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Flaschenpost von den Schnapsinseln

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Von: Arno Widmann

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Wolfgang Kubin schreibt Essays über Alkoholisches.
Wolfgang Kubin schreibt Essays über Alkoholisches. © REUTERS/Symbolbild

Der Sinologe Wolfgang Kubin widmet eine anregende Essay-Sammlung dem ambivalenten Genuss starker Alkoholika. Vom Celler Ratzeputz hinein in die weite Welt der chinesischen Hochprozenter.

Der 1945 in Celle geborene Dichter, Essayist und Übersetzer Wolfgang Kubin war bis zu seiner Emeritierung Professor für Sinologie in Bonn. Wohl niemand hat in den vergangenen dreißig Jahren so viel für die Verbreitung chinesischer Literatur in Deutschland getan wie er. Kubin hat neben Übersetzungen klassischer und lebender Autoren, neben einer Reihe monographischer Arbeiten, eine zehnbändige Geschichte der chinesischen Literatur herausgebracht, von der er drei Bände selbst geschrieben hat. Darunter den Band über die chinesische Literatur des 20. Jahrhunderts, der in China für Empörung sorgte.

Dem Lu-Xun-Liebhaber und -Übersetzer Kubin erscheint die offiziell gepriesene Gegenwartsliteratur nicht gerade als Höhepunkt der chinesischen Literaturgeschichte. 2007 erhielt er dann doch den Staatspreis der Volksrepublik. Vielleicht auch darum, weil ihn die im Westen beliebte Perspektive nervt, die die Literaten zu gerne nur in Systemtreue und Dissidenten unterscheidet.

Jetzt sind im Weidle-Verlag acht Schnapsessays erschienen. Es sind Aufsätze, in denen sich die Erzählungen von der Schnapsverliebtheit klassischer chinesischer Dichter verbinden mit den Berichten über die alkoholischen Erlebnisse, die Aufschwünge und Abstürze, des China-Reisenden Kubin. Der Autor ist ehrlich genug, darauf hinzuweisen, dass er nicht der Chinesen oder gar der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihnen bedurfte, um auf den Schnaps-Geschmack zu kommen. Er erinnert daran, dass im Emsland der Klare als Apéritif dient, der vor dem Bier ausgeschenkt wird, und natürlich wird der Celler Ratzeputz stolz erwähnt. Mit 58 Prozent Alkoholanteil genau die richtige Einstiegsdroge in die weite Welt der chinesischen Hochprozenter.

Würgen, speien oder sterben

Die betritt man nicht einfach so, geschweige denn, dass man sich schnell dort heimisch fühlen könnte. „Zunächst schreckt der üble Geruch ab, dann stellen die hohen Prozente eine Herausforderung besonderer Art dar und schließlich weiß der Fremde beim ersten Schluck nicht, ob er würgen, speien oder tot umfallen soll.“ Die Schluckspechte unter den Lesern seien darauf hingewiesen, dass der 68-jährige Autor dieses Textes bis heute exakt diese Gefühlsmelange beim Geruch von Alkohol empfindet. Er ist nie aus der Welt der kindlichen Abscheu gegenüber den Bitterstoffen hinausgetreten.

Kubins freudige Erregung bei den Erzählungen seiner Schnapserlebnisse, seine Beschwörungen tiefsinniger Gespräche über kleinen, rasch nachgefüllten oder langsam ausgesippelten Gläsern spürt er, aber ihren Anlass kann er nicht nachempfinden. Es ist die unbekannte Welt des Suffs. Rätselhaft wie die Tiefsee. Es gibt Menschen, die müssen ihren Aggregatzustand ändern, um das Gefühl zu haben, etwas zu erleben. Dem einen langt es, ein Sinologe zu sein und die Preislieder der klassischen Dichter auf die Schnäpse ihrer Zeit zu übersetzen. Dem anderen genügt das nicht. Er will Teil dieser anderen Welt sein, nicht nur ihr nüchterner Beobachter. Kubin ist ein Meister der teilnehmenden Beobachtung und zu unserem Glück, also auch zum Glück der Nüchternen, sendet er mit diesem Buch eine Flaschenpost von den Schnapsinseln in die Welt der Apfelschorlenliebhaber.

Es gibt Gelage, bei denen ein Kommunikationswissenschaftler aus Peking behauptet, seinen Freunden einen Schnaps für 3600 Euro mitgebracht zu haben. Bei anderer Gelegenheit wird in einer Kaschemme Hochprozentiger für wenige Cents geschluckt. Es geht immer wieder um das gemeinsame Sich-Besaufen, darum, das den Herren offenbar gar zu bewusst erscheinende Bewusstsein systematisch zu trüben. Freilich so, dass diese Trübung den Trinkern als eine Schärfung, jedenfalls als eine Konzentration auf das Wesentliche erscheint.

Das Zurücktreten des Ichs rückt die Utopie seines gänzlichen Verschwindens in den Bereich des Machbaren. Gleichzeitig besteht der Stolz der Trinker darin, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Der wahre Trinker ist zudem nicht auf Gesellschaft angewiesen. Er hat den Flachmann dabei und weiß ihn im richtigen Augenblick zu nutzen.

Des Trinkers natürlicher Feind ist – gesellschaftsübergreifend –, berichtet Kubin, die Ehefrau. In allen Sprachen ruft sie den Ehemännern, die sich in Arbeitszimmer und Keller zurückziehen, nach: Trink nicht so viel! Ich weiß von Ehen, die alkoholisch geschlossen und in Alkohol konserviert wurden. Vielleicht waren das Rotwein-Ehen. Aber das zählt nicht in der Schnapswelt. So viel habe ich gelernt.

Besser, ich gebe noch einen Tipp Kubins weiter: die Inselgruppe Quemoy. Sie heißt heute Jinmen oder Kinmen. Sie liegt nur zwei Kilometer vor dem Festland der Volksrepublik China und 280 Kilometer von Taiwan entfernt, gehört aber dennoch zu Taiwan. „Kinmens bekanntestes Produkt ist der aus Hirse gebrannte hochprozentige Kaoling-Likör.“ So trocken formuliert das Wikipedia. Wolfgang Kubin dagegen gibt eine Liebeserklärung ab und empfiehlt den Anflug über Hongkong und seine Nüstern weiten sich, wenn er die Gangway in Quemoy hinuntergeht. Er riecht den Schnaps.

Wolfgang Kubin: Die Geschichte eines Flachmanns. Schnaps-Essays. Weidle Verlag, Bonn 2014. 172 S., 19 Euro.

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