+
Juli Zeh kennt und sucht den Widerstand.

Juli Zeh

Flüchtende Freiberufler

  • schließen

Wie beim Abhaken einer Liste: In ihrem Roman "Leere Herzen" erzählt Juli Zeh etwas formelhaft aus der nahen Zukunft.

Den Titel ihres neuen Romans „Leere Herzen“ zitiert Juli Zeh, so gibt sie vor, aus einem Popsong. Veröffentlicht wurde er 2025. Der Roman ist also in einer nicht sehr fernen Zukunft angesiedelt. Auf Brexit folgten Frexit und Free Flandern (hübsche Idee), nach der zweiten Finanzkrise verlassen die Freiberufler Prenzlauer Berg in Scharen (auch hübsch), Trump und Putin haben den Syrien-Krieg beendet (mehr als hübsch). 

Wenn Zeh dann schreibt, dass die Besorgte-Bürger-Bewegung „eine demokratische Errungenschaft nach der anderen“ abbaut, lässt diese BBB an die AfD denken. Auch die Ausbreitung arabischer Läden in deutschen Innenstädten wurde gestoppt. Dies sei eine Leistung der Bundeskanzlerin Regula Freyer „mit ihren eng anliegenden Hosen und schnittigen Frisuren“. Frauke Petry hat offenbar Modell gestanden – und so die Welt des Romans auf einen anderen Weg gebracht, als Michel Houellebecq ihn in „Unterwerfung“ vorführt. In seiner Zukunftsvision von Frankreich regiert der Islam. 

Unsicheres gesellschaftliches Fundament als Basis

Juli Zeh sucht immer schon die Reibung, sie kennt sich aus mit Widerstand. Ihre Romane und Theaterstücke spielen üblicherweise in unserer Gegenwart. Sie hält ihre literarische Sprache frei von den engen Vorgaben ihres ersten Berufs als Juristin, wie in ihrem bilderreichen Physiker-Roman „Schilf“. Sie provoziert in Beziehungen gern mit Worten – in Paaren wie bei „Nullzeit“, im Abhängigkeitsverhältnis der Schule wie bei „Spieltrieb“. Ihr Glanzstück heißt „Unterleuten“, ein vielstimmiger Gesellschaftsroman, der das Leben in der (ost)deutschen Provinz wie mit Filmscheinwerfern zeigt: In lebendigen Szenen, realitätsnah, geschichtsbewusst und faszinierend geschachtelt. Das Buch war wie wenige heutzutage über Monate im Gespräch. Darauf folgt nun „Leere Herzen“. 

Juli Zeh ist auch eine engagierte Autorin. Sie setzte sich in Deutschland an die Spitze der Bewegung, die im Sommer 2013 auf die Enthüllungen Edward Snowdens reagierte. Und sie musste erfahren, dass an den entscheidenden Stellen weder ihr offener Brief an die Kanzlerin noch der Aufruf von mehr als tausend Autoren gegen Massenüberwachung Wirkung zeigten. Auf diesem unsicheren gesellschaftlichen Fundament steht nun der neue Roman.

Leider macht schon der Anfang schlechte Laune. Denn das da beschriebene Treffen zweier Paare mit wohlerzogenen Töchtern ist so von Eltern-Klischees und Wohlstandsgeplapper durchzogen, dass die wenigen originellen Formulierungen unter Formeln ersticken. Die Satire zeigt die Botschaften an den Leser-Litfaßsäulen deutlich. So hört man von den mit Elektronik-Spielzeug beschäftigten Kindern jubelnd das Wort „Kollateralschaden!“, und der Theaterautor Knut hat „nicht verstanden, dass Politik wie das Wetter ist: Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht“. Britta hingegen, Chefin eines kleinen effizienten Unternehmens, benutzt die politische Großwetterlage für die eigene Arbeit. 

Gedankengerüst der Autorin steht zu oft unverputzt herum

Was für eine Firma Britta leitet, enthält Sprengstoff im Doppelsinn: Ihr Unternehmen „Brücke“ führt Selbstmörder einem Zweck zu und verdient daran. Britta denkt stolz: „Wer heutzutage einen Attentäter braucht, muss nicht mehr auf verblendete Djihadisten mit narzisstischer Störung zurückgreifen, nicht auf halbe Kinder mit Waffen-Fetisch oder auf Psychopathen, die Ausländer und Frauen hassen. Sondern bekommt einen professionell ausgebildeten, auf Herz und Nieren geprüften Märtyrer, der für eine höhere Sache sterben will.“ Welche Stufen ein Selbstmordinteressent durchlaufen muss, um ein guter Attentäter für politische, ökologische oder soziale Zwecke zu sein, wird fix, doch ziemlich hölzern erzählt. 

Bei dem, was nebenher passiert, drängt sich der Eindruck auf, Zeh arbeite eine Liste von Bedrohungen ab, die heute noch relativ klein, im dystopischen Roman aber schlimme Wirklichkeit sind. Da sind das Darknet, die Meinungsmanipulation, die Überwachung der Kommunikation, die Macht der Lobbyisten ... Und dann sieht die Chefin in einer jüngeren gutaussehenden Frau eine Feindin, obwohl diese bloß ins Selbstmörder-Programm aufgenommen werden will.

Eine erfolgreiche Geschäftsidee ruft natürlich Konkurrenten auf den Plan. Im Kampf gegen diese verlässt Juli Zeh das schlichte Erzählprogramm, um Brittas Ratlosigkeit mit Humor aufzuwerten und die Spannung mit Action-Szenen anzutreiben. Doch viel zu oft steht das Gedankengerüst der Autorin unverputzt vor den Leseraugen herum. „Da. So seid ihr“, heißt es auf der allerersten Seite wie ein Motto. Überdeutlich leuchtet die Botschaft, dass alles immer schlimmer wird, wenn wir selbst nichts tun, hinter den Dialogen vor. Als wäre „Leere Herzen“ nur die Vorstudie zu einem Roman.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion