Literatur

Flug der Zugvögel

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Francois Cheng denkt in seinem neuen Buch über die "Schönheit der Seele" nach.

Die Seele, von der man meinen könnte, dass sie inzwischen aus der Mode gekommen ist, hat durchaus (noch) ihre Verehrer, die sich, im Rahmen anerkennenswerter Mutmaßungen, bestätigt fühlen dürfen. Sogar vonseiten der Naturwissenschaft gab es, wenn auch nur in einem Minderheitsvotum festgehalten, höchste Anerkennung: „Da unsere erlebte Einmaligkeit mit materialistischen Lösungsvorschlägen nicht zu erklären ist“, befand der Neurophysiologe und Nobelpreisträger John Eccles, „bin ich gezwungen, die Einmaligkeit des Selbst oder der Seele auf eine übernatürliche spirituelle Schöpfung zurückzuführen. (…) Es ist die Gewissheit des inneren Kerns der einmaligen Individualität, welche die göttliche Schöpfung notwendig macht.“ 

Dem kann auch der französische Dichter und Philosoph Francois Cheng (Jg. 1929) zustimmen, der seit Jahren wundersame Werke schreibt, die wie aus der Zeit gefallen anmuten. Cheng, ein Poet von Format, der den Zuspruch der Erinnerung schätzt, denkt in seinem neuen Buch „Über die Schönheit der Seele“ nach. Anlass dafür ist der Brief einer „wiedergefundenen Freundin“, die ihm irgendwann abhanden kam, ohne dass sich ein wirklicher Grund dafür benennen ließ. Vergessen aber war sie nie: „Wir waren jung – Sie noch viel jünger als ich, und wir begegneten uns in der U-Bahn. Ich saß auf einem Klappsitz, Sie saßen auf dem gegenüberliegenden. Fasziniert fragte ich mich: ‚Woher kommt diese Schönheit? Wie ist es möglich, dass es diese Schönheit gibt?‘“

Tatsächlich wird Schönheit gegeben, so wie auch anderes gegeben wird, letztlich und vor allem das Leben selbst, das, unabhängig von persönlichen Umständen, auf einen Generalunternehmer verweist, den wir, dankenswerterweise, nicht kennen. Zu Beginn des Briefwechsels, den Cheng aufnimmt, steht eine Bitte: „Spät in meinem Leben“, schreibt die wiedergefundene Freundin, „entdecke ich, dass ich eine Seele habe. (…) Inzwischen habe ich mehrere Ihrer Schriften gelesen, und heute bin ich ganz Ohr. Sind Sie einverstanden, mir von der Seele zu erzählen? Mir scheint, von da aus würde alles wieder wichtig und offen.“ 

In der Liebe von einst ist eine Bestandsgarantie enthalten, die tiefer reicht als die Gedächtnisbilder früherer Leidenschaftlichkeit. Chengs Briefe benennen den Grund dafür; zunächst eher zufällig abgerufen, steigern sie sich, werden zu Dokumenten zeitloser Weisheit und unaufdringlichen Nachdenkens. Dabei erweist sich die Seele, von der man gar nicht groß genug denken kann, als das eigentlich Bleibende: „Da sie für die Einzigartigkeit eines jeden Wesens steht, ist sie dank ihrem besten Teil das unersetzliche Geschenk, das jeder in diesen …Lebensstrom einbringen kann, um so einen Beitrag zu dessen Möglichkeiten der Wandlung und Verklärung zu leisten.“ 

Einmal inspiriert, lässt sich Cheng zur Begeisterung hinreißen, und der Leser, so er denn nicht von neuzeitlichen Stimmungsdämpfern ruhiggestellt wurde, vermag ihm zu folgen: „Der ganze Sternenhimmel …, die ganze Pracht des Tagesanbruchs und des Abends, die ganze Herrlichkeit des Frühlings und des Herbstes, der ganze das Universum beseelende Hauch, der im Flug der Zugvögel mitschwingt, all die hohen menschlichen Lieder, die aus dem Tal der Tränen aufsteigen, all das bildet ein Hier und Jetzt, worin sich die Ewigkeit sammelt. Dieses Hier und Jetzt kann nur ausstrahlen, erblühen lassen und Früchte tragen, Echo und Einklang erzeugen und dadurch all seinen Sinn erhalten, wenn es von einer Seele erlebt wird.“

Francois Cheng hat ein berührendes, sehr zu empfehlendes Buch geschrieben, das den Leser, gerade auch den, der es sich heimlich angewöhnt hat, das Meiste besser zu wissen, auf eine Reise mitnimmt, die ihn in den Weltinnenraum führt. Dort kann man Ruhe finden; man kann sich aber auch berufen fühlen, in einer Weise demütig zu werden, die mit solidem Selbstbewusstsein durchaus vereinbar ist. Trotzdem bleibt, auch nach der Lektüre von Chengs Meditationen, die Frage: Wie halten wir es heute mit der Seele? Als Begriff ist sie eher randständig geworden, macht aber in ihrer zeitgemäßen Variante, der Psyche, noch sehr wohl auf sich aufmerksam und muss es sich sogar gefallen lassen, dass man in ihrem Namen gern unaufgefordert „psychologisiert“. 

Unsere Lebensverhältnisse sind entsprechend: Sie lassen es zu, dass der Einzelne, der machtpolitisch nicht viel gilt, eine Selbstinszenierung betreibt, für die ein tragfähiger Resonanzboden fehlt: Scheinwirklichkeiten sind die Folge, die Gesellschaft wird, ohne es wahrhaben zu wollen, an entscheidenden Schnittstellen „seelenlos“. Für die Seele gilt indes ein variabel handhabbarer Satz des Schriftstellers Robert Walser, der sich ein Leben lang zu wachsamer Naivität anhielt: „Was nicht anwesend ist“, schrieb er, „ist es manchmal dadurch gerade sehr“. Die Seele, in der wir das Persönlichste des Menschen vermuten, ist anwesend, auch wenn sie durch Abwesenheit glänzt. 

Sie lässt sich sogar, wenn’s denn sein soll, zur Seelenarbeit überreden, die man sich, im gelungenen Fall, nicht unbedingt als Mühsal vorstellen muss, sondern als Spiel ohne Grenzen, das auf alles setzt, was uns lieb und teuer ist. Am Ende kommen wir, möglicherweise, wieder dahin, wo schon Augustinus war und sich staunend umgesehen hat. „Ich, die Seele“, notierte er und meinte damit jene wunderbare Gewissheit, die den Menschen erfüllt, wenn er seiner selbst gewahr wird und sich einer Welt gegenübersieht, die seinem Empfinden, in unendlich reicher Spiegelung, entspricht. Joseph von Eichendorff hat darüber eines seiner schönsten Gedichte geschrieben: „Es war, als hätt der Himmel/ Die Erde still geküßt, / Daß sie im Blütenschimmer / Von ihm nun träumen müßt. / – Die Luft ging durch die Felder, / Die Ähren wogten sacht,/ Es rauschten leis die Wälder, / So sternklar war die Nacht. / – Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus,/ Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.“

Wo aber fliegt sie hin, die Seele, wenn sie denn fliegt? Wirklich nach Haus? Oder gar mitten hinein ins Ewige Leben, das vielen als letzte Heimstatt gilt? Da ist Skepsis erlaubt, ja sogar dringend erwünscht. Der Ethnologe und Philosoph Hans-Peter Duerr hat dazu Passendes gesagt: „Einmal abgesehen davon, dass es kein Erlebnis geben kann, dass uns ein ewiges Leben beweist, bleibt natürlich die Frage, ob ein solches Leben ohne Ende überhaupt wünschenswert wäre“ oder uns nicht eher „eine unendliche Langeweile bescherte“. 

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