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Alexandre Ribeiro und Fred Di Giacomo

Alexandre Ribeiro & Fred Di Giacomo

Eine literarische Revolution in der südlichen Hemisphäre

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Nach Jahrzehnten der Eintönigkeit und der Langeweile befindet sich die brasilianische Literatur im Umbruch und erfindet sich durch unabhängige Verlage und Autoren neu. Zwei von ihnen, Alexandre Ribeiro und Fred Di Giacomo, haben gerade in Südamerika ihre Debütromane veröffentlicht.

Alexandre Ribeiro ist 21 Jahre alt. Er kommt aus einer Favela im brasilianischen Diadema. Sein Haus wurde auf einem Grundstück gebaut, das in den 1990er Jahren von seiner Mutter und mit Hilfe der brasilianischen Wohnungslosenbewegung MTST besetzt wurde. Sein Vater starb, als Alexandre elf Jahre alt war, ein Opfer staatlicher Gewalt. In Alexandre Ribeiros Straße war es üblich, vaterlos aufzuwachsen. Fred Di Giacomo dagegen wurde in den 1980er Jahren in Penápolis, einer Stadt im Umland von São Paulo, geboren. Er wuchs in einer armen Gegend auf. Da er aber der Sohn eines Lehrerehepaars war, das an öffentlichen Schulen arbeitete, und eine etwas hellere Haut hatte, hatte er es in der brasilianischen Gesellschaft leichter als andere in seiner Umgebung. In diesem Jahr brachte Alexandre Ribeiro seinen ersten Roman auf den Markt, „Reservado“, von dem in weniger als fünf Monaten mehr als 2000 Exemplare verkauft wurden, was ihm den Ruf eines „Bestsellers der Straße“ einbrachte. Fred Di Giacomo hat gerade die Nachricht erhalten, dass er mit seinem Roman „Desamparo“ einer der Finalisten für den São Paulo Literaturpreis für brasilianische Debüts ist. In früheren Zeiten wären die Arbeiten dieser beiden Talente nie veröffentlicht worden.

Früher ging es in den Romanen einzig um weiße Männer in Lebenskrisen

Lange Zeit gehörte der brasilianische Verlagssektor einigen wenigen Familienunternehmen. Diejenigen Autorinnen und Autoren, die nicht Teil dieser exklusiven Gruppe waren, hatten nicht die geringste Chance auf eine Veröffentlichung. Das Ergebnis war Stillstand. „Die brasilianische Literatur wurde langweilig. Es ging einzig um weiße Männer und ihre Autofiktionen, um Werbeleute oder Journalisten in einer Lebenskrise. Niemand konnte es mehr ertragen", sagt Fred Di Giacomo, den ich zusammen mit Alexandre Ribeiro auf der Frankfurter Buchmesse treffe. Kein Wunder, dass der ohnehin schon schwache Markt heute in der Krise steckt. Viele der großen Verlage und Buchhandlungen sind entweder in Insolvenz geraten oder hoch verschuldet. Im Windschatten der Krise aber hat sich eine junge, unabhängige und oft an der Peripherie agierende Szene herausgebildet. „Es ist eine Bewegung, die gegen den Strom schwimmt. Heute sind unabhängige Verlage die Stimme einer mündigen Öffentlichkeit, die sich durch diese Literatur repräsentiert fühlt und bereit ist, Bücher zu kaufen", sagt Ribeiro.

Der beste Moment der brasilianischen Literatur seit 50 Jahren

Das Ergebnis ist eine beispiellose literarische Vielfalt. „Für mich haben wir gerade den besten Moment der brasilianischen Literatur der letzten 50 Jahre. Es gibt viele gute Schriftsteller", sagt Di Giacomo. Mit der Öffnung des unabhängigen Marktes bekamen plötzlich Autor*innen Bedeutung, die unter anderen Bedingungen keine Chance gehabt hätten, wie der aus Ceará stammende Mailson Furtado, der zuerst im Eigenverlag veröffentlichte und den Jabuti Award, den wichtigsten Literaturpreis Brasiliens, gewann. Heute gibt es neben einer sehr starken queeren Literaturszene viel mehr Frauen und Schwarze, die veröffentlichen. „Diese Leute haben unglaubliche Geschichten zu erzählen. Und diejenigen, die sie herausgeben, sind die unabhängigen Verlage." Wenn es sie nicht gäbe, wären auch Fred Di Giacomo und Alexandre Ribeiro nicht veröffentlicht worden. Für die beiden Autoren ist klar, es macht keinen Sinn mehr, wie in Brasilien lange üblich, riesige Budgets auszugeben, um literarische Erfolge aus der Vergangenheit wieder ins Bewusstsein zu holen. Alexandre Ribeiro möchte die Bedeutung dieser Werke und Autoren nicht leugnen, findet aber, dass junge Menschen, um sich die Welt der Literatur zu erschließen, mit Erzählungen beginnen sollten, die etwas mit ihrer Realität zu tun haben. Vorbild ist für ihn die Universität von Campinas, Unicamp, die gerade „Sobrevivendo no Inferno", ein Album der einflussreichen Rap-Band Racionais MC’s, das zu einem Buch wurde, zur Pflichtlektüre für die Studierenden gemacht hat. Es ist notwendig, wie Di Giacomo betont, den Wert der neuen Literatur zu erkennen und das Werk von Autoren und Schriftstellerinnen wie Deborah Dornellas zu fördern. Sie gewann mit ihrem Band „Por Cima do Mar", in dem es um die afrikanische Diaspora in Brasilien geht, den kubanischen Literaturpreis „Casa de las Américas 2019“, einen der wichtigsten der Weltliteratur.

Ist Deutschland überhaupt offen für brasilianische Literatur?

Doch während sich diese fruchtbare und aufstrebende Szene in Brasilien zu etablieren beginnt, ist das Interesse an ihren Werken in Europa gering. Auf die Frage, ob sie Deutschland als einen Ort sehen, der für die Literatur der sogenannten Peripherien der Welt offen ist, fällt die Antwort negativ aus. „Die Deutschen meinen es gut. Aber sie sind immer noch sehr herablassend", sagt Di Giacomo, der seit einiger Zeit in Deutschland lebt. Oder wie es ein brasilianischer Buchmessenkollege an einem Diskussionstisch formulierte: Der brasilianische Autor, der in Deutschland veröffentlichen will, sollte nicht über universelle, sondern über brasilianische Themen sprechen. „Der deutsche oder europäische Schriftsteller ist die universelle Stimme, und der Brasilianer, wenn er hier Erfolg haben oder überhaupt erst einmal veröffentlicht werden will, muss diesen ‚exoctic flavour’ haben. Wenn nicht, wird er nichts verkaufen."

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Brasilianer nicht nur als Exoten ansehen

Aber was bedeutet es, ein in Deutschland lebender Schriftsteller brasilianischer Herkunft zu sein? „Verantwortung", sagt Ribeiro, "ich trage in mir die Träume verschiedener Welten. Wir müssen Räume schaffen, damit eine Zukunft dieser verschiedenen Welten möglich ist." Fred Di Giacomo hingegen findet es interessant, sich nicht als Randexistenz in Brasilien, sondern von Deutschland aus zu positionieren, und aus dieser anderen Perspektive Brasilien als die Peripherie der Welt wahrzunehmen. "Europa und die USA sind nur aus Machtgründen das Zentrum der Welt“, ist seine Beobachtung. „Die kleinen Revolutionen kommen von innen. Deutschland ist eine wichtige Weltmacht. Von hier aus haben wir sowohl die Möglichkeit, mehr Autoren und Autorinnen aus unserer Hemisphäre ins hiesige Haus zu holen, als auch eine größere Sichtbarkeit zu erreichen. Ich möchte, dass wir Brasilianer nicht nur als Exoten angesehen werden. Ich möchte, dass unsere Philosophinnen, wie Djamila Ribeiro, als Denkerinnen anerkannt werden. Ich möchte, dass unsere Literatur als große Literatur angesehen wird. Und nicht nur als regionale."

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„Reservado" von Alexandre Ribeiro wurde mit dem ProAc Prosa 2018 ausgezeichnet. Der Roman ist sowohl autobiografisch angelegt, verweist aber auch auf reale Charaktere – junge Opfer von Gewalt und Rassismus. Elemente wie Funk, Rap und Hip-Hop als dominierende Kunstformen der Peripherie von São Paulo strukturieren die Erzählung.

Fred Di Giacomos „Desamparo" gehört zu den diesjährigen Finalisten des Prêmio São Paulo de Literatura 2019. Der im Verlag Reformatório erschienene Roman spielt in der Zeit der brutalen Kolonisation im Westen von São Paulo, als 90 Prozent der indigenen Bevölkerung ermordet wurden. Er erzählt die Geschichte der Tochter des einzigen freien schwarzen Bauern in der Stadt – ein weiblicher Hamlet der Region Sertão – und ihr Sinnen nach Rache für die Tötung des Vaters.

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