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Fortgesetztes Befremden

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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In diesem Bücherfrühling im bereits elften Jahr sowie seit sieben Romanvorgängern versetzt der gebürtige Bad Nauheimer Andreas Maier seine Leserinnen und Leser erneut in eine besondere Stimmung. In ein dahintreibendes Befinden, das jedoch „immer von Bewusstsein begleitet“ ist, wie es schon einmal hieß, wortwörtlich in „Der Ort“.

So vage in aller Regel die Lage, die Situation und die Stimmung, so verblüffend das Bewusstsein des Ich-Erzählers, das Ich-Bewusstsein der Figur Andreas. Von Anfang an eingeführt als Problemkind, als „Problemandreas“ von Kindesbeinen an, geht er nun auf Reisen. Die Stätten sind Brixen, Athen, Biarritz, das piemontesische Oulx, das ostdeutsche Weimar, manche Zwischenstation kommt hinzu.

Ausgangspunkt ist aber erneut der Ort der Kindheit und Jugend, „mein Heimatort Friedberg in der Wetterau“, wie es im zweiten Satz heißt, im Anschluss an den ersten, bereits beunruhigenden: „Die Städte kamen sich näher.“ Durch den „Autobahnzubringer“ nämlich, den Flughafen von Frankfurt, den Massentourismus, aber auch durch den alltäglichen Berufsverkehr, durch die „Ortsumgehungsstraße“. Durch Andreas Maier haben wir die Wetterau anders sehen gelernt, jetzt sehen wir durch die Andreas-Maier-Brille ein wenig von der Welt und diese mit seinen Augen, mal verdutzt, häufig aber auch mit einem bösen Blick. In Weimar „stapeln“ sich im Kulturhauptstadtjahr 1999 in der Nähe des Goethehauses die Touristen als „stillgestandene Kohorte“, die Pauschalreisenden wie „heranrückende Truppenteile“, als „Armeeteile aus aller Welt“. Immer schon, wie es an einer Stelle seines Romanzyklus bezeichnenderweise heißt, durch seine Welt „vagabundierend“, ziellos durch Bad Nauheim oder Friedberg, überhaupt die Wetterau streunend, nimmt uns der Autor als siebenjähriges Kind mit im elterlichen Mercedes-Benz nach Südtirol, als Sechzehnjähriger per Anhalter mit nach Südfrankreich, als Billigflieger vom Frankfurter Flughafen nach Athen, dort an der Seite der Eltern mit dem festen Vorsatz, für diese „so anstrengend wie möglich“ zu sein. Schon der Elfjährige erwirkte die Freistellung von der Südtiroler Ferienwohnung und konnte zu Hause bleiben: „Ich schaffte es, indem ich alle terrorisierte.“

Erpicht auch in Athen auf eine „Revolution“, verweigerte sich der Pubertierende dem, was pompös als „pangriechische Rundreise“ der Eltern bezeichnet wird – denn pompös sprechen die Erwachsenen, das Kind und der Jugendliche allerdings nicht selten auch. Antiheld in seinen Erzählungen, wurde dem Erzähler die Wetterau zu einem Antiheimatroman, den er allerdings nicht nüchtern unterlief, sondern durch wuchtige Worte aufmischen ließ. Verstörend die vorsätzliche Unförmigkeit, auch diesmal: „Landstraße, noch eine Tankstelle an der Landstraße, dann bei Florstadt auf die Autobahn, beschleunigen, der Vater tritt für mich nur als Schulterpartie in Erscheinung, sein Kopf ist von der Kopfstütze verborgen.“

Die Körper im Romanwerk Andreas Maiers machen nicht zum ersten Mal eine schlechte Figur, der Vater, die Mutter, die Schwester. Wenn in dem Zyklus ein Familienmitglied bisher einigermaßen gut abschnitt, dann der renitente Bruder, Gründungsmitglied der Grünen in Friedberg.

Nicht zum ersten Mal nimmt der Erzähler Andreas seine Leserinnen und Leser mit an der Seite eines irrlichternden Ich. Schon in „Der Ort“ berichtete der Ich-Erzähler davon, dass „an meinem achtzehnten Geburtstag dort mein Selbstmord stattfinden sollte“, dort, in der „Ockstädter Hollarkapelle“ – nun in einer Ferienwohnung von Oulx: „Im Grunde hatte ich Zeit, soviel ich wollte, um mich umzubringen.“ Das Vorhaben wird verworfen, die Werther-Stimmung bleibt präsent, anstelle der grellen Kleidung trägt der Junge einen auffällig biederen Anzug, der Plan kommt zur Wiedervorlage, wird nicht vollzogen, nicht mit einem Messer, nicht im fensterlosen Badezimmer, nicht in „Anwesenheit“ der störenden Kloschüssel. Grotesker Humor? „Um aber ein beweiskräftiges Ergebnis zu erzielen, mußte ich es schon mit Blut ausprobieren und nicht etwa bloß mit passata di pomodori.“

Die Dinge wiederholen sich, die Werther-Stimmung, die Leiden des jungen Erzählers. Andreas Maiers auf elf Bände angelegte Romanfolge ist nicht von ungefähr ein Zyklus genannt worden und ist wahrhaftig mehr als bloß eine Abfolge von bisher acht Bänden, sondern entspricht tatsächlich einer Kreisbewegung. Tempi passati? Das gilt nicht für eine zyklische Erzählweise, die immer wieder auf dieselben Motive zurückkommt, ob Verliebtsein oder Verzweifeltsein. Das Anbeten verstörend schöner Mädchen oder die Abkehr von einer verstockten (hässlichen) Erwachsenenwelt.

So emotional erstarrt Maiers Erwachsenenwelt, ist sie doch zugleich besessen – in diesem Band mobilitätsbesessen. Schon einmal probte der Erzähler den großen Aufbruch gen Süden – um in dem Roman „Die Universität“ in Butzbach zu stranden. Ob Reisen den Horizont erweitert? Eher nicht. Hier verengt es den Blick, fokussiert auf Dinge und Taten, die eine monströse Bedeutung erlangen.

Dennoch, temporäre Freunde oder Zufallsbekanntschaften überwinden größte Distanzen, bis nach Bangkok, um allerdings vor den fremden Sehenswürdigkeiten komplett zu versagen. Was da auf Fotos zu sehen ist, kann die Bekannte nicht mit Worten beschreiben. Es muss reichen, auf die Attraktion mit dem Finger zu zeigen. Man könnte sagen: Wer kennt das nicht. Man könnte von einer Trivialität sprechen, wenn nicht der Autor (Maier?) von einer gescheiterten Marrakesch-Erzählung berichtete, die Sprachlosigkeit der Figur mit seinem eigenen Scheitern konfrontierte, ohne dass wir irgendetwas über Marrakesch erführen (oder über die Erzählung selbst) – treffliche Leerstelle in einem erneut ungeheuer durchtrieben erzählten Roman. Eine Lücke umso mehr, wird doch die Leserschaft Zeuge, wie der Erzähler sich aberwitzig intensiv mit Details beschäftigt, dabei eine Gewissenhaftigkeit an den Tag legt, wie sie den Ritualen der von ihm beargwöhnten oder abgelehnten oder gehassten Erwachsenenwelt nicht fremd ist. Im Gegenteil: eminent verbissene Routinen als enorm sinnlose Rituale.

Im Land der Sehenswürdigkeiten, Griechenland, werden die Handlungen der Kellner zu einer Sehenswürdigkeit, deren lässige Eleganz, deren Kulturtechniken: „Der Barkeeper wirkte in jedem Moment so, als würde er all seine Handlungen von außen betrachten.“ Und eben dies gilt auch für den Erzähler selbst, immerzu wirkt er so, als betrachtete er eine jede seine Handlungen von außen, wie auf einer Bühne, seine Verhaltensweisen und Regungen, seine linkischen, seine merkwürdigen, seine zwanghaften.

Seine Selbstwahrnehmung ist nicht nur komisch oder grotesk: „In dieser Nacht legte ich mich völlig unruhig ins Bett“. Die Unruhe irgendwie ein Vorhaben? Ähnlich der Reiseunruhe, der Mobilitätsunruhe? Angekommen in der Ferne, ob nun als Tramp oder auf einem „Twen-Ticket“, verbleibt diese innere Unruhe, die selbst etwas mobilitätsbesessenes hat. „Die Städte“, das bedeutet eine Unstetigkeit, die sich nicht stillstellen lässt, ob als mitgereister Sohn, der sich von den Fittichen der Eltern freizumachen sucht. Oder als autonomer junger Mann, am Strand von Biarritz, mit Blick auf „Schaumgeborene“, barbusige Schweizerinnen. Doch mit einem Abenteuer wird es nix.

Zu den Bildungserlebnissen gehören Barbesuche, regelmäßig Alkoholexzesse, die aber auf Dauer eher abturnen. An den Stätten, die mal zur Grand Tour gepflegter Bildung gehörten, Griechenland, Italien, nimmt der Jugendliche zumeist nur Fades wahr, oder zum Beispiel in Rom den Mundgeruch der Nonnen. Der Erzähler kommt den Dingen und Menschen zu nah, ähnlich nah, wie der Misanthrop (Menschenfeind?) Thomas Bernhard (über den der Student Maier promovierte), auch wenn der Erzähler auf diesen Seiten mit dem „Anton Reiser“ im Gepäck auf Reisen ist, mit dem Buch mehr beschäftigt als mit der Welt.

Eine Lektüre, die die ungeheure Aufmerksamkeit und Selbstbezogenheit zu steigern vermag. Dass die Wahrnehmung nicht auf das Selbstverständliche beschränkt bleibt, zeigt die Erfahrung von Weimar – man lese Maiers Begegnung mit Nazis oder einer impertinenten Alten, die Unzufriedenheit in Person, die Verkörperung von Vorurteilen, die Vehemenz einer Pegidaperson, vor 20 Jahren bereits. Erstaunlich allerdings, dass in diesem Zusammenhang die Täterschaft der Großeltern, die Aneignung, der Raub von jüdischem Besitz, Anlass für ein intensiv inszeniertes Innehalten im Roman, „Die Familie“ (FR, 11.9.19), kein Thema ist. Das auffällige Nichtthema ist dem Verharren im Jahr 1999 geschuldet, das noch nicht das Wissenslevel jüngeren Datums erreicht hat.

Weimar, die Welt, die Wetterau. Die Wetterau ist eine Welt der Heimatentfremdung, die von dem Erzähler besuchten „Städte“ sind Schauplätze fortgesetzter Weltbefremdung. Beides kennt keinen Fortschritt, nur gesteigerte Intensität. Nicht anders als dieser Zyklus, der, wie jeder Zyklus, keinen Fortschritt kennt, nur gesteigerte Intensität, die sich verbohrt in eine Welt ohne Halt. Maiers Romanzyklus ist der bohrende Zweifel an allem, aber das alles ist nicht alles. Denn kein Verbohren ins Befremdliche ohne tiefe Verzweiflung.

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