Schriftstellerin Eva Demski: „Es war doch schon genug Rummel.“

Buchbranche

Bestürzung über geplante Eventmodelle: Ringen um die Zukunft der Buchmesse nimmt Fahrt auf  

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Wird die Frankfurter Buchmesse zukünftig mit einer Eventshow verkuppelt?

  • Die Buchmesse in Frankfurt will sich für die Zukunft aufstellen
  • Die Frankfurter Buchmesse unternimmt alles, um diejenige in Leipzig aufzuwerten
  • Bei Autorinnen und Autoren herrscht eine Mischung aus Erstaunen und Ablehnung

Ihre vor drei Jahren erschienenen Erinnerungen „Den Koffer trag ich selber“ beginnt Eva Demski mit einem Bild voll Selbstironie. Die Schriftstellerin, die seit mehr als fünf Jahrzehnten die Frankfurter Buchmesse besucht („Weltmittelpunkt“), erfährt eine Schrecksekunde der Unsicherheit beim Betreten der Laufbänder der Via Mobile. „Ich bin langsam“, denkt sie. 

Jetzt nimmt das Ringen um die Zukunft der größten Medienschau der Welt noch einmal entscheidend Tempo auf. Am 27. Juni berichtet die FAZ, die Buchmesse in Frankfurt solle künftig Teil eines alljährlichen Event-Festivals im Herbst werden, zusammen mit der zuletzt erheblich wirtschaftlich kränkelnden Musikmesse und einer Schau der Computerspiel-Branche.

Ein Dementi der Buchmesse in Frankfurt

Am 28. Juni verschickt die Buchmesse ein halbes Dementi. Es gebe keine Pläne für ein gemeinsames Event-Festival. Nicht ausgeschlossen seien allerdings „Konferenzformate, die den Austausch mit benachbarten Kreativbranchen fördern“. So könnten „wechselseitige Impulse“ gesetzt werden. Es gehe um „neue Formate“ und „Geschäftsideen“. 

Eine intern auch gegenüber der FR bereits für den 30. Juni um 10.30 Uhr angekündigte Pressekonferenz „Neue Perspektiven für die Kultur- und Kreativwirtschaft“ mit Buchmessen-Direktor Juergen Boos, Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und einem Geschäftsführer der Frankfurter Messegesellschaft wird abgesagt. Der OB ist am Sonntag nicht zu erreichen. Offenbar haben die Verantwortlichen in letzter Minute kalte Füße bekommen.

Buchmesse in Frankfurt: Es ist kompliziert

Dieser einmalige Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die schwierige Situation der Buchmesse, aber auch der Messestadt Frankfurt insgesamt. Nach dem Verlust der Internationalen Automobilmesse (IAA) Anfang 2020 sucht die Messestadt händeringend nach neuen Attraktionen. Kürzlich wurde bekannt, dass Frankfurt für Millionen Euro einen Teil der Berliner Modewoche an den Main locken wolle. 

Auch die Buchmesse überlegt, wie sie sich nach der Überwindung der Corona-Pandemie neu aufstellen will. Tatsächlich wird nach Informationen der FR intern darüber nachgedacht, die Buchmesse und die Musikmesse zur gleichen Zeit im Herbst stattfinden zu lassen. Man hofft auf eine Belebung der größten Medienschau der Welt durch die Stars des Musik-Business. Sehr skeptisch stehen vor dieser Perspektive all die, von denen die Buchmesse noch immer als Ort der Literatur, als Plattform für den Kampf um Meinungsfreiheit angesehen wird.

„Es war doch schon genug Rummel“, urteilt Demski. Auch bei anderen Autorinnen und Autoren herrscht eine Mischung aus Erstaunen und Ablehnung. „Das ist eine Entwicklung, die mich sprachlos zurücklässt“, erklärt Frank Witzel. Der Offenbacher, der für seinen Roman „Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Deutschen Buchpreis 2015 gewann, hält nichts von einer Vermischung der Branchen. „Ich gehe nicht in ein Restaurant, das Pizza, Döner und indisches Essen gleichzeitig anbietet.“ Die Frankfurter Buchmesse, findet Witzel, sollte sich stattdessen „auf ihre Kompetenzen besinnen.“

Zukunft der Buchmesse in Frankfurt: Der Börsenverein schweigt

Den Schriftsteller Bodo Kirchhoff erreicht die Nachricht in seinem Haus in Italien. „Wenn das eine Folge der Corona-Pandemie sein sollte, dann hätte ich mich lieber mit dem Virus angesteckt“, sagt der Träger des Deutschen Buchpreises 2016. Kirchhoff fürchtet „eine Art Großreinemachen“ bei der Buchmesse. Sie sei „immer der Ort für die geistigen Hauptströmungen der Gegenwart“ gewesen. Wenn sie nun glaube, durch andere Branchen künstlich beatmet werden zu müssen, „dann ist sie eigentlich schon tot“.

Gert Loschütz, der als Autor lange in Frankfurt gelebt hat und seit 2000 in Berlin arbeitet, hält Überlegungen, die Buchmesse durch andere Branchen zu beleben, für „völlig absurd“. Der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling wirft den Buchmessen-Verantwortlichen vor: „Es wird das Remmidemmi gesucht, aber das braucht die Messe nicht.“

 Der Verleger geht davon aus, dass die Entwicklung anderen Städten nutzen würde. „Wenn die Frankfurter Buchmesse absäuft, wird die Leipziger Buchmesse ihre Chance sehen.“ Auch Frank Witzel erwartet, „dass die Buchmessen in London und Leipzig davon profitieren werden.“ Eva Demski sagt: „Leipzig wird dann die letzte klassische Buchmesse in Deutschland sein.“

Buchmesse Frankfurt: „Das hat sie überhaupt nicht nötig“

Die FR hatte Buchmessen-Direktor Juergen Boos gebeten, seine Pläne für die Zukunft in einem Interview zu erläutern, doch es gab keine Antwort. Auch die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, ließ eine Anfrage der FR unbeantwortet.

Karlheinz Braun hat mit anderen zusammen 1969 in Frankfurt den Verlag der Autoren gegründet, das erste Verlagsunternehmen, das den Schreibenden gehörte. Seither ist der 87-jährige, der zuletzt mit „Herzstücke“ eine Art deutsche Verlagsgeschichte der Nachkriegszeit vorlegte, nicht nur Mit-Akteur, sondern ein aufmerksamer Beobachter der Szene. Auch er sagt: „Ich wundere mich darüber, dass der Börsenverein das mitmacht.“ Es müsse um die Buchmesse wirtschaftlich sehr schlecht bestellt sein, „wenn sie auf den Event-Trip geht.“

Peter Weidhaas, der 25 Jahre lang, von 1975 bis 2000 die Frankfurter Buchmesse als Direktor führte, hält die Annäherung an die Musikmesse und die Games-Branche für fatal. „Die Buchmesse sollte nicht hochgepeppt werden durch irgendwelche Events, das hat sie überhaupt nicht nötig“, sagt der 82-jährige.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare