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Der Fluch der Schokolade

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Die Schriftstellerin Nino Haratischwili.
Die Schriftstellerin Nino Haratischwili. © dpa

Das Epos des deutschsprachigen Bücherherbstes: Nino Haratischwili erzählt in ihrem Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ mit eindrucksvoll langem Atem von der Geschichte einer georgischen Familie.

Dass der gefürchtete sowjetische Geheimdienstchef Lawrenti Beria (1953 hingerichtet) über eine Tasse heißer Schokolade stolperte, konnte man bisher nicht wissen. Nun erfahren wir: Der Fluch des nach Geheimrezept hergestellten extrem schmackhaften Getränks kann dieses einzige Mal gezielt gegen einen Verbrecher eingesetzt werden.

Christine, von Beria – dessen Name im Roman nicht fällt, aber leicht zu erraten ist – zugrunde gerichtet, serviert es ihm. Sie muss nicht mehr lange auf seine Verhaftung warten.

Kurz zuvor ist Stalin gestorben, Christine fordert das Schicksal nicht übermäßig heraus, die Machtverhältnisse verschieben sich. Während die Sowjetunion in hysterische Kollektivtrauer verfällt (aber Christine nicht, Christine sucht das Schokoladenrezept heraus), tanzt „in der gleichen Welt“ Nichte Kitty durch Londons Straßen, klatscht Beifall und zählt die Namen der Opfer auf.

Das deutschsprachige Epos der Herbstsaison, das (erste) Opus Magnum einer knapp über Dreißigjährigen erzählt von Geschichten, die noch selten gut ausgingen. Der Triumph, dem Mörder von Menschen und Glück ein verfluchtes Heißgetränk zu reichen oder durch London zu hüpfen, weil man einen noch größeren Mörder überlebt hat, ist schal.

Der einzige Witz, der hier erzählt wird, ist so entsetzlich, dass man ihn nicht wiederholen möchte. Auch die Erzählerin lässt noch Hunderte Seiten verstreichen, nachdem sie ihn angekündigt hat.

Ja, die Erzählerin hat einen langen Atem. Und neben vielem anderen lernt man auch das in diesem Buch: Dass ein langer Atem nicht dasselbe ist, wie ganz viel zu schreiben. Der dritte Roman der 1983 in Georgien geborenen, in Hamburg lebenden Schriftstellerin und Dramatikerin Nino Haratischwili trägt den nur auf den ersten Blick umständlichen Titel „Das achte Leben (Für Brilka)“ und ist ein Meisterstück souveräner, dabei ungezwungen wirkender Dramaturgie. Diese entwickelt sich wie das Leben, unmerklich geht es von einer Generation zur nächsten, von einem Drama zum nächsten.

Haratischwili lässt die Erzählerin mit den Anfangssätzen zu einer so vielseitigen Geschichte kokett hadern, während sie doch schon unversehens hineingleitet, und wir mit ihr. Im Mittelpunkt steht eine georgische Familie in Tbilissi. Um 1900 setzt die Handlung ein, gerade noch führt der letzte Schokoladenfabrikant ein melancholisch bürgerliches Haus.

Ein haarsträubendes Jahrhundert

Über die Generationen setzt sie sich bis 2007 fort und durchschreitet damit ein haarsträubendes Jahrhundert: die Revolution, die nicht lange wartet, bis sie anfängt, ihre Kinder zu fressen; der beginnende Stalinismus, dessen Namensgeber sich schaurig von der Seite in den Roman schleicht; die Verheerungen des „Großen Vaterländischen Krieg“, für den Haratischwili einen Teil ihres beträchtlichen Figurenarsenals an dramatische Schauplätze verbracht hat. Schließlich die bleierne Zeit des Kalten Krieges, die nahende Wende, die katastrophale Wirtschaftssituation im schwelenden / brodelnden Bürgerkrieg.

Ein immens dichtes, fesselndes Netz knüpft die Autorin. Und so kunstvoll natürlich, dass es selbstverständlich wirkt, wenn bald wie in einem Brennglas zusammentreffen: der fanatische Superkommunist, die Dissidentin der ersten Stunde, der aufmüpfige georgische Nationalist. Tatsächlich gerät Haratischwili nie in eine Geschichtsstunde – obwohl sie gepflegt erzählt, was sonst noch geschah – oder Typisierung. Die Kunst, Menschen aus Fleisch und Blut zu erdenken, oft unterschätzt, beherrscht sie wie ein nicht sehr lieber Gott.

Frauen regieren nicht, aber sie dominieren das von den Zeiten auseinander gefetzte Familienleben. Stasia, Christines Schwester, hat zwei Kinder: Kostja, den tyrannischen Superkommunisten, und Kitty, die sich in den pubertären Andro verliebt, aufgenommenes Kind einer ins Lager Verschleppten. Eine der Geschichten, die schlimm enden werden. Die immer wieder schlimm enden werden. Auch noch die Kinder von Kostja und Andro werden sich Schaden zufügen, wissentlich, unwissentlich.

Kitty wird nach London gehen und dort in den sechziger Jahren eine berühmte Sängerin werden, heute würde man sagen Singer/Songwriter. Sie, der geschehen ist, was einem Menschen nicht geschehen darf, und die Stalins Tod bejubelt, wird ihr Unglück trotzdem nicht überleben. Vielleicht ist noch einmal Kostja Schuld daran (Kostja, der seinerseits eine Frau liebt, die er dennoch verlassen hat, was er sich nie verzeiht).

Ist die im Faustischen Sinne verführerische Familienschokolade – „Alles war, wie es sein sollte, sobald man diese Schokolade kostete“ – einer der schwarzen Fäden des Romans, so bilden Verrat und maßloser Hass einen anderen.

Wenn in „Das achte Leben“ eine Figur als „Frau aus der Hölle“ bezeichnet wird, so ist das keine Übertreibung. Die Grausamkeit des Systems und des Einzelnen gehen Hand in Hand, Markenzeichen eines Terrorregimes.

Haratischwili setzt dabei schaurige Pointen, inhaltlich und formal. Während Kostja erneut gnadenlos gegen einen verhassten Sohn Andros intrigiert (und Intrigen sind hier nicht karrierehemmend, sondern tödlich), zitiert sie aus der „Sowjetischen Hymne“: „Im Sieg der unsterblichen Idee des Kommunismus sehen wir die Zukunft unseres Landes, und dem roten Banner des ruhmreichen Vaterlandes bleiben wir immer grenzenlos treu“.

Jeder Erzählabschnitt wird von einem Zitat eingeleitet, Zynisches, Groteskes, Poetisches. „Das achte Leben“ besteht aus acht „Büchern“, von denen das letzte nurmehr aus allerbesten Gründen einige leere Seiten hat. Sie sind „Für Brilka“, zwölf Jahre alt, die sich nach der Jahrtausendwende in Amsterdam von ihrer auf Tournee befindlichen Tanztruppe absetzt. Die Erzählerin Niza, Stasias Urgroßnichte, Kostjas Enkeltochter, Kittys Nichte und Brilkas Tante, lebt in Berlin und soll die Entsprungene aufgreifen.

Für sie wird Niza auf die Suche nach ihrer gemeinsamen Familiengeschichte gehen, für sie alles aufschreiben, für sie hinten Seiten freilassen. Man bekommt mit, dass Niza tüchtig recherchiert, aber sie erklärt auch: „Die Vermutung ist das, was erzählenswert ist, nicht die Gewissheit.“

Sie, wie viele Töchter der Familie Opfer von Gewalt, ist hochbegabt, aber ziellos. Sie schreibt und sie spielt: Als glänzende Pokerspielerin verdient sie sich in allen Hinterzimmern der von ihr bereisten europäischen Welt ihren Unterhalt.

Als Erzählerin hat sie es eilig. Das merkt man sprachlich manchmal. Und große Worte scheut sie nicht. Es ist unmöglich, ihr das zu verübeln. Hier geht es ums Leben.

Brilka aber, das zeichnet sich ab, wird mit dem Fluch der Schokolade fertig werden. Außerdem isst sie ohnehin nichts, was eine braune Farbe hat. Dass die Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf den Schultern einer magisch denkenden, zwanghaften Zwölfjährigen liegen sollte, ist völlig verrückt, aber auch wunderbar.

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