Flieg, Vöglein flieg

Juli Zeh wird kriminalistisch: In ihrem Roman "Schilf" huldigt sie dem doppelten Denken

Von xpeko

Juli Zehs Sprache ist rhythmisch und leicht. Einer solchen Sprache vertraut man sofort, sie verspricht ein besseres, reicheres, richtigeres Leben. Einerseits. Andererseits ist es ja so, dass einem auf der Sonnenseite bei Anstrengung besonders schnell der Schweiß ausbricht, und tatsächlich erweist sich der Zehsche Plauderton in "Schilf" recht schnell als nur gering belastbar. Geht es um Theoretisches, wird es dozierend, kommen Gefühle ins Spiel, dräut Kitsch, und wie leicht die meisten Figuren geschildert werden, ist auch das Verdienst ihrer leichten Schilderbar-, mithin Klischeehaftigkeit.

"Schilf" ist das siebte Buch und der dritte Roman der 33-jährigen Autorin und Juristin Zeh. Bisher schrieb sie über Völker- und Menschenrecht, über Bosnien und über Hunde. Sie schrieb über Abhängigkeiten in menschlichen Beziehungen und über staatliche Unterdrückungsstrategien. Nach der Uraufführung ihres Stückes "Corpus Delicti" bei der Ruhrtriennale in Essen wurde sie im Deutschlandfunk als "weiblicher George Orwell der Gegenwart" bezeichnet.

Jetzt hat Juli Zeh so etwas wie einen Krimi verfasst. Einen Krimi, weil die titelgebende Figur in "Schilf" ein Kommissar ist, und weil es einen Mord gibt, den er aufklären will. So etwas wie, weil die Leser von Anfang an wissen, wer der Mörder ist, und weil Physik und Zeittheorien eine viel größere Rolle spielen als das Verbrechen.

Es geht um Sebastian, einen Freiburger Universitätsphysiker und seinen Jugendfreund Oskar, der als Theoretiker in Genf daran arbeitet, "die Quantenmechanik mit der allgemeinen Relativitätstheorie zu vereinigen". Sebastian hat Frau und Kind, Oskar kultiviert die soziale Unabhängigkeit eines intellektuell Überlegenen. Einmal im Monat kommt er zu der Freiburger Kleinfamilie zum Essen, und diesen Besuch inszeniert Zeh zu Anfang des Buches als Einmarsch eines Gladiators. Die Herankunft wird in allen Figuren gespiegelt, bevor ER seinen Fuß über die Schwelle setzt und sich sofort ins existenzielle Fachgespräch mit Sebastian stürzt.

Denk doppelt

Die allseitige Nervosität bei diesen Besuchen ist begründet. Denn durchaus hätte Sebastian sein Leben statt mit Maike und Liam auch mit Oskar führen können. Als Student war er nahe dran. Zeh schildert in Rückblenden eine narzisstisch geprägte Dandy-Beziehung. Doch dann Oskars Sündenfall: Öffentlich demonstrierte er, ein Goliath der Physik, seine Überlegenheit, und Sebastian antwortete mit der Steinschleuder: Universitätsanstellung und Hochzeit.

Das ist nun zehn Jahre her. Oskar liebt aus der Ferne weiter, Sebastian tut so als wäre nichts, kokettiert aber, von Oskar dafür verhöhnt, mit der Viele-Welten-Theorie, der These von der Existenz von Paralleluniversen also. Schicksalsfragen in Fachtermini gespiegelt, man weiß nicht, ob die physikalischen Ausführungen Krücke oder Anlass sind.

Einer, der unter mehreren Möglichkeiten die Wahl getroffen hat, imaginiert auf abstrakter Ebene fortgesetzt Optionen; einer, der immer nur einen Weg vor sich gesehen hat, versucht, diesen weiter zu gehen. Oskar wirbt um Sebastian, indem er dessen derzeitige Existenz vernichten will. Sebastian, der sowieso das Gefühl hat, alle zu betrügen, weil er sich keinem ganz zuwenden kann, wird auch äußerlich zu einem Schuldigen, indem er einen Mord begeht. Absichtsvoll und doch nur aus Versehen, weil auf einem Missverständnis beruhend. Ganz deutlich darf man bei einem Krimi ja nicht werden. Aber es ist ein Unbeteiligter, der umgebracht wird.

Die Situation ist psychologisch komplex und hat tragischen Gehalt. Doch nicht hier liegt Juli Zehs Interesse. Statt dessen konjugiert sie das Viele-Welten-Ding durch, verengt auf das Orwellsche "Doublethink": das gleichzeitige für möglich Halten des sich Ausschließenden in "1984".

Für Oskar ist Sebastian ein Doppeldenker, weil er die Liebe zu ihm, Oskar, nicht auslebt. Und Sebastian weiß im Laufe der Mordplanung lange nicht, ob er den abstrusen Mord jetzt eigentlich schon begangen hat und wenn ja, wie. Auch Kommissar Schilf, der erst im vierten der sieben Kapitel auftritt, ist ein Doppeldenker, was aber konkrete Ursachen hat. Er hat einen Gehirntumor, der seine Wahrnehmung zuweilen verändert; kriminalistisch ein Vorteil.

Auf zum Tatort

Die Kriminalbeamtin Rita Skura wiederum hat sich selbst zur Doppeldenkerin erzogen, nachdem ihr Kommissar Schilf in der Polizeischule nahelegte, bei ihrer offensichtlichen Instinktlosigkeit doch einfach immer das Gegenteil von dem anzunehmen, was sie für wahr hält. Ein Erfolgstipp. Juli Zeh schlägt einiges Kapital daraus und hat ein Füllhorn drolliger Figuren parat. Doch die Trivialisierung des "Doublethink"-Motivs hat auch eine Richtung. Zum Showdown inszeniert Kommissar Schilf die Situation der Ermordung nach und lotst denjenigen, den er für den wirklich Schuldigen hält, zum Tatort. Dort wird dieser nun Zeuge eines Mordes, der bereits geschehen ist, also gar nicht mehr stattfinden kann, wird für den Bruchteil einer Sekunde zum Doppeldenker, erkennt das Ausmaß des bislang Verdrängten (dass er nämlich gedacht hat, er könne sich seiner Wahrnehmung sicher sein) und bricht innerlich zusammen.

Der gleichzeitige Tod des Kommissars gerät zur Apotheose, Geigen erklingen, was bei Zeh heißt: "Ein Vogel steigt auf. Findet seinen Schwarm. Kreist über der Stadt."

Hier löst die Autorin Orwell in Aristoteles auf, verharmlost das sich längst ins allgemeine Denken hineingefressene Doppeldenken zum ästhetischen Phänomen und erweist sich als gläubige Anhängerin der Katharsis-Lehre. In der Konfrontation mit dem Als-Ob der Leidenschaften, im Theater also, reinigt und befreit sich die Seele? Juli Zehs Karriere als Bühnenautorin fängt ja erst an.

Aber warum heißt das Buch "Schilf"? Weil Juli Zeh so gerne Vögel an- und abfliegen lässt (poetisch gelungene Stellen übrigens)? Oder weil Schilf den Übergang vom See (Seele) zum Land (Realen) markiert? Beides wären romantische Gründe. Wie auch das Spiegelungsmotiv und das Doppelungsthema Züge romantischer Sehnsucht anzeigen.

Ein pralles Buch, das viel versucht, und in dem vieles misslingt. Man muss es im latenten "Doublethink" bewerten: Im Bewusstsein, dass es nicht gut ist, kann man es mögen.

Juli Zeh: Schilf. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2007, 382 Seiten, 19,90 Euro.

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