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Theodor-Fontane-Denkmal in Neuruppin.

Theodor Fontane

„Effi Briest“: Die Handlung, die ihr Leben ist

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Der Schauspieler Peter Schröder liest im Frankfurter Schauspiel Theodor Fontanes „Effi Briest“.

Auch wieder ein Abend, bei dem man dabei gewesen sein will. Das war aber vielen offenbar schon klar, und nicht alle passten in den Raum. In den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels las Ensemblemitglied Peter Schröder zwei Stunden lang aus Theodor Fontanes „Effi Briest“, ein verspäteter Gruß zum 200. Geburtstag, und zwar so, dass es Grund zum Lachen und Weinen gab, ernsthaft.

Peter Schröder hat eine eigene Art, dezent hinter einem Text zu verschwinden und ihm doch wie gegen seinen Willen eine starke Prägung zu geben. Bei manchem Solo auch in Frankfurt hat er das schon vorgeführt, wie das möglichst Wortreiche ihm überhaupt zu liegen scheint. Bei ihm wirkt es eigentlich auch nie geschwätzig oder theoretisch. Worte sind nicht mehr und nicht weniger als das schärfste, präziseste, allerdings unter Umständen auch fieseste Mittel zur Verständigung unter Menschen.

Sonderbar und wunderschön ist zum Beispiel gleich am Anfang, wie er die plapperige Stimmung unter den Mädchen einfängt, die 17-jährige Effi und ein paar Freundinnen, für die Schröder an seinem Tischchen elfenhafte Gesten hat und so ein Lächeln zum arglosen Augenaufschlag. Der arglose Augenaufschlag könnte penetrant sein, ist es aber nicht. Das ist weder lächerlich noch der Versuch eines älteren Mannes, eine sehr junge Frau zu imitieren. Schröder spielt das auch nicht im engeren Sinne, es sind lediglich die unmittelbar richtigen Bewegungen zu den Wörtern. Wie anders nachher, wenn die Herrn von Innstetten und Crampas sich zum Duell treffen. Innstetten, einen der Unsympathen der Weltliteratur, lässt Schröder durchaus bedauernswert erscheinen – nur ist er so stumpf, so anders als Effi. Das sind nun also erwachsene Männer unter sich, und da hat Schröder kein Lächeln mehr übrig. Aus der menschgemachten Tragik der Situation macht er kein Hehl, das Idiotische daran schwingt sanft und unerbittlich mit.

Schröders Erzählerstimme kommentiert wie die Fontanes nicht direkt, bleibt aber nicht kühl, ist überhaupt nie kühl. Das ist vielleicht das Besondere an diesem Abend: Schröder demonstriert einerseits Ironie und einen ausgeprägten Sinn für Schönheit und Macht der Sprache. Und doch zeigt sich zugleich ein fabelhafter Mangel an Distanz. Hier ist kein sonorer Vorleser am Werk, der zwischendurch den handelnden Figuren eine Stimme gibt, hier ist alles bloß immer einen Millimeter von der Handlung und von den Menschen entfernt, deren Leben diese Handlung ist. Das gilt für keinen so wie für Effi Briest, Schröder ist Effi Briest. Das kann nur ein Schauspieler.

Ein weiterer Vorteil: dass Schröder auch ein Leser ist. Dazu passt die kluge Textauswahl, die viel weglässt und stattdessen Zeit hat, die gewählten Szenen ausführlich zur Wirkung zu bringen. Dazwischen etwas Klaviermusik (Chopin) vom Band, aber fast absurd wenig. Das Publikum hängt an Schröders Lippen. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu unterhalten, aber am Ende wollen wir eine gute Geschichte hören, vom Leben etwas mitbekommen.

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