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Flaneurin in Moll

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Patti Smith, vor allem als Musikerin bekannt, im vergangenen Jahr.
Patti Smith, vor allem als Musikerin bekannt, im vergangenen Jahr. © REUTERS

Sie war schon Dichterin, ehe sie zum Punkrock kam: Patti Smiths wunderbares Erinnerungsbuch „M-Train“.

Von Frank Junghänel

Wer in Berlin das Café Pasternak am Wasserturm besucht, kann mit reichlich Glück nicht nur italienische Touristen beim Prenzlauer-Berg-Seeing besichtigen. Manchmal sitzt dort eine hagere Frau mit langen grauen Haaren an einem Tisch vor einem Glas schwarzen Kaffees, immer unter dem Bild von Michail Bulgakow, das ist ihr Stammplatz. Patti Smith hat das Pasternak vor Jahren bei einem Spaziergang entdeckt, auf dem Höhepunkt ihrer Obsession für den Roman „Der Meister und Margarita“. Jetzt ist es eine Art Heimat für sie geworden, oder vielmehr eine Heimat für ihre Gedanken.

Es gibt viele solcher Cafés auf der Welt, es sind Orte, die sie als Ankerplatz auf ihren Reisen schätzen gelernt hat. Oftmals führen sie diese Reisen in die Erinnerung, dann kann sie sich ihren Tagträumen anvertrauen und all die geliebten Menschen besuchen, die sie im Laufe ihres fast siebzigjährigen Lebens verloren hat. Sie kann über Vergänglichkeit nachdenken und den Trost, der darin liegt, dass nichts vergangen ist, solange sie es in ihren Gedanken aufhebt. Mitunter aber heißt es, den kleinen Metallkoffer packen. Und das nach einer stets identischen Liste: „Ausweis, schwarzes Sakko, Latzhose, Unterwäsche, 4 T-Shirts, 6 Paar Bienensocken, Polaroidfilme, Land Camera 250, schwarze Wollmütze, Dose Arnikasalbe, kariertes Moleskin, äthiopisches Kreuz.“

So ist „M-Train“ (der Titel steht für Mind-Train, Zug der Gedanken) weit mehr als eine autobiografische Notiz, es ist ein Buch aus Reflexionen und inneren Bildern, in dem sich das Philosophische auf beglückende Weise mit dem Praktischen trifft. Eben noch streifte man mit der Autorin durch die Gefängnislandschaft von Französisch-Guayana, die Patti Smith 1981 gemeinsam mit ihrem Ehemann Fred im Geiste des von ihr verehrten französischen Romanciers Jean Genet besucht, schon kotzt zu Hause die Katze auf ihr Kopfkissen. Alles ist gleichzeitig da, das Fundamentale und das Banale, das Wahre und das Imaginierte. Alles in einem Erzählstrom verwirbelt.

Als vor sechs Jahren ihr Buch „Just Kids“ erschien, in dem Patti Smith ihre frühe Kindheit und Jugend beschrieb und vor allem natürlich ihre schicksalhafte Beziehung zu dem Fotografen Robert Mapplethorpe, offenbarte sich eine künstlerische Seite an ihr, die jene, die allenfalls mit ihrer Musik vertraut waren, überrascht haben muss. Doch war Patti Smith Dichterin, lange bevor sie zum Punkrock kam.

Nun, da es mit dem Punkrock vorbei ist, findet sie sich als Poetin wieder. Nachdenklicher, nachsichtiger auch, voller Humor und ohne jede Eitelkeit. Understatement ist in solch persönlichen Texten oft nur ein fadenscheiniges Deckmäntelchen für ausgeprägte Egozentrik.

Wenn aber Patti Smith hier als einstige Extremlyrikerin seitenlang über ihre Vorliebe für Krimiserien plaudert, wirkt das nicht kokettierend, sondern grundsympathisch. Bei Reisen nach Europa macht sie manchmal in London Station, um sich in ein Hotelzimmer einzuschließen und nächtelang Krimis zu gucken. „Für alle Fälle Fitz“, „Lewis“, „Inspektor Morse“. Die liebste Ermittlerin überhaupt ist ihr jedoch Sarah Linden aus „The Killing“, der amerikanischen Version der dänischen Serie „Kommissarin Lund“.

Als „The Killing“ nach 38 Folgen zu Ende ist, spürt Patti Smith eine Traurigkeit, die sie so noch nicht bei sich kannte. „Was sollen wir tun mit denen, die sich per Fernbedienung holen oder verwerfen lassen, die wir genauso lieben wie einen Dichter aus dem 19. Jahrhundert, einen verehrten Fremden oder eine Figur aus der Feder von Emily Brontë?“ Alles geht verloren, irgendwann.

Mit dem Text verwoben sind in diesem Buch Fotos von Stationen ihrer Lebensreise, Tolstois Bär in Moskau, Frida Kahlos Bett in der Casa Azul, Schillers Gartentisch in Jena, Haruki Murakamis „Mister Aufziehvogel“. Immer wieder Gräber, immer wieder Cafés. Die meisten dieser Bilder hat Patti Smith mit ihrer Polaroidkamera aufgenommen, die sie dann eines Tages natürlich auch verliert, es passiert in Rockaway Beach, einem Stadtteil von New York, wo sie sich ein abgewirtschaftetes Strandhaus einrichtet – kurz vor dem Hurrikan Sandy. Die Wucht des Unwetters nimmt sie nun unter ihrem Dachfenster, auf das der schwere Regen trommelt, mit auf eine dunkle, herbstliche Wanderung.

Im November 1994 war in einem Gewittersturm ihr Mann Fred gestorben, mit 45 Jahren, an Herzschwäche. „Fred war mir näher denn je“, schreibt sie. „Seine Wut und sein Kummer, dass er fortgerissen wurde.“ Und so kreist dieses Buch, das im Sound oft melancholisch, aber niemals sentimental ist, im Grunde wie ein Strudel um diese Leerstelle in ihrem Leben, die Abwesenheit ihres geliebten Gefährten. Am Ende dreht sich alles um das Alleinsein, nicht nur im Café.

Patti Smith: M-Train. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 336 Seiten, 19,99 Euro.

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