. Von den Bediensteten wird mit ruhigen Händen derweil schon die nächste Köstlichkeit herbeigetragen.

„Create Your Revolution“ ist eine Veranstaltung, die sich in ihrer ganzen Absurdität in ihre eigenen Widersprüche verwickelt und aus diesem Netz den ganzen Abend über nicht herauskommt. Eine abgeklärte Kulturkonsum-Veranstaltung kann nun mal nicht aus ihrer Haut und so tun, als sei sie ein Brennglas, was “Demokratie und Meinungsfreiheit, Chancengleichheit und umweltpolitische Herausforderungen” bündelt, wie Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, auf der Pressekonferenz im September ankündigte. Ist doch klar, dass eine Revolution nicht in einem für ausgewählte Gäste bestimmten Raum anfangen kann, in dem die größten sozialen und finanziellen Unterschiede ignoriert werden. In einem Raum, zu dem Menschen, die genug Gründe haben, einen Systemwechsel herbei zu sehnen, im Leben keinen Zutritt erhalten werden. „Create Your Revolution“, fordern die Veranstalter*innen der Frankfurter Buchmesse. Aber seit wann ist eine Revolution eine individuelle Angelegenheit? Ein Werbeslogan, um sich besser zu fühlen, ein nicer Post im neuesten sozialen Netzwerk?

Während Lena Chen auf der Bühne des „Desirable Futures And The Creative Unknown“-Talks über wirklich relevante Erfahrungen und Herausforderungen von Identität und Normbruch redet, postet in der ersten Reihe der junge Mann mit den Tattoos ein Foto von dem Panel auf Instagram und schreibt: „soooo inspiring!“ Wirklich?

Endlich schallt durch die Lautsprecher die entscheidende Frage. Der Animateur des Abends läuft, ganz in Schwarz gekleidet, wie auf Strom durch den Raum und ruft: „Wo ist die Revolution? Wo findet sie statt? Findet die Revolution statt, während wir auf unseren Stühlen sitzen?“ – und motiviert damit wenigstens einen kleinen Teil des von Essen und Alkohol trägen Publikums dazu, aufzustehen und auf der „Straße des Friedens und der Freiheit“, einem mit pinkem Klebeband abgeklebten Bereich, ein Spalier zu bilden.

Bei „Create Your Revolution" ist die Revolution Opfer der Marketingmaschinerie geworden

Was dann folgt, ist die tatsächlich sehr eindrückliche Tanzperformance „Taking A Stance: A Moving Interlude“ von Corey Scott-Gilbert. Sobald die Zuschauer*innen den sich krampfhaft bewegenden Körper entdecken, fällt vielen allerdings erst einmal nichts weiter ein, als ihre Smartphones zu zücken. Ist das Revolution? #CreateYourRevolution? #fmb19 #sooooinspiring? In diesem Moment könnte man zumindest die Kraft, die aus dem tanzenden Körper strömt, als revolutionär bezeichnen. Denn dem Tänzer gelingt es tatsächlich, die Menschen für einen Augenblick so in ihren Bann zu ziehen, dass sie sich kurz von den leuchtenden Bildschirmen lösen.

Dieser Moment währt aber nur kurz. Als dann Philip Rooke, Chief Executive Officer von der Firma Spreadshirt, dem Publikum zu verkaufen versucht, dass T-Shirts mit politischen Slogans die Welt verändern und nicht die Menschen, die sie tragen, ist die Revolution wohl ganz unter den Opfern der Marketingmaschinen begraben. Ohnehin haben viele der „Revolutionär*innen“, wie Moderator und Vice President der Frankfurter Buchmesse Holger Volland sein Publikum liebevoll tauft, bereits ihre Plätze verlassen. Man kann nur vermuten, dass sie bereits auf den Plätzen dieser Welt ihren großen politischen Wandel formieren. Zumindest in ihren Träumen, schlafend auf den weißen Bettlaken ihres 5-Sterne Hotels, mit vollem Magen, gesund und schön. Wenn doch nur jeder Systemwandel so verdammt angenehm wäre!

Unter der Rubrik „Unter Dreißig“ finden Sie all unsere Artikel zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

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