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Felix Nussbaum auf einem Selbstbildnis von 1943.

"Felix und Felka"

Nur fort aus Europa!

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Hans Joachim Schädlich wirft in seinem Roman "Felix und Felka" Schlaglichter auf das vor den Nationalsozialisten geflohene Künstlerpaar Nussbaum.

Dem Schriftsteller Hans Joachim Schädlich wird nicht entgangen sein, dass er nur wenige Monate nach Marianne Nussbaum auf die Welt kam, die mit neun Jahren 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Ebenso – am selben Ort, im selben Jahr – wie ihre Eltern Justus Nussbaum (Jahrgang 1901) und Herta Bein-Nussbaum (Jahrgang 1910), ebenso wie ihr Onkel Felix Nussbaum (Jahrgang 1904) und seine Frau Felka Platek-Nussbaum (Jahrgang 1899), ebenso wie ihre Großeltern Philipp Nussbaum (Jahrgang 1872) und Rahel van Dyk-Nussbaum (Jahrgang 1873). 

Schädlichs neues schmales Buch bietet Stichworte dazu, jeder Satz ein Treffer, das Ganze eine Kondensation aus Wissen und Imagination, straff und hager. Das ist ein Verfahren, auf das sich der Autor schon in seinen letzten Bänden „Sire, ich eile!“ und „Ein Narrenleben“ verlassen konnte. Diesmal ergibt sich daraus aber kein Kontrast – zu einer verschlungenen  Hofsprache oder zu barocker Üppigkeit –, sondern eine gespenstische Folgerichtigkeit.

Felix sagt etwas, Felka sagt etwas, dann wartet auf der nächsten Seite womöglich schon wieder die nächste Szene. Schädlich erreicht nicht nur eine Bühnen- oder Filmhaftigkeit, er kann auch einen Abgrund an Ratlosigkeit vermitteln, ohne kommentierend eingreifen zu müssen. Die Figuren in seinem Roman sind am Ende der Dinge angelangt, die sich mit Sprache bewältigen lassen, aber ein anderes Mittel steht ihnen erst recht nicht zur Verfügung.

Felix Nussbaum, der Maler der Neuen Sachlichkeit, der von seinen Landsleuten vertriebene, gejagte und ermordete Jude, und seine Frau, die polnisch-jüdische Künstlerin Felka, sind damit beschäftigt, in der Emigration zu überleben. Sie sind zugleich mit sich, ihrer Arbeit, ihrer Ehe beschäftigt, wie Menschen es um die vierzig zu tun pflegen. In der ersten Szene sind sie noch in der Stipendiaten-Villa Massimo, eine bizarr, unwahrscheinlich wirkende Situation im Mai 1933, auch Arno Breker ist vor Ort, aber noch geht es hier fern von Berlin um Kunst – Felix wird vom Maler Hanns Hubertus von Merveldt im Streit um eine Bildidee geschlagen. „Es ist nichts Ernstes. Sie können unbesorgt sein“, sagt der Arzt. „Unbesorgt“ ist nicht das Wort der Stunde. Schädlich wird es nicht zufällig so früh platzieren in einem Buch der wachsenden Sorgen.

Felix und Felka müssen weg, aber sie können nicht zurück nach Deutschland. Sie gehen auf Reisen, an die italienische Riviera, nach Belgien. Sie sind keine Urlauber, aber jung genug und zunächst von Felix’ Vater finanziell unterstützt, um die schönen Seiten wahrzunehmen. Felix Nussbaum will malen, er malt, bald ohne Hoffnung auf Verkäufe, gar auf eine Ausstellung. Felka macht sich mehr Gedanken darüber, wie es weitergehen soll. Sie konzentriert sich auf die Unterstützung ihres Mannes, ihr eigenes Leben als Künstlerin spielt keine große Rolle mehr. Dabei kann sie damit etwas dazuverdienen. Aus Dankbarkeit malt sie das freundliche Porträt einer belgischen Helferin. Felix zeichnet eine unfreundliche Karikatur dazu. Felka weint. Die Spiele des Kränkens und Gekränktseins hören nicht auf, weil eine Lage existenziell wird. Das schreibt Schädlich nicht, das lässt er seine Figuren erfahren und sagen. 

Das ständige Umziehen zerrt an den Nerven, das Arbeitsverbot in Belgien, die Schwierigkeiten mit den Pässen und den Aufenthaltsgenehmigungen. Schädlich muss auch mit keinem Wort erwähnen, dass sich hier auch der gegenwärtige Alltag Abertausender Flüchtlinge widerspiegelt, die auf deutschen Ämtern Aufschübe, Stempel, Sondergenehmigungen einholen müssen. Dann wieder: Schnelle Hilfe, aufopferungsvolle Helfer, auch das ist möglich, auch das begegnet dem Paar. 

Unmittelbar wirkungsvoll bringt Schädlich das Allgemeine und das Individuelle zusammen. Das Schicksal des Verfolgtseins tobt sich an Felix und Felka aus, wie er durch andere Quellen regelrecht herausarbeitet. Zugleich bleiben sie eigenwillige Menschen, deren Reaktionen man bald zu erraten versucht. „Felix sagt: ,Meine Eltern sind in Gefahr. Ist da alles andere nicht unwichtig?‘ Felka sagt: ,Nein.‘“ 

Felix’ Eltern, die zunächst in die Schweiz gegangen sind, fühlen sich dort so unglücklich, dass sie sich zur Rückkehr nach Deutschland entschließen. Mit Mühe retten sie sich später (und vergebens) zu Felix’ Bruder nach Amsterdam. Das ist der entsetzliche Kern des Buches. Die Nussbaums kennen das Ende nicht, können sich keine Vorstellung vom Holocaust machen.

Das wissen sie aber nicht. Was sie wissen, ist, dass sie sich keine Vorstellung vom Leben in weiter Ferne machen können. „Aber in Belgien kennst du dich aus“, sagt Felka, als sie von Italien in den Norden zurückkehren wollen. Sie sind nicht leichtfertig, aber sie machen tödliche Fehler. „Felix sagt: ,Die Kleins haben mich übrigens nach Buffalo eingeladen. Ich will ihnen schreiben, dass mir das ein bisschen zu weit ist. Aber wenn hier in Belgien mal irgend so ein Nazi ans Ruder kommt, dann vielleicht.‘ Felka sagt: ,Das sagst du so, aber dann ist es schon zu spät. Ich kann mir Amerika auch nicht vorstellen.‘“ 

Im Traum, der sich eigentlich um Ausstellungen drehte, hat es Felix einer zugerufen: „Nur fort aus Europa!“ Aber jetzt ist er schon im Sammellager Mechelen gefangen, Felka auch. Der Kontinent Europa ist lebensgefährlich. 

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