+
Vertrocknete Mandelbäume im dürren Kalifornien. REUTERS/Lucy Nicholson

Claire Vaye Watkins „Gold Ruhm Zitrus“

Flucht in die Erleuchtung

Claire Vaye Watkins’ dystopischer Roman erzählt vom Ende der Zivilisation im verdörrten Kalifornien - düster-apokalyptisch zieht die Wüste verwirrte Menschen in ihren Bann.

Von Sabine Vogel

Die Pools von Hollywood sind ausgetrocknet, die Designer-Kacheln bröseln von den Wänden, Kalifornien ist eine Wüste. Brüllheiße Sand- und Gerölldünen schieben sich unaufhaltsam voran und begraben den Tand der Städt. In den verlassenen Villen der Stars haben sich ein paar Verlorene eingenistet, die den Transporten der Regierung in Notlager entkommen sind. Luz, ein Model mit mexikanischem Hintern und vorstehenden Zähnen, und Ray, Surfertyp und (Irak-?)Kriegsveteran haben sich zusammengetan. Müder Sex gegen das langweilige, dahinbrütende Weltende.

Bei einem „Regentanz“, einer Wüstenparty voll Drogen und Musikgedröhn in einem ausgetrockneten Kanalsystem, nimmt das Paar ein kleines Mädchen mit einem komisch geformten Kopf zu sich. Mit einem Cabrio und einem Haufen Hermes-Schals als Babywindeln brechen sie auf, irgendwo muss es grüne Wiesen geben, bald ist der Sprit alle. Ray verschwindet im Flirren der Wüste, Luz und das Kind werden kurz vorm Verdursten von Levi gefunden.

Das ist der charismatische Anführer einer Kommune aus versprengten Prostituierten, Aussteigern, Althippies, Erleuchteten und Verschwörungstheoretikern in einem Mad-max-artigen Camp aus Wohnwagenschrott mit Solarenergie, das mit dem Vordringen der Wüste immer weiter zieht. Merkwürdigerweise gelingt es dem ehemaligen Wissenschaftler Levi immer noch, Wasservorräte und Frischgemüse heranzuschaffen.

Beeindruckt von Levis spirituellem Heiligenschein, seiner alternativen Natur-Philosophie und seiner abgefahrenem Kosmologie unterwirft Luz sich gefügig und reiht sich in seinen Harem ein. Als Ray, der Soldat, jedoch überraschend wie eine halluzinatorische Erscheinung aus dem Dünenmeer wieder auftaucht, spitzt sich die Situation zu. Ray hatte monatelang als Gefangener diktatorischer Machthaber in einem apokalyptischen Bergwerkstollen überlebt, in dem mutierte Bewohner Atommüll einlagerten. Ist die ganze Amargosa-Wüste etwa ein künstliches Desaster-Projekt der amerikanischen Regierung?

Der sektiererische Anführer Levi Zabriski ist nicht nur eine Anspielung an Antonionis im Death Valley spielenden Film „Zabriskie Point“, er lässt auch das Bild von Charles Manson aufglühen: Der Musiker Paul Watkins, der eine Zeit lang zu Mansons Family gehörte, ist der Vater der 1984 im Death Valley geborenen Autorin Claire Vaye Watkins. Von ihrer Mutter und den Geistern der Erinnerung erzählte Watkins bereits in ihren grandiosen Debütstories „Geister, Cowboys“.

In ihrem Roman „Gold Ruhm Zitrus“, so benannt nach der oberflächlichen Gier der „Mojavs“, der trashig-heimatlosen Besiedler der Mojave-Wüste, verdichtet Watkins ihre Wüsten zu einer vor Hitze und Fantasmagorien flirrenden Geschichte, in der die Wüste als universeller Sehnsuchtsort der Liebenden und der Verlorenen in ihrer tödlichen Schönheit aufleuchtet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion