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Frankfurt verliert seine beste Italienerin

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Maria Gazzetti leitet seit  14 Jahren das Literaturhaus in Frankfurt.
Maria Gazzetti leitet seit 14 Jahren das Literaturhaus in Frankfurt. © kr

Eine traurige Nachricht: Maria Gazzetti verlässt das Literaturhaus. Zum 30. Juni 2010 wird die Italienerin mit der phänomenalen Liebe zur deutschen Literatur die Programmarbeit niederlegen. Von Ina Hartwig

Von INA HARTWIG

Fünfzehn Jahre sind genug", sagt Maria Gazzetti mit einer Stimme, die auch erleichtert klingt. Die Nachricht, dass die einzige Frau, die derzeit ein deutschsprachiges Literaturhaus leitet, ihren Vertrag nicht verlängern wird, kommt nicht ganz überraschend, aber doch überraschend schnell. Es ist eine traurige Nachricht: Zum 30. Juni 2010 wird die Italienerin mit der phänomenalen Liebe zur deutschen Literatur die Programmarbeit niederlegen. Das teilte der Vorstand des Literaturhauses gestern der Presse mit.

Maria Gazzetti hatte Thomas Beckermann abgelöst, den ersten Leiter des 1991 gegründeten Frankfurter Literaturhauses, damals - und bis vor vier Jahren - in einer schönen, angemessen morbiden Gründerzeit-Villa in der Bockenheimer Landstraße ansässig. Es war eine Aufbruchsstimmung, als in den neunziger Jahren die Literaturhäuser gegründet wurden. Heute müssen sie gegen eine blühende Festivalitis bestehen.

La Gazzetti kam 1995 an den Main. Eine Italienerin führt ein deutsches Literaturhaus? Für die traditionsreiche Handels- und Messestadt mit den ungezählten Nationen ist das nicht ungewöhnlich - und vielleicht tatsächlich nur hier denkbar, wo die Fremden dazu gehören und daher gar keine Fremden sind. Und doch war, ist und bleibt es eine mutige Entscheidung, und eine phantastische Ausnahme dazu. Denn wie tadellos Maria Gazzetti das Deutsche beherrscht, grenzt an ein Wunder.

Neben Talent gehört eiserne Disziplin dazu; eine Disziplin, die sich auf Maria Gazzettis Charme keineswegs negativ ausgewirkt hat. Ihre Begrüßungen zu den Veranstaltungen sind so warmherzig, kenntnisreich und stilvoll, dass man sie schon jetzt, ein Jahr bevor sie wirklich gehen wird, vermisst.

Wenn derartig einschneidende Entscheidungen fallen, kommen grundsätzlich viele Faktoren zusammen, sich überschneidende oder sogar sich widersprechende Motive, und die eine oder andere Konkurrenz vermutlich auch. Die Presseerklärung des siebenköpfigen Vorstandes - er ist der offizielle Arbeitgeber der Programmleiterin/des Programmleiters - spricht jedenfalls eine auffallend nüchterne Sprache. Immerhin, man bedankt sich bei Maria Gazzetti "für ihre 15jährige sehr erfolgreiche Tätigkeit für das Literaturhaus Frankfurt". Nur: Die 15 Jahre sind noch gar nicht um! Ein gemeinsames Jahr stehen Maria Gazzetti und dem Vorstand noch bevor.

Der Vorstandsvorsitzende Rainer Weiss, ehemals Programmdirektor und Geschäftsführer bei Suhrkamp und dort im Streit geschieden, heute Verleger von Weissbooks, kennt sich aus mit (Auf-)Brüchen in der beruflichen Biographie. Eine Kritik an Maria Gazzettis Arbeit lässt er sich im Gespräch mit der FR nicht entlocken, vielmehr unterstreicht er ihren "guten Geschmack" und weist darauf hin, Gazzetti habe Imre Kertész bereits eingeladen, als der Nobelpreis noch in weiter Ferne lag. Insgesamt gibt Weiss sich wortkarg, meint aber: "Es wird sich eine gute Lösung finden lassen." Was immer das heißen mag.

Maria Gazzetti ihrerseits blickt recht nüchtern auf eine veränderte Situation, der sich zu stellen sie offensichtlich keine Neigung mehr verspürt. Der zunächst gefürchtete Umzug in die wiederaufgebaute ehemalige Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht, im Oktober 2005, sei zwar gelungen - "kein Mitgliederschwund", "steigende Besucherzahlen" -, doch gibt sie zu: "Diese Räume müssen mehr Geld generieren." Nicht nur die gegenwärtige Wirtschaftskrise, die es erschweren dürfte, Sponsorengelder einzuwerben, hat Maria Gazzetti im Blick, wenn sie von Veränderungen spricht. Sie meint vor allem den überhitzten, auf Prominenz, große Literaturpreise und Events setzenden Klimawandel des Literaturbetriebs. Gazzetti macht lieber Entdeckungen, sie liebt das Experiment, Aura und Konzentration. "Da bin ich altmodisch", sagt sie halb kokett, halb ernst, und erinnert daran, was der Schriftsteller Thomas Hettche unlängst vorschlug: dass Frankfurt ein "Labor" des Literaturbetriebs sein könnte.

Dabei hat das hiesige Literaturhaus wie einige andere Häuser auch, ob in Hamburg oder Köln, München oder Stuttgart, sich den Herausforderungen längst angepasst - und zwischen Vermietung, Veranstaltung, Ausstellung und Engagement einen Mittelweg angepeilt. Sehr erfreulich sind die Schreibwerkstätten für Schüler und Jugendliche. In die künftigen Besucher zu investieren, erfordert gewiss mehr Einfallsreichtum, als mit Bestsellerautoren auf die sichere Karte zu setzen.

Und die Zukunft, Maria? Es sei ihr "Traum, für die deutsche Literatur in Italien mehr zu tun". Als Zwanzigjährige war sie von Rom nach Hamburg aufgebrochen; sie studierte in der Hansestadt (die sie heute noch liebt), promovierte, lernte ihren Mann kennen, einen deutschen Künstler, der viel zu früh gestorben ist. Nachdem sie Frankfurt mit ihrem guten Geschmack so lange beehrt hat, ja, und mit ihrem Charme, wird sie wohl in absehbarer Zeit nach Italien zurückgehen. Ihr Stil wird uns fehlen, gerade weil er nicht in die neue, harte Zeit passen will.

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