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Die Dagongmei, die Wanderarbeiterinnen, waren in China für den Aufstieg unabdingbar. Die junge Soziologin Pun sammelt Eindrücke aus dem Leben derer, auf deren Rücken sich China zur Weltmacht aufschwang.
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Die Dagongmei, die Wanderarbeiterinnen, waren in China für den Aufstieg unabdingbar. Die junge Soziologin Pun sammelt Eindrücke aus dem Leben derer, auf deren Rücken sich China zur Weltmacht aufschwang.

"Dagongmei"

Am Fließband der Welt

Die Dagongmei, die Wanderarbeiterinnen, waren in China für den Aufstieg unabdingbar. Die junge Soziologin Pun sammelt Eindrücke aus dem Leben derer, auf deren Rücken sich China zur Weltmacht aufschwang.

Von MATTHIAS-MARTIN BECKER

Bei der Olympiade präsentiert die Nation stolz ihren wirtschaftlichen Erfolg und politischen Einfluss - der letzte, eigentlich überflüssige Beleg, dass China Weltmacht ist. Dieser Aufstieg wäre nicht möglich gewesen ohne die schätzungsweise 150 bis 200 Millionen Wanderarbeiter vom Land. Ein großer Teil von ihnen sind Frauen, "Dagongmei" (arbeitende Schwestern). Als Teenager verlassen sie ihre Dörfer und ziehen in die Städte an der Küste, nicht nur von der Not getrieben, sondern auch angezogen von einem freieren, "modernen" Leben. Sie sind es, die "das Fließband der Welt" am Laufen halten. Man ahnt ihre Existenz; irgendwer muss die Waren schließlich herstellen, bevor sie bei uns in den Regalen bereitliegen. Aber wer ist das eigentlich, der da auf der anderen Seite der Welt schuftet?

Zum Beispiel A'xiu: "Ich hatte die Stelle erst zwei Tage, als die Maschine eine Störung hatte. Sie zerfetzte meinen Finger. Unablässig floss Blut. Niemand aus meiner Familie war bei mir, deshalb befolgte ich einfach, was die Geschäftsleitung mir geraten hatte, und ließ den Finger amputieren. Ich dachte, jetzt ist alles gelaufen. Was konnte ich mit der verstümmelten Hand noch anfangen? Meine Eltern und die Nachbarn zu Hause hatten mich vorher sehr gemocht. Bei der Suche nach einem Mann hatte ich die Wahl gehabt. Das war jetzt anders. Es war gar nicht daran zu denken, dass ich mir jetzt noch jemanden hätte aussuchen können."

Nicht alle Geschichten sind von so brutaler Deutlichkeit, aber alle zeigen, wie widersprüchlich die Wanderarbeiterinnen den gegenwärtigen epochalen Umbruch erleben. Die junge Soziologin Pun Ngai aus Hongkong hat selbst einige Monate in einer Fabrik in Shenzhen gearbeitet und mit Mädchen wie A'xiu in einem Wohnheim gelebt.

Ihre Interviews sind nun auf deutsch erschienen. Ihre Feldforschung verarbeitete Pun Ngai zu einem ambitionierten Aufsatz, der ebenfalls in "Dagongmei" enthalten ist. In ihm zeigt sie, wie sich das Versprechen auf privates Glück und krasseste Über-Ausbeutung verquicken und die jungen Frauen vom Land zwischen Anpassung und Widerstand gegen Traditionen, die längst ihre Bedeutung verloren haben, schwanken. Obwohl dabei die Arbeitsbedingungen eher am Rande erwähnt werden, gehört die Beschreibung der "industriellen Knochenmühle" zu den eindringlichsten und aufschlussreichsten Passagen des Buches.

Die Arbeit der Wanderarbeiterinnen hat nichts mit einer "postindustriellen Wissensgesellschaft" zu tun, viel dagegen mit den Autofabriken Fords Anfang des 20. oder sogar den Arbeitshäusern des 19. Jahrhunderts: laut, schmutzig, monoton, ohne Pause, auf die Sekunde genau festgelegt.

"Dagongmei" enthält nicht nur eindringliche Zeugnisse, sondern auch eine Einführung, Karten und ein Glossar der wichtigen Begriffe. Warum sich auf die Vermutungen westlicher Journalisten verlassen? Hier ist ein echter Einblick in die chinesische Gesellschaft, ihre Dynamik und Brutalität zu haben.

Pun Ngai / Li Wanwei: Dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen. Assoziation A, Berlin / Hamburg 2008, 227 Seiten, 18 Euro.

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