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Sonja Vandenrath (l.) und Kulturdezernentin Ina Hartwig bei der Pressekonferenz, auf der das Programm von Open Books vorgestellt wurde.

Kultur in Frankfurt

„Frankfurt rollt der Literatur den roten Teppich aus“

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Sonja Vandenrath hat das Lesefest Open Books in Frankfurt erfunden. Im Interview spricht sie über die Erfahrungen der letzten zehn Jahre und die Zukunft des Buches.

Sonja Vandenrath, die Literaturbeauftragte der Stadt, hat das Lesefest Open Books vor zehn Jahren in Frankfurt ins Leben gerufen. Sie berichtet über den Festivalcharakter – damals wie heute.

Frau Vandenrath, wie war das vor zehn Jahren?
Für Open Books in Frankfurt waren die Lesebühnen in Berlin ein Vorbild und zwar, weil dort junge Leute hingehen; das ist niedrigschwellig, man trifft sich, trinkt Bier und alles hat einen leicht kultigen Charakter. Der Frankfurter Kunstverein war genau der Ort, wo ich diese Atmosphäre erzeugen konnte. So wurde er zur Keimzelle von Open Books. Ich wollte etwas Populäres, in-die-Breite-Gehendes anbieten, aber es sollte nicht piefig daherkommen. Bei allem Improvisierten – wir wollten von Beginn an Coolness mit Qualität verbinden, die progressive Lesung gleichermaßen.

Früher gab es orangefarbenes Licht und Sitzkissen…
Heute sind wir professioneller geworden, es gibt Scheinwerferlicht und Stühle. Ich hatte im ersten Jahr in so manches schmerzverzerrte Gesicht gesehen von Menschen, die nach einer Stunde Sitzen auf dem Kissen nicht mehr konnten.

Was hat sich seitdem noch verändert?
Das Festival hat sich ausgeweitet, Orte wie das Haus am Dom, die Evangelische Stadtakademie kamen hinzu. Ich habe die Häuser nach Sparten strukturiert – das Sachbuch ist im Haus am Dom, die internationale Literatur in der Evangelischen Stadtakademie und die deutschsprachige Belletristik sowohl im Kunstverein als auch im Rathaus Römer. Seitdem die Kantine dort geschlossen hat, können wir den Ratskeller bespielen. Das ist ein großer Gewinn, auch wegen ihres Lokalkolorits, das es nur hier gibt.

Open Books orientiert sich auch an „Leipzig liest“, dem Lesefest zur Leipziger Buchmesse, das über diese Stadt verteilt ist. Warum findet Open Books nur am Römerberg statt?
Das hat mehrere Gründe. Ich finde, Frankfurt ist eine Stadt, die vom Zentrum aus lebt. Am Römerberg schlägt das politische und touristische Herz der Stadt; hier wird geheiratet und wird Stadtpolitik gemacht. Ich wollte von Frankfurt aus ein Signal senden: Seht her, Frankfurt rollt der Literatur den roten Teppich aus und lädt sie dorthin ein, wo ihr Herz pulsiert. Der Festivalcharakter lebt außerdem davon, dass Besucher schnell von einer zur anderen Lesungen kommen. Dieser Festivalsog entsteht nicht, wenn man durch die ganze Stadt laufen muss.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass die meisten Lesungen kostenfrei sind?
Das ist ganz wichtig. Wir wollen in die Breite wirken, alle Menschen erreichen und niemanden ausschließen. Einfach jeder kann kommen. Es ist unser Wunsch, dass möglichst viele teilnehmen, und es ist ein Geschenk, dass die Menschen es so annehmen.

Der Frankfurter Verlag Stroemfeld hat jüngst Insolvenz angemeldet; der Fischer-Verlag lässt seine Buchmesse-Party ausfallen. Wie schätzen Sie die Situation auf dem deutschen Buchmarkt ein?
Das Stroemfeld Insolvenz anmelden muss, macht uns große Sorgen; Stroemfeld war immer bei Open Books dabei und hat seine Verlagsparty bei uns gefeiert. Dass es den Verlagen nicht so gut geht, ist ein offenes Geheimnis. Wir können als Buch- und Literaturstadt dieser Entwicklung nur unsere Angebote entgegensetzen, damit die tollen, neuen Bücher des Herbstes ein Schaufenster bekommen, damit sie in die Öffentlichkeit diffundieren, damit sie wahrgenommen werden. Wir helfen mit Open Books den Verlagen aus Frankfurt, aber auch den gesamten deutschsprachigen Raum, in dem wir Bühnen schaffen.

Kann man den gesellschaftlichen Trend – weg vom Lesen zu Hause, hin zu Serien oder sozialen Medien – überhaupt aufhalten?
Es gibt diesen Trend, ja. Aber wenn ich durch die Räume bei Open Books gehe, sehe ich, dass das Buch als Faszinosum und Reflexionsmedium immer noch funktioniert. Die Leute hängen an den Lippen der Autoren, sie sind begeistert, vielleicht auch durch die persönliche Nähe zum Autor. Ich hoffe, dass das Buch wieder zu dem Medium der Erkenntnis und der Welterschließung wird, das es ist. Wir unterstützen das ganz praktisch. Wir wollen, dass das Medium Buch seinen Status in der Öffentlichkeit behält.

Interview: Florian Leclerc

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