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Heinrich Zille: Frau und Kind mit reisigbeladenem Kinderwagen. Im Hintergrund die Knobelsdorffbrücke, 1897.  

200 Jahre Fontane

Fontane-Schau im Märkischen Museum Berlin: Bilder wie Zeitmaschinen

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Das Märkische Museum in Berlin erschließt die Fontane-Zeit in Fotografien und Handschriften.

Fontane hatte hier von Anfang an ein Domizil. Als das neue Museum Am Köllnischen Park im Juni 1908 eröffnet wurde, war das Fontane-Zimmer mit dem großen Schreibtisch des Dichters ein fester Bestandteil der Dauerausstellung. „Das hat mein Alter so gewollt“, schrieb Emilie Fontane kurz vor ihrem Tod an Paul Schlenther, „damit keines der Kinder durch den Besitz dieses teuersten Erbstücks vor den anderen bevorzugt wird.“

Emilie ging bei ihrer Einschätzung wohl auch vom materiellen Wert des Schreibtisches aus, aber gemeinsam mit ihrem Ehemann hatte sie bereits 1892, sechs Jahre vor Fontanes Tod, darüber befunden, dass eine Nachlasskommission über den Verbleib der nicht publizierten Schriften entscheiden solle. Und so finden sich viele Manuskripte Theodor Fontanes, der die Besucher des Hauses in Gestalt der Kopie eines Denkmals des Bildhauers Max Klein begrüßt, ebenfalls in dem geräumigen Haus am Märkischen Ufer.

Anders als die große Leitausstellung in Fontanes Geburtsstadt Neuruppin, die den Dichter zu dessen 200. Geburtstag mit digitaler Museumsdidaktik zu Leibe rückt, nähert sich das Märkische Museum Fontane über die Aura des Originals. Handschriften, Schreibutensilien, Mobiliar. Ob er mit der Präsentation wohl zufrieden gewesen wäre?

Hermann Rückwardt: Kaiser-Wilhelm-Brücke im Bau, 1887.  

Vorübergehend hatte Fontane mit der Rolle eines Museumsdirektors geliebäugelt. „Es würde mich glücklich machen, mit einer solchen Aufgabe betraut zu werden“, schrieb er an Mathilde von Rohr, „habe ich doch hier das Gefühl: das könnt‘ ich.“ Die kurze Zeit vom März bis Oktober 1876 hat ihn dann im Amt des Ersten Sekretärs der Akademie der Künste aber schnell von der Aussicht auf eine Karriere im Staatsdienst kuriert. Fontane blieb freier Schriftsteller, und viele Exponate der Ausstellung zeigen, dass er dabei bisweilen wie ein Konzeptkünstler vorging, der lange vor der Erfindung elektronischer Schreibgeräte beflissen Textbausteine arrangierte. Die innovative Modernität Fontanes ist neuerdings vor allem über sein digital erschlossenes Notizbuch zu entdecken, das einerseits als kalligraphisches Kleinod erscheint, aber auch sprachlichen Witz und Experimentierfreudigkeit zur Geltung bringt.

Das Märkische Museum hingegen lädt ein zum kontemplativen Schauen. Der Berliner Fotograf Lorenz Kienzle hat sich immer wieder mit Fontane befasst und die Topografie Berlins, wie sie sich in den Romanen finden lässt, mit der Gegenwart abgeglichen. So liest man in „Irrungen, Wirrungen“: „Von den Kähnen her blaffte dann und wann ein Spitz, und ein dünner Rauch, weil Mittag war, stieg aus dem kleinen Kajütenschornstein auf.“

Lorenz Kienzle: Maientage in der Hasenheide, 2019. 

Die dazugehörige Fotografie aus dem Jahr 2002 zeigt den Landwehrkanal an der Schleuseninsel, und Lorenz Kienzles Fontane-Zyklus verweist insgesamt auf eine Gegenwart des brandenburgischen Dichters im heutigen Berlin, die, wenn man sie tatsächlich sucht, sehr leicht aufzufinden ist.

Die allzu oft verkannte Stärke des trutzig daherkommenden Märkischen Museums besteht jedoch in der Präsentation eines verschwundenen Berlins. Fontane mag allgegenwärtig sein, die räumliche Gestalt seiner Zeit muss man erst freilegen.

Märkisches Museum,   Berlin: bis 5. Januar. www.stadtmuseum.de

Die Ausstellung liefert dazu ehrfürchtig blasses, aber dadurch nicht weniger beeindruckendes Bildmaterial. Die Fotografische Sammlung des Märkischen Museums enthält Werke einer 145-jährigen Sammeltätigkeit und umfasst heute mehr als eine Million Bilder. Eines der ersten stammt von dem Fotografen Leopold Ahrendts, es zeigt die Grundsteinlegung des Berliner Rathauses im Jahre 1861. Vor den Fotografien ist man versucht, an die Existenz einer Zeitmaschine zu glauben. Der Blick in die Fotosammlung verrät aber auch, dass die jeweiligen Fotografen bald nach der Entstehung ihrer Kunst individuelle Handschriften für ihre Stadtbetrachtung entwickelten.

Aus der Zusammenstellung geht ein äußerst dichtes, aber auch sehr frisches Bild der Berliner Architekturgeschichte hervor, die sich mancherorts gerade erst zu entwickeln begann. Neben den Arbeiten von Ahrendts sind Stadtansichten von Georg Bartels, Hugo von Hagen, Otto Rau und anderen zu sehen. Einzige Frau in dieser illustren Riege ist Marie Panckow, die nach dem Tod ihres Mannes Adolph Panckow ab 1870 das Photographische Kunst und Verlags-Institut in der Friedrichstraße 207 führte.

Das Märkische Museum dockt mit dieser Ausstellung an das Fontane-Jubiläum an und macht über die bloße Reverenz für den Dichter hinaus auf die herausragende Bedeutung des Bewahrens und Aufbewahrens für die Stadtgeschichte aufmerksam.

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