+
Auf der Kasinoterrasse, Johann Niemann ist der dritte von links.

Fotosammlung

Fotos aus Sobibor: Das „deutsche Dorf“ – ein Ort des Massenmordes

  • schließen

Das erschütternde Holocaust-Buch mit Aufnahmen der Niemann-Sammlung aus Sobibor dokumentiert die Banalität des Bösen.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, das ist ein wiederkehrender Vers in dem Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan. Er hätte über den Eingang des Vernichtungslagers Sobibor in Ostpolen gepasst. Als Celan das schrieb, hatten die Nazis die Schreckensstätte unter dem Tarnbegriff „Aktion Reinhard“ (1,8 Millionen ermordeter polnischer Juden, auch Sinti und Roma) schon fast spurlos beseitigt, ihre Tötungsmaschinerie verlegt nach Treblinka. Sobibor steht für den verzweifelten Aufstand der Häftlinge 1943. Dabei konnten sie den obersten Mordbuben – Lagerkommandant Johann Niemann – töten. Seine Komplizen aber machten andernorts weiter.

Davon erzählt das druckfrische Buch „Fotos aus Sobibor“ aus dem Metropol-Verlag, „Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“. Jetzt wurde es in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin vorgestellt. Auf dem Buchdeckel ein verblasstes Foto: Ein Dorfeingang mit Büschen, über dem Hakenkreuz- und SS-Fahne wehen und das Schild „Sonderkommando“, ein gestreiftes Wachhäuschen, zwei Uniformierte, ein weißes Haus mit Holzgiebel. Der Schrecken lässt sich nicht sehen.

Übersicht über Lager I und das Vorlager im Hintergrund, Frühsommer 1943.

In dem Niemanns Witwe zugesandten Nachlass befanden sich zwei Fotoalben, die die Familie in den Nachkriegszeiten auch nicht entsorgte. Und diese Aufnahmen sowie weitere Fotos dokumentieren in beklemmend banalster Art und Weise die verlogene Karriere eines bis vor kurzem unbekannten, minutiös handelnden Überzeugungstäters, „eines todbringenden Meisters aus Deutschland“. Ein Nachfahre übergab die gesamte Sammlung von 361 Fotos, teils schon brüchig, an die Holocaust-Forschung. Er habe erklärt, wie Martin Cüppers, Mitautor des Buches, berichtet, er wolle keinen privaten Kommentar abgeben. Aber die Fotos und Dokumente sollten, das wolle er, endlich an die Öffentlichkeit kommen und aufgearbeitet werden.

Für diese Öffentlichkeit ist der späte Fund eine Sensation, ergibt sich doch so ein ganz spezieller und aufschlussreicher Einblick in die „Aktion Reinhard“, die Initiativfreudigkeit eines eiskalten Fanatikers und der weite Handlungsspielraum, den Niemann auch ohne Befehle aus Berlin hatte, als er neue Tötungsmethoden ausprobierte, etwa mit Motorabgasen.

Johann Niemann war ein Malergeselle aus Ostfriesland, der sich schon in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen, anschließend bei der „Aktion T4“, Tarnbegriff für Krankenmorde in den Euthanasie-Zentrum Grafeneck, Brandenburg und Bernburg (70 000 Tote), überaus „tüchtig“ erwiesen hatte. Im Herbst 1941 wurde er ins polnische Belzec befördert, um dort das erste der drei „Aktion Reinhard“-Lager zu errichten. In „Anerkennung seiner Dienste“ kam 1942 die nächste Beförderung: Zum Lagerkommandanten von Sobibor.

Fotos aus Sobibor.  Die Niemann- Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus. Hrsg. vom Bildungswerk Stanislaw Hantz e. V. u. der Forschungs- stelle Ludwigsburg der Uni Stuttgart. Metropol Verlag, Berlin 2020. 382 Seiten, 29 Euro.

„Das deutsche Dorf“ wurde der trügerische Ort genannt, wegen der weißen Villen, der idyllischen Einfamilien- und Bauernhäuser, der Gärten, Blumenbeete. Die Fotos, die Niemann von namenlosen Fotografen machen ließ, lügen. Sie täuschen etwas vor: Harmloses Landleben, da ist keine Halle, in der die Häftlinge zu Hunderttausenden vergast wurden, kein Krematorium, kein Massengrab zu sehen, nicht einmal ein ausgemergelter Gefangener. Nur netter Schein: die Dorf-Idylle und die launigen, alkoholreichen „Feierabend“-Zusammenkünfte der Schergen, Büttel – und Sekretärinnen – im Kasino. Die ganze Banalität des Bösen.

Da sind auch etliche Aufnahmen der Trawniki (nichtdeutsche Lagerwachen), auf dem Exerzierplatz. Eines der Fotos zeigt die uniformierte SS-Söldner-Truppe mit aufgepflanzten Gewehren, vorn Mitte einer, den die heutige Forschung, auch mit kriminaltechnischer Gesichtserkennung, wahrscheinlich als den 2011 verurteilten Wächter Iwan Demjanjuk identifizierte. Diese Entdeckung bezeichnen die Forscher und Buchautoren als überraschenden Nebeneffekt. Paradigmatisch aber sind die vergilbten Bilder aus der Sammlung des machtgeilen Niemann: wie er sich als Feldherr auf hohem Ross stilisiert oder mit SS-Bonzen posiert.

Die beredte Niemann-Sammlung ist gleichzeitig mit Vorstellung des Buches dem Archiv des US-Holocaust Memorial Museum Washington übergeben worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion